MEDIEN360G im Gespräch mit... Martin Fuchs

Martin Fuchs ist Politik- und Strategieberater in Hamburg. Er berät Regierungen, Parlamente, Parteien, Politiker und Verwaltungen in digitaler Kommunikation. Er ist Gründer der Social-Media-Analyse- und Benchmarking-Plattform pluragraph.de und bloggt über Social Media in der Politik unter hamburger-wahlbeobachter.de.

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Martin Fuchs sagt: "Wenn man sich anschaut, wie groß der Online-Wahlkampf und der Einfluss dessen ist, (das) ist immer sehr schwer zu messen, dann sagt man auch, dass es noch ein sehr kleiner Teil (ist)."

MDR FERNSEHEN Do 09.05.2019 10:54Uhr 05:59 min

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MEDIEN360G: Wir sind bei MEDIEN360G dem Portal für Medienthemen des Mitteldeutschen Rundfunks. Dreimal werden die Menschen in Mitteldeutschland in diesem Jahr an die Wahlurnen gerufen. Für die Parteien bedeutet das die Stunde der Wahrheit. Denn nur wenn es ihnen gelingt, Wähler zu mobilisieren, können sie weiter Politik machen. Dazu spreche ich jetzt mit Martin Fuchs Politik- und Strategieberater in Hamburg. Sie beobachten für verschiedene Organisationen und Parteien den Wahlkampf. Wie hat sich die digitale Kommunikation dort verändert?

Martin Fuchs: Der Schwerpunkt der Kommunikation hat sich auch in den Wahlkämpfen sehr stark auf Online verändert. Das heißt, Kandidierende und auch Parteien haben begriffen, wie wichtig es ist, dort zu sein und investieren da jetzt auch immer mehr auch Kreativität und natürlich am Ende Zeit und Geld.

MEDIEN360G: Wie beurteilen Sie die Bedeutung der datengestützten Wähleransprache in Deutschland?

Martin Fuchs: Ich würde mal sagen, das ist der neue heiße Schein in der politischen Kommunikation. Das ist das, was alle Parteien jetzt natürlich verstärkt ausprobieren werden, weil es jetzt möglich ist, Daten zu erheben, Daten zu speichern und Daten weiter zu verarbeiten, sind es natürlich große Potentiale die da gesehen werden. Weil man jetzt zielgerichtet und mit überschaubaren Budgets auch natürlich bestimmte Zielgruppen ansprechen kann und wesentlich besser adressieren kann, als mit anderen Werbemitteln, wie Plakaten, Flyern und so was möglich ist. Deshalb ist es schon etwas, was sehr hohe Erwartungen sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Parteien geweckt hat, und man experimentiert auf jeden Fall sehr viel [damit].

MEDIEN360G: Ist es aus Ihrer Sicht ein Thema, dem die Parteien jetzt mehr Gewicht geben oder sind es die Medien, die über Big Data im Wahlkampf berichten?

Martin Fuchs: Gute Frage, in der Tat glaube ich, dass das, was da gemacht wird, natürlich alles noch sehr auf kleiner Sparflamme ist und auch der Anteil am Gesamtwahlkampf und am Onlinewahlkampf ist der datengestützte Wahlkampf noch eher gering, weil es natürlich auch in Deutschland andere Rahmenbedingungen gibt als zum Beispiel in den USA, wo immer gern hingeschaut wird, wenn es darum geht. Das heißt, wir haben ganz andere Gesetze, ganz andere Regulatorien. Wir haben natürlich auch andere Standards des Datenschutzes in Deutschland. Wir haben andere Ressourcen, Mittel und auch ganz andere Quellen. Das heißt, die Daten, die in USA verwendet werden können, die gibt es in Deutschland in der Form gar nicht und die können auch gar nicht eingekauft werden. Da fehlt es auch zum Teil an Kompetenzen in den Parteien. Das heißt also in der Öffentlichkeit und durch die Medien ist da schon auch ein bisschen viel rein projiziert worden in den letzten Jahren. Nichtsdestotrotz, Parteien werden natürlich wachsen und sich dort auch weiterentwickeln.

MEDIEN360G: Sie sagten gerade, den Parteien fehlen die Kompetenzen. Parteien engagieren ja immer häufiger Profi-Agenturen, die diesen Part des digitalen Wahlkampfes für sie steuern. Was machen die Agenturen anders, besser als die Parteien?

Martin Fuchs: Ich glaube das Allerwichtigste ist, das Agenturen sich fast ausschließlich mit solchen Themen beschäftigen. Das heißt, sie haben natürlich einen gewissen Erfahrungsschatz gesammelt, anderen Erfahrungsschatz als Parteien es vielleicht haben. Sie haben Leute, die sich den ganzen Tag damit beschäftigen. Sie haben eigene Tools gegebenenfalls gebaut, die Sachen effizienter abbilden können und damit auch schneller vielleicht auch größere Anforderungen abarbeiten können. Sie haben natürlich durch die Mitarbeiterstruktur günstigere Personalkosten, dadurch dass sie vielleicht nicht die althergebrachten Kampagnenstrategen bezahlen müssen, sondern jüngere Kräfte, die natürlich günstiger sind.

MEDIEN360G: Auch wenn der digitale Wahlkampf, wie Sie eben sagten, noch ein bisschen in den Kinderschuhen steckt, wird er doch genutzt und, ich denke, auch gerade in diesem Jahr mit den vielen Wahlen, sehr intensiv. In welchem Umfang kann der digitale Wahlkampf eine Wahlentscheidung beeinflussen?

Martin Fuchs: Das ist in Deutschland, glaube ich, auch mit Blick auf 2019, vor allen Dingen in sehr engen Wahlentscheidungen wäre das überhaupt nur möglich. Denn man muss sich immer vor Augen führen, was kann eigentlich ein Wahlkampf reißen. Die sechs Wochen des Wahlkampfes, sagt man so aus Erfahrung der letzten Jahre, können zwei bis drei Prozent am Wahlergebnis ändern, das heißt positiv oder negativ das Wahlergebnis beeinflussen. Denn, wenn man sich anschaut, wie groß der Online-Wahlkampf und der Einfluss dessen ist, (das) ist immer sehr schwer zu messen, dann sagt man auch, dass es noch ein sehr kleiner Teil (ist). Wenn wir uns allein anschauen, wie viele Leute in Deutschland ausschließlich ihre Informationen zum Beispiel über Facebook konsumieren, ihre Nachrichten, dann sind das unter zwei Prozent der Bevölkerung. Das heißt also ganz ganz viele andere Quellen sind ganz entscheidend und ganz wichtig, um eine Wahlentscheidung zu treffen. Von daher ist, glaube ich, der Einfluss vor allen Dingen sehr groß, wenn es um sehr enge Entscheidung geht, wenn es um Polarisierung geht, um ja oder nein und das (sehe ich) in den Landtagswahlkämpfen und dem Europawahlkampf so nicht.

MEDIEN360G: Im Laufe meiner Recherchen bin ich natürlich auch die Möglichkeiten, die die sozialen Netzwerke bieten, durchgegangen, und dort bin ich über das Wort „Echtzeitwahlkampf“ gestolpert. Was muss ich mir darunter vorstellen?

Martin Fuchs: Echtzeitwahlkampf ist im Grunde der Versuch von Parteien und Kandidierenden, das was sie tun, zum Beispiel auf der Straße, am Wahlkampfstand, im Haustürwahlkampf echtzeitmäßig abzubilden, indem sie ihre Fans, Follower dann digital mit nehmen. Indem sie zeigen, was dort gerade passiert und damit ihre Reichweite ihres analogen Wahlkampfes dann vergrößern und maximieren wollen. Aber auch das natürlich Echtzeit-Daten gesammelt werden, zum Beispiel durch Haustürwahlkampf, dass man dann weiß, wenn man geklopft hat, wie so die politische Einstellung vielleicht ist, und diese Daten dann auch einspeist in das System der Parteien, die dann wiederum mit diesen Daten, die dann eine bessere Qualität haben, noch mehr arbeiten können und vielleicht auch besser reagieren können. Das heißt, wenn ich an der Tür erfahre, dass das und das Thema gerade sehr viele Leute umtreibt, kann ich natürlich im Online-Wahlkampf gegensteuern und das Thema aufgreifen und dann z. B. mit Anzeigen sehr gezielt das Thema aufgreifen und dann auch in bestimmte Zielgruppen spielen, weil ich weiß, dass eine große Nachfrage oder Sensibilisierung für das Thema da ist.

MEDIEN360G: Die digitale Kommunikation wird für die Parteien immer wichtiger. Die datengestützte Wähleransprache trägt zum passgenauen Wahlkampf bei. Das war Martin Fuchs Politik- und Strategieberater aus Hamburg. Vielen Dank!

Martin Fuchs: Sehr gerne!

MEDIEN360G: Für MEDIEN360G war Dagmar Weitbrecht am Mikrofon.

Zur Person Martin Fuchs

Martin Fuchs ist Politik- und Strategieberater in Hamburg. Er berät Regierungen, Parlamente, Parteien, Politiker und Verwaltungen in digitaler Kommunikation. Er ist Gründer der Social-Media-Analyse- und Benchmarking-Plattform pluragraph.de und bloggt über Social Media in der Politik unter hamburger-wahlbeobachter.de. Er lehrt public affairs an der Universität Passau.