Kritisch und kontrovers Wie führt man Interviews mit Politikern?

Ein Interview sollte im Idealfall nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch etwas über den Interviewten aussagen. Dieser Meinung ist zumindest Henriette Löwisch, Leiterin der Deutschen Journalistenschule München. Ein gelungenes Interview gehe über die Sachebene hinaus und zeige auch: Was ist der Befragte für ein Mensch? MEDIEN360G hat sich weitere Tipps für ein "gutes politisches Interview" bei ihr geholt.

von Johanna Hoffmeier

Porträt von Henriette Löwisch 15 min
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Ein Interview sollte im Idealfall nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch etwas über den Interviewten aussagen. Dieser Meinung ist zumindest Henriette Löwisch, Leiterin der Deutschen Journalistenschule München.

Di 08.01.2019 10:12Uhr 15:00 min

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Was muss ein gutes politisches Interview leisten?

Ein gutes politisches Interview muss zwei Sachen leisten. Es muss Informationen und Meinungen herausbringen aus dem Interviewten und es muss gleichzeitig aber auch den Zuschauerinnen oder den Leserinnen und Lesern zeigen, was ist das für ein Mensch. Das heißt, es muss auch Informationen enthalten, vielleicht nicht gesprochene, nicht ausdrückliche, aber spürbare Informationen, was ist das für ein Mensch, der da dem Interviewer gegenüber sitzt.

Worauf sollte der Interviewer in einem solchen Interview achten?

Zum Beispiel ist es wichtig in dieser Interviewsituation, vor allem im Fernsehen, also in einem Interview, das sich die Menschen hinterher anschauen können, aber in gewisser Weise auch in der Zeitung, dass der Interviewer nicht dauernd grinst und lächelt und nickt und den Eindruck erweckt, dass es nur darum geht, den Politiker oder die Politikerin oder den Interviewten zu bestätigen. Also ich glaube, dass die Souveränität und die Sicherheit eines Journalisten, der Interviews führt, unter anderem daran zu erkennen ist, ob er oder sie ständig versucht zu nicken und zu lächeln und solche Signale zu geben, von denen man nicht weiß, wie die Zuschauerinnen und Zuschauer das dann verstehen.

Laut des Medienwissenschaftlers Michael Haller gab es früher eher kontroverse Interviews als heutzutage, stimmen Sie dem zu?

Es stimmt, das beste politische Interview ist wie ein Duell. Es ist trotzdem respektvoll. Es ist kein Interview, wo es nur darum geht, dass der Interviewer zeigt, wie toll, schlau und souverän er oder sie ist. Es muss eine Mischung geben aus Respekt – denn jedes Interview ist freiwillig, der Interviewte nimmt ja freiwillig an dem Interview teil. Das heißt, es muss Respekt geben. Der Journalist muss auch den Interviewten ausreden lassen. Es muss möglich sein, seine Perspektive vorzutragen, aber gleichzeitig muss der Journalist nachhaken, einhaken. Die italienische Journalistin Oriana Fallaci hat das tatsächlich mal ein Duell genannt. Ein Duell ist ja etwas, was fair ist. Wo beide Seiten mit gleichen Waffen kämpfen und darauf kommts an bei einem Interview.

Wie hat sich politische Interviewführung demnach im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert?

Das ist eine interessante Frage, denn es ist ja so, dass sich beide politischen Lager beschweren. Nehmen wir mal an, der Tagesthemen-Moderator oder die Heute-Journal-Moderatorin führen ein Interview mit einem Politiker, dann gibt es die Hälfte der Zuschauer, die werfen den Moderatoren vor, sie sind nicht hart genug gewesen. Sie haben nicht genug eingehakt. Und die andere Hälfte kritisiert, dass die Moderatoren den Interviewten gar keinen Raum gegeben haben mal auszureden. Lasst sie doch mal ausreden… Wie man’s macht, macht man’s falsch, deswegen finde ich es unheimlich schwer, dass nachzuvollziehen, es gibt da einen klaren Trend oder eine klare Entwicklung.

Inwieweit haben sich Interviews in Fernsehformaten verändert?

Was das Fernsehinterview anbetrifft ist es so, dass mir im Moment keine regelmäßige   tägliche oder wöchentliche Sendung einfällt, wo eine Eins-zu-Eins-Interview stattfindet: ein langes Interview, wo eine Journalistin oder ein Journalist einen Protagonisten eine Stunde lang befragt. Das gab’s noch Anfang der 2000er Jahre. Da gab’s zum Beispiel eine Sendung bei ntv, bei diesem Privatsender ntv, bei dem Sandra Maischberger Menschen ausführlich befragt hat. Das war ein unglaublich tolles Format. Das hat sie ganz ganz toll gemacht. Dieses Format gibt’s nicht mehr. Inzwischen sind wir mehr zum Format Talkshow gewandert, also weg von dem Eins-zu-Eins-Verhältnis zwischen Befragtem und Befrager hin zu Talkshow-Formaten, wo mehrere Leute sitzen und dadurch eine Konflikt entsteht von dem man sich verspricht, dass er einen höheren Unterhaltungswert hat.

Fehlen ausführliche politische Interviews in der Fernsehlandschaft?

Also mir fehlt’s. Also ich glaube gerade in einer Zeit, wo so aggressiv gestritten wird, unter anderem auch in den sozialen Medien und online, wäre es schön auch, zu verlangsamen, auch zu sagen: Wir nehmen uns Zeit für ein ausführliches Interview. Zum Teil wird das schon gemacht, zum Beispiel Jochen Wegner von der ZEIT hat diesen ewig langen Podcast, der überhaupt nicht endet, wo das Thema ist: Wir reden solange, wie es was zu reden gibt. Die Frage ist: Wer hat Zeit, sich das wiederum anzugucken?

Wie viel Provokation innerhalb eines politischen Interviews ist erlaubt, um Inhalte zu generieren?

Wenn man an das Bild vom dem Duell denkt sind natürlich auch kleine Scheinangriffe und Finten erlaubt. Sie sollten aber nie die Ebene des Respekts verlassen. Man muss sich immer überlegen als Journalistin oder Journalist, dass der Mensch der einem gegenüber sitzt auch aufstehen könnte und gehen und dazu eigentlich jedes Recht hätte, und das heißt, es muss schon ein respektvoller Umgang bleiben, aber natürlich kann man in diesem Rahmen auch provozieren – das ist echt eine Frage der Balance.

Sie haben viele Jahre in Amerika gelebt und gelehrt – inwieweit unterscheiden sich politische Interviews in den USA von denen in Deutschland?

Ich würde sagen im Fernsehen ist es so, dass in den USA viel aggressiver gefragt wird, aber auf eine negative Art und Weise aggressiver. Das heißt, es wird versucht sehr konsequent die Interviewpartner dazu zu bringen, extrem zuzuspitzen. Häufig gibt es auch eine kleine Talkshow-Situation in der aktuellen Berichterstattung. Sie müssen sich vorstellen, dass im Kabelfernsehen in den USA drei verschiedene Fenster offen sind und in jedem ist ein Protagonist, ein Mensch der interviewt wird, und dem werden dann die Fragen zugespielt und es wird erwartet, dass man zugucken kann, wie reagieren denn die anderen. Wie reagieren ihre Gesichter auf das, was einer sagt. Das heißt, es ist unglaublich wichtig zuzuspitzen. Und es ist natürlich auch so, dass jemand der Showmaster-Fähigkeiten hat viel besser in diesem Medium wirkt und sich besser verkauft und auch das Medium besser verkauft als jemand, der eher still ist, eher abwägend, eher vernünftig ist.

Welche Möglichkeiten habe ich als Interviewer, auf Worthülsen zu reagieren?

Sie müssen unglaublich gut vorbereitet sein, um auf Worthülsen überhaupt reagieren zu können, weil sie müssen sie ja entlarven. Das heißt, sie müssen in der schnellen Interview-Situation verstehen, das ist jetzt eine Worthülse, ich kann jetzt folgendes Argument bringen oder diesen Fakt bringen, um diese Worthülse zu hinterfragen. Man kann natürlich auch sagen: Seien Sie doch Mal konkret, geben Sie doch Mal ein Beispiel, aber das endet an einem bestimmten Punkt. Und wenn die Journalisten vorher nicht gründlich recherchiert haben und Fakten zur Verfügung haben, dann wird dieser Plan nicht aufgehen, gegen diese Worthülsen vorzugehen.

Wie kann ich reagieren, wenn ich einen Politiker befrage, der das Interview eher als Angriff und weniger als Diskurs wahrnimmt, wie Trump beispielsweise?

Es gibt ja im Interview die offenen und die geschlossenen Fragen. Geschlossene Fragen sind „ja/nein-Fragen“, also Fragen die man mit ja oder nein beantworten könnte. Offene Fragen sind Fragen nach dem wie, nach dem warum, dem was, beschreiben Sie doch mal genau oder nennen Sie ein Beispiel. Politiker, die sehr viel reden, Vielredner, kann man versuchen zu stoppen mit geschlossenen Fragen. Wo man tatsächlich sagt: Entweder…oder… A oder B… bis hin zu: Wie würden Sie sich beschreiben: Liberal oder linksliberal? Jetzt nur als Beispiel. Während es ja auch Leute gibt, die zurückhaltender sind, und für die macht es Sinn, die „Wie-Fragen“ zu stellen, die „Warum-Fragen“ zu stellen, um die anderen Menschen erstmal dazu zu bringen, dass sie dem Interviewer vertrauen und sich öffnen.

 Wie kann ich in Interviews mit einem Gesprächspartner bestehen, der extremistische Positionen vertritt?

Erstmal ist es sehr sehr wichtig, dass die Journalistinnen und Journalisten das Thema oder die Themen setzen für das Gespräch. Das heißt, dass sie sich vorher genau überlegen müssen, nach welchem Bereich frage ich denn? Frage ich den Politiker nach dem, wonach er gefragt werden will, drücke damit auf einen Knopf und dann sprudelt’s oder frage ich ihn nach Themen, auf die er dann doch nicht so gut vorbereitet ist oder über die er oder sie nicht sprechen will. Ein gutes Beispiel war das Sommerinterview im ZDF, das Thomas Walde mit Alexander Gauland gemacht hat, wo es nicht nur um das Thema Migration, sondern auch ums Thema Klimawandel, ums Thema Rente ging und wir deswegen viel mehr über Herrn Gauland als Person und über seine Ideen erfahren haben als wir sonst erfahren hätten. Dazu musste der Interviewer gar nicht übertrieben aggressiv sein oder den Interviewten ständig korrigieren, sondern er hat einfach das Themenspektrum anders definiert.

Wie reagiere ich, wenn mein Interviewpartner permanent ausweicht? Haben Sie ein gelungenes Beispiel eines solchen Interviews?

Ich habe darauf keine Patentantwort. Armin Wolf, der Moderator des ORF, hat ja diesen Sommer ein Interview geführt mit Wladimir Putin. Wahrscheinlich einer der schwierigsten Interviewpartner, die es überhaupt gibt, weil Wladimir Putin weiß genau, wie er so eine Gesprächssituation beherrscht. Was Armin Wolf dort meisterhaft geleistet hat, dass er wie in einem Duell, zum Teil zurückweicht, an manchen Stellen zurückweicht und sagt: ich verzichte jetzt diesen Angriff weiter auszuführen, denn der führt nirgendwo hin. In anderen Fällen aber immer wieder nachsetzt und nochmal nachhakt und nochmal nachhakt, nicht mit wortgleich derselben Frage, aber an einem Thema dran bleibt und das kann er auch, weil er sich wochenlang auf so ein Thema vorbereitet und schon erahnt und aus anderen Interviews weiß, wie sich sein Gegenüber verhalten wird.

Welchen Stellenwert hat Interviewführung in der Journalisten-Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule München?

Interviewführung ist einer der wichtigsten Aspekte einer journalistischen Ausbildung, weil es die Grundlage von so Vielem ist. Die Grundlage von Reportagen, die Grundlage von Interviewsendungen, die Grundlage von Moderationen. Das heißt, es ist eines der Kernelemente der Ausbildung.

Wie wird Interviewführung in der Journalisten-Ausbildung bei Ihnen gelehrt?

Wir haben Unterrichtseinheiten, die darauf fußen, dass die Dozenten und Dozentinnen Gesprächspartner einladen, echte, reelle Gesprächspartner, die bereit sind, die Schüler an sich üben zu lassen und dadurch gleichzeitig auch üben. Diese Gesprächspartner sind oft Spitzenpolitiker. Früher war es oft Markus Söder. Ich weiß nicht, ob er das jetzt noch macht, wo er Ministerpräsident ist, auch Natascha Kohnen, also bayerische Spitzenpolitiker. Wenn es weniger um Politik geht, dann Menschen wie Gerhard Polt, Schauspieler. Wir haben auch einen Kurs, der heißt „Begegnung mit dem Leid“, da geht es darum jemanden zu interviewen, der traumatisiert ist, jemand, der was Schreckliches erlebt hat.

Eigentlich kann man Interviews letztlich nur durch Übung lernen, indem man es häufig macht und dann immer aus seinen eigenen Fehlern lernt, und das versuchen wir an der DJS zu etablieren, diese Art von Lernen bei den Schülern.

Welche Tipps haben Sie für ein gelungenes politisches Interview?

Bereite dich säuberlich vor! Lächle und grinse nicht, sodass die Leute nicht den Eindruck haben du schleimst dich ein. Zeige Respekt vor dem Interviewten. Jeder Mensch muss respektvoll behandelt werden und behalte die Uhr im Blick. Du hast nicht unbegrenzt Zeit. Und einer der wichtigsten Tipps: Man muss natürlich auch zuhören können! Ein Interview lebt davon, dass der Interviewer dem Interviewten tatsächlich zuhört und die Zuschauer merken total schnell, wenn das nicht passiert und kritisieren das auch schnell.

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2019, 15:24 Uhr

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