Debatte um den Rundfunkbeitrag Warum das Abo-Modell keine Option ist

Niemand schaut, hört und liest das öffentlich-rechtliche Angebot komplett. Doch wäre es billiger und gerechter, wenn alle nur noch für die Inhalte zahlen, die sie wirklich nutzen?

Stilisierte Grafik: Darstellung eines Fernsehers als Kuchen. Ein Kuchenstück ist herausgeschnitten.
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Die Idee klingt bestechend: Wie im Supermarkt bezahlt man auch beim Medienkonsum nur für das, was man tatsächlich nutzt. Pay-Sender wie Sky arbeiten nach diesem Modell, Streamingplattformen wie Netflix und Amazon Prime erheben eine monatliche Pauschale. Gerade das funktioniert beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk aber nicht, sagen Wissenschaft, Medienkritiker und die Anstalten selbst.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat die Aufgabe, ein umfassendes Medienangebot für alle auf die Beine zu stellen. Dazu wird er von der gesamten Gesellschaft über den Rundfunkbeitrag finanziert. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien läuft aber aktuell eine Debatte, ob auch andere Ansätze wie ein Abo-Modell à la Netflix denkbar - und gerechter - sein könnten.

Ein Abo-Modell wie Netflix wäre nicht gerechter.

Medienwissenschaftlerin Christine Horz | Technische Hochschule Köln

"Weil es natürlich nicht so ist, dass dort alle Interessen abgebildet werden. Sky und Netflix sind de facto Sender, die auch durch Algorithmen ganz deutlich feststellen können, was ihre Nutzerinnen und Nutzer interessiert", sagt die Medienwissenschaftlerin Christine Horz von der Technischen Hochschule Köln. "Und man bekommt dann natürlich auch immer Vorschläge mit Themen, die einen interessieren."

Damit werde aber nicht die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit abgebildet. Vor allem Minderheits- und Nischen-Themen hätten so keine Chance. Die aber würden bei einem Finanzierungsmodell, in dem die Nutzer allein entscheiden, für welche Inhalte sie nun bezahlen wollen oder aber nicht, thematisch wohl kaum noch vorkommen. Genau das aber ist ein wichtiger Teil des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Eben alle Teile der Gesellschaft abzubilden, auch die Minderheiten, die vielleicht nur einen kleinen Teil des Publikums interessieren. Und Themen anzufassen, die im ersten Moment vielleicht nicht so ein großes Publikum generieren, wie es ein Blockbuster oder eine Show im Pay-TV schaffen könnte.

Wir wollen alle Facetten anbieten.

Thomas Bellut | ZDF-Intendant
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ZDF-Intendant Thomas Bellut warnt davor, sich politischem Druck zu beugen und sieht in einem Abo-Modell keine Alternative zur Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen, die für alle in der Gesellschaft da sein müssen.

Do 12.11.2020 08:00Uhr 12:29 min

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Auch ZDF-Intendant Thomas Bellut erteilt im Interview mit MDR MEDIEN360G solchen Überlegungen eine klare Absage. Denn die kommerziellen Anbieter würden grundsätzlich andere Ziele verfolgen: "Dieses Modell funktioniert nur, wenn man eine bestimmte Ware ans Publikum bringen will. Also Sport, Bundesliga, Champions League oder internationale Serien", sagt er. "Für das, was wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk wollen, reicht das nicht. Wir wollen ja eine Art Kitt in der Gesellschaft sein, sie zusammenbringen, alle Facetten anbieten."

Ein Abo-Modell wäre weniger praktikabel und teurer.

Samira El Ouassil | Medienkritikerin

Die Medienkritikerin und Kolumnistin Samira El Ouassil kann Menschen verstehen, die ein Abo-Modell haben wollen. "Niemand mag das Gefühl, gezwungen zu werden, für etwas zu zahlen, was man nicht rezipiert", sagt sie. Sie selber könne auch mit Schlagersendungen oder der Fußball-Bundesliga wenig anfangen. Trotzdem spricht sie sich gegen solche Überlegungen aus: "Gleichzeitig ist das aber eben ein Solidarprinzip, so wie wir es von der Krankenkasse kennen: Man zahlt für etwas, was man als Einzelne nicht zu 100 Prozent nutzt, was aber von anderen sehr wohl genutzt und gebraucht wird."

So ein Gesamtangebot sei zudem de facto günstiger für Einzelpersonen, als wenn man ein vergleichbar umfassendes Angebot durch ein Abo-Modell finanzieren müsste. "Wenn wir auf ein Abo-Modell überwechseln würden, wäre das nicht nur weniger praktikabel, sondern auch einfach teurer." Denn Netflix & Co. sendeten beispielsweise keine Nachrichten, hätten kein Netz von Auslandskorrespondenten und böten auch sonst eher wenig Informationsinhalte. Damit lasse sich kein Geld verdienen, so El Ouassil.

Unterschiede bei den einzelnen Pay- und Streaming-Angeboten

Tatsächlich hinkt die ganze Überlegung auch noch an einer anderen Stelle. Denn genau genommen sind auch Netflix oder Sky keine ganz "reinen" Abo-Modelle, bei dem die Menschen nur für das bezahlen, was sie auch wirklich nutzen. Beim Netflix-Modell handelt es sich eher um einen Flatrate-Ansatz: Für eine fixe Summe pro Monat erhält man das gesamte Angebot an Filmen und Serien - unabhängig davon, was man davon wirklich konsumiert. Etwas differenzierter ist das Angebot bei Sky, wo die Nutzerinnen und Nutzer zwischen verschiedenen Programmpaketen wie "Cinema", "Entertainment" und "Sport" wählen können. Andere Anbieter wie Amazon Prime Video schließlich funktionieren zuweilen auch wie Online-Videotheken: Hier können neben einer Flatrate bestimmte Filme und Serien in einer Art "Einzelverkauf" erworben werden.