Sendemast sowie Schriftzug Brexit in den Flaggenfarben Großbritanniens und der EU.
Bildrechte: MEDIEN360G

(K)eine Liebesbeziehung Die britische Presse und Europa

Die Medien in Großbritannien - allen voran die konservativen Londoner Zeitungen - haben seit Jahrzehnten gegen die EU gewettert. In Brüssel saß der Feind - und der Brexit geht zu einem guten Teil auch auf ihr Konto.

von Steffen Grimberg

Sendemast sowie Schriftzug Brexit in den Flaggenfarben Großbritanniens und der EU.
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Sendemast sowie Schriftzug Brexit in den Flaggenfarben Großbritanniens und der EU. 5 min
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"Brexit ist ein Wort, dass ich irgendwann nicht mehr hören möchte", sagt Derek Scally, Korrespondent der Irish Times in Berlin.

MDR FERNSEHEN Fr 29.03.2019 10:11Uhr 04:58 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-derek-scally-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sendemast sowie Schriftzug Brexit in den Flaggenfarben Großbritanniens und der EU. 5 min
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"Brexit ist ein Wort, dass ich irgendwann nicht mehr hören möchte", sagt Derek Scally, Korrespondent der Irish Times in Berlin.

MDR FERNSEHEN Fr 29.03.2019 10:11Uhr 04:58 min

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Entsprechend gereizt ist jetzt die Stimmung. Denn auch wenn Premierministerin Theresa May noch Ende Februar einen EU-Austritt Großbritanniens pünktlich zum 29. März versprochen hat, bleibt das Vereinigte Königreich bis auf weiteres drin. "11pm tonight was meant to be the moment Britain became a proud sovereign nation once more" (Heute, 23 Uhr, sollte der Moment sein, an dem Großbritannien wieder eine stolze, unabhängige Nation wird), lautet die Schlagzeile der heutigen Ausgabe der Daily Mail. Die anderen Pro-Brexit-Blätter titeln kaum freundlicher.

Verleger und Chefredakteure stammen aus dem konservativen Establishment

Die Haltung des konservativen britischen Establishments gegenüber der europäischen Idee war immer schwierig. Und wenn es ganz konkret um die EU und ihre Institutionen in Brüssel und Strasbourg geht, konnte erst recht nie von einer Liebesbeziehung gesprochen werden. Aus diesem besagten Establishment stammen die Verleger, Aktionäre und Chefredakteure der großen britischen Zeitungen. Und "Euroscepticism" war und ist in diesen Kreisen eine Art Volkssport.

Rupert Murdoch macht seinen Einfluss bis in die Regierung geltend

Vor allem der aus Australien stammende Medienunternehmer Rupert Murdoch, dem die altehrwürdige Times und die Boulevardzeitung "The Sun" gehören, hat aus seiner Abneigung gegen die EU nie einen Hehl gemacht. Seinen immensen politischen Einfluss bei Konservativen wie Labour-Regierungen hat er stets auch ausgenutzt, um seine europakritischen Ansichten an die Männer und Frauen an der Regierungsspitze zu bringen.

Der Daily Telegraph ist die Bibel der Euroskeptiker

Der Daily Telegraph ist neben Murdochs Titeln und der Daily Mail, die als Zeitung der klassischen englischen Mittelschicht gilt, der dritte im Bunde der medialen Anti-Europa-Koalition. Sein Spitzname "Daily Torygraph" zeigt schon, wo seine politischen Überzeugungen und Sympathien liegen: Bei den Torys, der konservativen Partei von Premierministerin Theresa May. Für May selbst hat das Blatt allerdings nicht mehr all zu viel übrig. Auch wenn es anders als Times und Sun nicht ihren Rücktritt gefordert hat. In den 1990er Jahren arbeitete der spätere Londoner Bürgermeister und britische Außenminister Boris Johnson als EU-Korrespondent für den Telegraph. Was er damals über Brüssel schrieb, würde man heute wohl als Desinformation bezeichnen.

Telegraph-Kolumnist Boris Johnson wird als Nachfolger von May gehandelt

Aktuell gilt Johnson, der 2018 als Außenminister in Mays Kabinett zurücktrat, weil er ihren Brexit-Kurs als zu EU-freundlich ablehnte und für eine härtere Gangart war, als ein aussichtsreicher Kandidat für die May-Nachfolge. Nach Presseberichten hat sie ihrer Partei angeboten, noch in diesem Sommer als Premierministerin abzutreten, wenn die Torys ihren EU-Deal im Parlament unterstützen. Johnson heizt dabei der Debatte jeden Montag mit einer einflussreichen Zeitungskolumne ein - sie erscheint natürlich im Daily Telegraph.

Derek Scally: Murdoch lässt seine Blätter die EU niedermachen

Auch der irische Journalist Derek Scally, der für die Irish Times als Deutschland-Korrespondent arbeitet, sieht in der Haltung eines Großteils der britischen Presse zu Europa das Kernproblem. Im Interview mit MDR MEDIEN360G sagte Scally, Murdoch habe seine Chefredakteure seit 40 Jahren dazu angehalten, "die EU niederzumachen - und das haben sie jetzt hingekriegt". Auch die seit dem Brexit-Referendum 2016 gewachsene Erkenntnis, mit wie vielen Lügen und Manipulationen seinerzeit die Debatte geführt wurde, habe bei den Anti-EU-Blättern zu keiner Haltungsänderung geführt.

Gegenwind geplant: 1990 wird der European gegründet

Gegenwind bekamen die Euroskeptiker bislang nur einmal. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs in Europa hatte Murdochs großer Gegenspieler, der Zeitungsverleger Robert Maxwell (Daily Mirror), eine ausdrücklich pro-europäische Zeitung gegründet: The European sollte 1990 ursprünglich eine englischsprachige Tageszeitung für ganz Europa werden, sein ehrgeiziges Motto lautete auch "Europe’s national newspaper". Mangels Nachfrage wurde dann allerdings eine Wochenzeitung mit einer Auflage von immerhin bis zu 250.000 Exemplaren daraus, von denen die meisten in Großbritannien gelesen wurden. Maxwell stammte selbst aus der heutigen Ukraine und hatte aufgrund seiner Biographie eine ganz andere Haltung zu Europa und der EU als die anderen britischen Pressebarone.

Einstellung 1998 mangels Erfolgs

Nach seinem Tod 1991 führten die Barclay-Brüder den European zwar weiter, positionierten ihn aber eher als reine Wirtschaftszeitung. 1998 wurde das Blatt eingestellt. Das Dilemma von "Europe’s national newspaper”, so damals der Journalist Andrew Cusack, sei schlicht die Unmöglichkeit, "nationale Zeitung für eine Nation zu sein, die es gar nicht gibt".

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2019, 16:03 Uhr