Pressefreiheit in Ungarn Kein Job für Idealisten

Während die meisten Onlineseiten in Ungarn nach wie vor unabhängig und regierungskritisch berichten, werden in fast allen anderen Medien überwiegend regierungsfreundliche Nachrichten verbreitet.

Ein abstrahiertes Portrait von Piroska Bakos, dazu der Schriftzug "aus Ungarn" auf der linken Seite. 3 min
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30 Jahre nach der Wende spricht man in Ungarn wieder über die Zentralisierung der Nachrichten. Die Regierung wolle damit angeblich erreichen, dass mehr regierungsfreundliche Botschaften verbreitet werden. Die Opposition und regierungskritische Analysten meinen, dass es hier schlicht um die Kolonisation der Medien geht.

Die vielleicht meist gestellte Frage über Ungarn heutzutage ist, ob die Presse noch frei ist. Viele, noch hoffnungsvolle Journalisten, unter ihnen die Autorin dieses Textes, antworten mit Ja. Es gibt Redaktionen, in denen Journalisten immer noch frei arbeiten können. Es gibt investigative Portale, die Korruption in Wirtschaft und Politik aufdecken und darüber frei reden können. Nur der Raum für ihre Arbeit wird immer enger. Und sie können ihre fundamentale Aufgabe, die Menschen ausgewogen und gründlich darüber zu informieren, was in ihrer Umwelt geschieht, nicht richtig erfüllen.

Wer dominiert die Nachrichten?

In den letzten Jahren gab es unterschiedliche Meinungen in der Frage, wie regierungsfreundlich oder regierungskritisch die ungarischen Medien sind. Im Januar hat der Premier Viktor Orbán erklärt, dass es in Ungarn zur Zeit eine linke, liberale, regierungsfeindliche Pressemehrheit gebe. “Wenn ich aufstehe, weiss ich, dass ich auch heute im Gegenwind arbeiten werde”, sagte er auf einer Pressekonferenz. Damit hat er auch die Gründung der Mitteleuropäischen Stiftung für Medien und Presse im November gerechtfertigt. Das ist eine Gesellschaft, unter der fast 500 Medienunternehmen, deren Produkte auf Regierungslinie liegen, zusammengefasst wurden. Unter diesen 476 Medienprodukten gibt es Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender - von kleinsten lokalen Blättern bis hin zu landesweiten TV Stationen - und ihre (vor allem konservativ-christlichen) Botschaften sollen zentral koordiniert werden.

Demgegenüber behauptete das investigative Portal Átlátszó laut eigener Forschung schon am Ende 2017, dass in allen Nachrichten-Segmenten – in den landesweiten und Bezirkszeitungen, Zeitschriften, Radiostationen und in den Hauptnachrichtensendungen der landesweiten Fernsehsender – die “regierungsnahen” Inhalte Dominanz haben. Sie haben nur eine einzige Ausnahme gefunden, nämlich die Online-Nachrichtenseiten, wo mehr regierungskritische Stimmen erschienen. Das soll allerdings heute noch stimmen, die meist gelesenen Online-Zeitungen sind immer noch sehr regierungskritisch und die neu gegründeten regierungstreuen Konkurrenten können ihre Leserzahl nicht  übertreffen.

Kritische Journalisten unter Druck

Kritischen Journalisten geht es zur Zeit nicht gut. Sie werden zu manchen Regierungspressekonferenzen einfach nicht eingeladen, bekommen so gut wie nie ehrliche Antworten auf ihre Anfragen, können keine Interviews mit Regierungsmitgliedern machen, mit Premier Orbán gar nicht. Sie wurden auch “gelistet”, als im Jahre 2017 ein regierungstreues Online-Portal eine Liste mit Journalisten veröffentlichte, die angeblich Sprachrohre des US-Milliardärs George Soros und damit auch quasi Feinde des Landes seien. Und sie müssen ständig Angst um ihre Arbeitsplätze haben. Das kleine kommerzielle  Nachrichten-Fernsehen Hír TV hat sich zum Beispiel nach dem Besitzerwechsel letzten August von einem Tag zum anderen von regierungskritisch zu regierungstreu gewandelt. Viele Journalisten wurden sofort entlassen, die anderen blieben aber bei dem Kanal und setzten ihre Arbeit fort, als wäre nichts passiert.

Journalist zu sein ist kein Traumjob

Viele Journalisten bleiben in Redaktionen, weil sie keine andere Wahl haben. Es gibt nicht viele freie Plätze für Journalisten in Ungarn und wenn man die Wahl hat, den Job zu behalten und damit weiterhin zum Beispiel Kredite bezahlen und die Kinder erziehen zu können, sagen viele Ja. Egal, ob die Nachrichten dort mit bewusster Voreingenommenheit produziert werden oder versuchen, objektiv zu bleiben - wenn das im Journalismus in Ungarn überhaupt noch existiert. Manche gründen lieber unabhängige Onlineseiten und versuchen, sie vor allem aus Spenden und Bewerbungen zu finanzieren, mit mehr oder weniger Erfolg. Und es gibt leider viele, die aussteigen. Diejenigen, die es nicht in Kauf nehmen können, dass egal wie oft sie über Korruption, krasse soziale Unterschiede oder Nepotismus schreiben, alles ohne Konsequenzen bleibt. Sie suchen dann einen anderen Job, wo ihre Arbeit mehr Sinn hat. 

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