MEDIEN360G im Gespräch mit... Malte Pieper

"Die Politik aber auch wir sind gefordert, dass Komplizierte so zu erklären, dass man es am Ende in vier Sätzen verstehen kann. So schwer ist es am Ende nicht", meint Malte Pieper, MDR-Korrespondent in Brüssel.

von Dagmar Weitbrecht

Porträt von Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl 8 min
Bildrechte: MEDIEN360G / Foto: MDR

"Die Politik aber auch wir sind gefordert, dass Komplizierte so zu erklären, dass man es am Ende in vier Sätzen verstehen kann. So schwer ist es am Ende nicht", meint Malte Pieper, MDR-Korrespondent in Brüssel.

MDR FERNSEHEN Do 16.05.2019 15:25Uhr 07:50 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienpolitik/interview-malte-pieper-104.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

MEDIEN360G ist das Portal für Medienthemen des Mitteldeutschen Rundfunks. Die Europawahl 2019 rückt immer näher. Die Parteien und Kandidaten werben um die Wähler und hoffen auf eine gute Wahlbeteiligung. 2014 lag die bei 43,9 Prozent. Ich spreche jetzt mit dem MDR-Korrespondenten in Brüssel, Malte Pieper, hallo!

Malte Pieper: Hallo!

MEDIEN360G: 2014 ging nicht einmal jeder zweite Wahlberechtigte in Deutschland zur Europawahl. Warum hat es Europa so schwer?

Malte Pieper: Ich glaube, weil Europa nicht so richtig greifbar ist. Jeder muss eigentlich nur die Augen aufmachen und sieht die blauen Schilder. Dies und das wurde von der EU gefördert, und das kann man wirklich überall sehen, bei Brücken, bei Kindergärten, bei was weiß ich wo. Aber am Ende rückt Brüssel dann doch sehr weit weg, weil in der Konsequenz passiert ja Folgendes: In Brüssel wird der Rahmen gezimmert, das Bild wird aber in Berlin gemalt. Das heißt, in Brüssel macht man die großen Rahmenbedingungen, macht die Richtlinien, wie es denn eigentlich ablaufen soll. Wir hatten beispielsweise ja in dieser Woche ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, dass künftig die Zeit bei jedem erfasst werden muss, wenn er arbeitet. Das heißt, es gibt die Vorgabe, ihr müsst in die Gesetze reinschreiben, dass künftig bei Arbeitnehmern die Zeit erfasst wird. Aber wie man das konkret löst, das entscheidet dann wiederum die Bundespolitik. Das heißt, die entscheidet dann, ob wirklich jeder eine Stechuhr bekommt oder ob es andere Möglichkeiten gibt, und hängen bleibt natürlich dann am Ende, dass es in Deutschland so und so geregelt wird, und dann ist die Bundesregierung dafür verantwortlich. Die macht sich andersherum natürlich auch einen schlanken Fuß, wenn sie Gesetze aus der EU umsetzen muss, die ihr nicht passen - beispielsweise die Abschaffung der Glühbirne - dann schiebt sie die Verantwortung nach Brüssel und sagt: Na ja, das kommt alles von der EU. Dass wir das mal in Auftrag gegeben haben, dass sowas kommen soll zur klimaneutralen Energieeinsparung, daran kann man sich in Berlin nicht mehr erinnern, weil es natürlich einfacher ist, den Schwarzen Peter weit wegzuschieben.

MEDIEN360G: Brüssel ist weit weg, das sagten Sie gerade, aber Sie arbeiten jeden Tag dort als Korrespondent. Wie muss man sich so einen Tag vorstellen?

Malte Pieper: Das ist eigentlich höchst unterschiedlich. Morgens, am Vormittag haben wir Kontakt mit unseren Redaktionen, fragen da nach, welche Berichterstattung wollt ihr an diesem Tag, welche Themen sollen abgebildet werden. Nun gibt es Tage, an denen muss gar nicht aktuell gearbeitet werden, weil einfach nichts passiert oder nichts Bewegendes passiert. Es gibt keine großen Entscheidungen. Dann wendet man sich dem zu, was man wie jede andere Redaktionen schon länger auf dem Schreibtisch liegen hat, Hintergrund-Berichterstattung, man muss Porträts machen, macht längere Reportagen. Das ist jeden Tag im Grunde genommen anders. Wenn man das mit Berlin vergleicht, da ist das viel deutlicher getaktet, weil da jeden Tag ein Thema, eine Sau durchs Dorf getrieben wird (kann man ja mal so sagen). Das ist in Brüssel nicht so, sondern in Brüssel unterscheiden sich tatsächlich die Tage voneinander.

MEDIEN360G: Es gibt Kommunikationswissenschaftler, die weisen darauf hin, dass sich die Arbeitsbedingungen für Korrespondenten in Brüssel verschlechtert haben. Personelle Kürzungen, freie Mitarbeit, Zeitdruck, keine Möglichkeit zur Recherche. Was bemerken Sie davon?

Malte Pieper: Ja, es werden weniger Kollegen oder sind weniger Kollegen in den letzten Jahren geworden. Das merkt man vor allen Dingen bei den Zeitungen, die nicht mehr so personell aufgestellt sind, wie sie es in den letzten Jahren (waren). Es gibt Kollegen, die 10, 12, 14 Zeitungen beliefern müssen. Zum Teil dann mit unterschiedlicher Regionalisierung. Das ist natürlich ein immenser Aufwand, das dann hinzubekommen, vor allen Dingen, die Fakten jedesmal zusammen zu bekommen. Wenn ich jetzt 14 Regionalzeitungen in Deutschland beliefern muss und mir dann Gedanken darüber machen muss, wie der Unterschied sich für Baden-Württemberg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern auswirkt, dann ist schon völlig klar, dass ich für die Recherche nicht mehr so viel Zeit habe, ob da die Fakten, die ich dann bekomme, auch tatsächlich so sind, wie sie sind. Das heißt, es wird alles viel anstrengender. Es wird viel komplizierter. Da kann man dann am Ende nur sagen: Da bleibt tatsächlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der sehr gut personell noch aufgestellt ist. Bei den Zeitungen, wie gesagt, wird es weniger. Wenn wir jetzt in andere Länder gucken, da ist es dann zum Teil wirklich ganz schlimm: Also, dass selbst große Länder wie Frankreich nur noch mit einer Handvoll Journalisten vertreten sind. Die machen dann am Ende alles aus Paris, weil beispielsweise beim Fernsehen die Bilder über die Eurovision ja in alle Länder geliefert werden. Die schneiden sich dann in Paris daraus ihre Fernsehberichte zusammen. Aber eigentlich ist Journalismus ja das Dabeisein, das vor Ort sein, das Beobachten, das mit Leuten reden, das Hinterfragen. Das kann ich natürlich alles von Paris aus nicht so gut machen, als wenn ich in Brüssel wäre.

MEDIEN360G: Das Stichwort „vor Ort“ nehme ich auf. Wie können Sie diese komplexen Themen der EU-Politik in kurzer Zeit erklären? Geht das überhaupt? Sie hatten vorhin das Stichwort Glühbirne.

Malte Pieper: Das wird zum Teil sehr schwierig. Wenn wir jetzt das Radio nehmen, gab es einen Trend, wo alles immer kürzer werden musste. Den gibt es bis heute auch. Ich kann aber in 40 Sekunden nur sehr schwer die Genese der Glühbirne erklären. Also warum die Glühbirne abgeschafft worden ist bei uns. Warum wir jetzt alle Energiesparlampen nur noch kaufen können. Das ist in 40 Sekunden fast nicht mehr zu machen. Dass es vorher Überlegungen der Regierungen der Mitgliedstaaten gegeben hat, dass man bei der Klimabilanz was machen will, dass man Strom sparen will, dass es dann einen Auftrag an die EU-Kommission gegeben hat, dass die sich mal Gedanken machen soll, wie man dieses Ziel, nämlich weniger Energie zu verbrauchen in Richtung Klimaschutz, wie man das denn umsetzen kann, und dass es dann einen Vorschlag quasi einen Katalog der EU- Kommission gegeben hat, die und die und die und die Maßnahmen sind möglich, und dass sich dann eben die Bundesrepublik Deutschland, die Bundesregierung entschieden hat: Dann schaffen wir die Glühbirne ab und setzen auf Energiesparlampen. Tschechien hat's beispielsweise ganz anders gemacht. Wir merken jetzt schon, wir haben jetzt die 40 Sekunden schon überschritten, während ich das jetzt gerade erzählt habe. Also es ist zum Teil einfach sehr schwierig, sehr komplex und da ist es halt viel einfacher, es auf drei Schlagworte zu bringen, was auch sehr verbreitet ist. Kann man in der BILD-Zeitung ja jeden Tag sehen, wenn der kleine Kasten gefüllt wird. Europa ist einfach sehr kompliziert und erfordert wirklich von jedem Journalisten selber, alles was man hat, um das irgendwie begreifbar zu machen in einer Länge, dass einem Menschen auch noch zuhören.

MEDIEN360G: Ich höre aus Ihrer Antwort Leidenschaft für das, was Sie tun. Jetzt steht der 26. Mai unmittelbar bevor. Was wünschen Sie sich?

Malte Pieper: Viele Kollegen reden im Moment von einer Schicksalswahl, weil es darum geht, ob die Populisten so stark werden bei dieser Wahl, wonach es aussieht, weil sie in Italien zulegen können. In Frankreich wiederum verliert Marine Le Pen leicht. Also es gibt Kollegen, die reden von einer letzten Chance und ob Europa nach dieser Wahl überhaupt noch handlungsfähig ist. Da sind wir aber wieder bei Schlagworten, dass einem jemand zuhört, wenn ich vor dem Weltuntergang warne. Dann habe ich Aufmerksamkeit. Ich kann halt nur nicht sechs Mal vorm Weltuntergang warnen. Das ist so, wie bei verschiedenen religiösen Gruppen. Wenn er (der Weltuntergang) dann nicht eingetreten ist beim dritten Mal, dann irgendwann glaubt man es auch nicht mehr. Ich glaube das diesmal auch nicht. Wir haben jetzt im Europäischen Parlament 22 Prozent die rechtsaußen sind der Abgeordneten. Nach der Wahl werden es 26 Prozent oder 27, vielleicht, wenn es ganz schlecht läuft, 28 Prozent. Jetzt kann sich jeder ausrechnen, wenn 28 Prozent rechtsextreme oder rechtspopulistische Abgeordnete sind, noch 72 Prozent über sind. Das macht mich eigentlich ganz hoffnungsfroh, dass diese Europäische Union weiterhin komplett handlungsfähig bleibt. Es wird nur ein bisschen anstrengender für die beteiligten Parteien, weil es nicht mehr reicht, wenn Christ- und Sozialdemokraten miteinander reden, um eine Mehrheit zusammen zu bekommen, sondern die müssten noch mit ein, zwei Parteien mehr reden. So what! Also es funktioniert alles. Es wird vielleicht ein bisschen anstrengender auch das zu vermitteln, was welche Kompromisse man am Ende findet. Aber wenn ich mir die Mühe nicht mehr mache, die Kompromisse, die ich gefunden habe, in einem demokratischen Wettbewerb, in einem demokratischen Aushandlungswettbewerb zu erklären, dann können wir dieses ganze System auch abschaffen, weil dann brauchen wir es nicht mehr. Das ist Demokratie, dass Kompromisse geschlossen werden und einfache Lösungen gibt es dabei nicht. Also wir sind alle gefordert. Die Politik ist dann gefordert, aber auch wir (Journalisten), dass dann noch Kompliziertere wieder so zu erklären, dass man es am Ende in vier Sätzen auch verstehen kann, weil so schwer ist es dann doch am Ende nicht.

MEDIEN360G: Für den MDR in Brüssel ist Malte Pieper als Korrespondent unterwegs, vielen Dank für das Gespräch.

Malte Pieper: Gerne.

MEDIEN360G: Für MEDIEN360G war Dagmar Weitbrecht am Mikrofon.

Zur Person Malte Pieper

Malte Pieper ist seit 2015 MDR-Korrespondent in Brüssel. Zuvor war er im Hauptstadtstudio tätig.

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2019, 13:57 Uhr