Zu viel, zu einseitig, zu staatsnah Medien-Verdruss durch Corona-Pandemie

Corona hat vielen Medien Nutzungsrekorde beschert. Informationen wurden gezielt gesucht. Lokale Angebote konnten mit ihrer Nähe zu ihren Nutzerinnen und Nutzern punkten. Grundsätzlich waren diese auch mit der Arbeit der Journalistinnen und Journalisten zufrieden. Doch im Verlauf der Pandemie änderte sich das Bild. Drei Vorwürfe an die Adresse der Medien sind dabei besonders häufig: Corona nehme zu viel Raum ein, die Berichterstattung sei einseitig und zu regierungs- und staatsnah.

Eine stilisierte Frau, die sich die Ohren zuhält und lächelt. Um sie herum schweben stilisierte Viren.
Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Nach einer repräsentativen Studie der Technischen Universität Dortmund sagen sogar 41 Prozent der Befragten, die Glaubwürdigkeit des Journalismus habe durch die Corona-Berichterstattung abgenommen. Demgegenüber geben nur 8 Prozent an, nach ihrer Meinung habe sich die Glaubwürdigkeit erhöht. MDR MEDIEN360G hat zusammen mit dem MDRfragt-Team die MDR-Community um ihre Eindrücke und Bewertungen gebeten. Diese Ergebnisse sind keine wissenschaftliche Studie und nicht repräsentativ, bieten aber durch die Vielzahl der Meinungen einen guten Einblick in die Problemlage.

Mehr zu unserer Befragung über MDRfragt

Die Befragung vom 17.02.- 22.02.2022 stand unter der Überschrift: Russland-Ukraine-Konflikt – Entwarnung oder Eskalation?

Insgesamt sind bei MDRfragt 58.252 Menschen aus Mitteldeutschland angemeldet (Stand 22.02.2022, 11.00 Uhr). 35.814 Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben online an dieser Befragung teilgenommen.

Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat nach den statistischen Merkmalen Bildung, Geschlecht und Alter gewichtet. Das heißt, dass wir die Daten der an der Befragung beteiligten MDRfragt-Mitglieder mit den Daten der mitteldeutschen Bevölkerung abgeglichen haben. Aufgrund von Rundungen kann es vorkommen, dass die Prozentwerte bei einzelnen Fragen zusammengerechnet nicht exakt 100 ergeben

Corona dominiert die Berichterstattung

"Wir haben ein Nachrichten-Überangebot. Wer kann das alles noch verarbeiten?"  - diese Frage von Eberhardt C., 50 Jahre, aus dem Eichsfeld fasst das Dilemma zusammen. Corona dominierte seit dem Frühjahr 2020 sämtliche Medien. Auch wenn die zunächst beinahe täglichen Sondersendungen im Lauf der Zeit abnahmen: Bis heute haben viele Menschen den Eindruck, die medialen Kanäle seien durch Corona geradezu verstopft.

Nach zwei Jahren 'Corona-Ticker' bei vielen Sendern, Zeitungen oder Online-Redaktionen geht es dem Zuschauer mittlerweile auf den Keks. Es gibt insgesamt eine 'Überinformation'. Man kann gar nicht so viele Informationen verarbeiten oder gar hinterfragen, wie einem vorgesetzt wird. Daher halte ich es mit der Weisheit 'Weniger ist manchmal mehr'. Vor der Ukraine-Krise wurde man den Gedanken nicht los, außer Corona gibt es überhaupt nichts anderes mehr auf der Welt. Der Fakt ist, Corona wird uns die nächsten Jahre (manche Virologen meinen 10 Jahre) begleiten, solange können wir nicht länger im 'Panik-Modus' verweilen. Wichtige Informationen sind natürlich essentiell, doch sollte das Coronavirus in Zukunft nicht stärker thematisiert werden, als es ihm aus Sicht der Mediziner und Wissenschaftler zusteht.

Martin L., 43 Jahre, aus Chemnitz

"Eine Pandemie ist keine schöne Nachrichtenlage", sagt Jörg Riebartsch, seit 2013 Chefredakteur der Ostthüringer Zeitung (OTZ) aus Gera. "Daher kann ich verstehen, dass es Menschen gibt, denen das zu viel wird und die dann auch mal abschalten." Für die OTZ bzw. regionale Tageszeitungen kann Riebartsch im Interview mit MDR MEDIEN360G auch keinen Glaubwürdigkeitsverlust erkennen. "Im Gegenteil - eben wurde beim Lokalzeitungstreffen in Oldenburg eine aktuelle Studie vorgestellt, nach der die Glaubwürdigkeit in die Medien wieder zugenommen hat. Dabei stehen an erster Stelle die öffentlich-rechtlichen Sender, gefolgt von den Regionalzeitungen".

Große Mehrheit hält Journalismus für glaubwürdig

Grundsätzlich ist laut der oben zitierten Dortmunder Studie die große Mehrheit der Bevölkerung auch weiterhin der Ansicht, dass unabhängiger Journalismus wichtig ist. "Das ist nicht die Frage", meint Professor Michael Steinbrecher von der TU Dortmund, der die Studie leitet . "Es war auch nur ein relativ geringer Teil, nämlich zehn Prozent der Menschen der Meinung, der Journalismus sei überhaupt nicht glaubwürdig. Das hatten viele Journalistinnen und Journalisten ganz anders befürchtet", so Steinbrecher.

Leitmedien werden als einseitig wahrgenommen

Vielen Nutzerinnen und Nutzern berichten in der Pandemie die Leitmedien aber zu einseitig. Besonders in der Kritik stehen hier die öffentlich-rechtlichen Anstalten wie MDR, ARD und ZDF. Kritisiert wird besonders, dass die verschiedenen Sichtweisen bei der Bewertung der Pandemie und der zu ihrer Eindämmung vollzogenen Maßnahmen nicht zur Sprache kommen. Wer gegen solche Maßnahmen sei und daher beispielsweise eine Impfung gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2 ablehne, sehe sich in den TV-Talkshows mit "Hass und Hetze" konfrontiert.

Ich schaue schon seit längeren keine Nachrichten, Talkshows und dergleichen mehr. Mir fehlen die verschiedenen Sichtweisen und Hass und Hetze gegenüber nicht gegen Corona Geimpften sind unerträglich.

Edith M., 81 Jahre, aus Dresden

Auch der Kommunikationswissenschaftler Günter Rager, emeritierter Professor für Journalistik an der TU Dortmund, erkennt eine gewisse Gleichförmigkeit der Leitmedien: "Es ist natürlich auch leichter, mit dem Strom zu schwimmen, als eine eigene Position und Widersprüche auszuhalten". Rager leitet aktuell gemeinsam mit Michael Steinbrecher die Studie "Journalismus und Demokratie" zum Verhältnis von Journalismus, Politik und Publikum.

Heftiger Widerspruch kommt dagegen von OTZ-Chefredakteur Jörg Riebartsch: "Das kann ich für uns nicht nachvollziehen", sagt Riebartsch und verweist auf diverse von ihm selbst geschriebene Leitartikel, die sich kritisch mit den Corona-Maßnahmen auseinandersetzen. "Wenn von den Behörden eine neue Verordnung kam bzw. kommt, was neue Regeln angeht, haben wir die selbstverständlich zu veröffentlichen. Aber in meinen Kommentaren habe ich auch immer wieder Haltungen der Politik hinterfragt, weil sie nicht nachvollziehbar waren". Außerdem laufe vor allem auf der prominent platzierten Leserbriefseite der OTZ eine intensive inhaltliche Debatte mit den Leserinnen und Lesern. "Wer sich an uns wendet, bekommt eine Antwort - oft auch direkt vom Chefredakteur", sagt Riebartsch.

Misstrauen gegenüber klassischen Nachrichten

Manche der über MDRfragt Befragten haben in der Pandemie die Art und Weise, wie sie Medien nutzen, verändert. Sie setzen vermehrt auf Informationen aus dem Internet und misstrauen ihren früheren Informationsquellen wie den klassischen Nachrichtensendungen bei ARD und ZDF.

Wir hinterfragen Nachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, vor allem des ZDF stärker und schauen auch mehr Nachrichten von Privatsendern und Regionalnachrichten. Der ÖRR und hier ganz speziell das ZDF berichtet uns zu manipulativ, zu angstbesetzt in Bezug auf Corona und zu links. Andere Sichtweisen als linke, grüne und klimaaktivistische sind nicht mehr vertreten. In Bezug auf Printmedien haben wir auf eine überregionale Zeitung gewechselt.

Cornelia F., 52 Jahre, aus der Sächsischen Schweiz

Andere Stimmen monieren zu viele Negativmeldungen und kritisieren eine durch die Berichterstattung verstärkte Spaltung der Gesellschaft.

Wir hören und sehen fast keine öffentlichen Nachrichten, Talkshows und Diskussionsrunden mehr. Die Berichterstattung ist nicht unabhängig, nicht kritisch, nicht wahrheitsgemäß. (…) Wahrheitsgemäße, kritische medizinische Fakten und Hintergründe sind uns wichtiger als politische Tendenzen und die weitere Spaltung der Gesellschaft in Schwarz und Weiß. Ständige Negativmeldungen wollen und können wir nicht mehr hören.

Manuela N., 49 Jahre, aus dem Saalekreis

Für OTZ-Chefredakteur Riebartsch hängt das auch mit der "Überflutung durch all die Informationen" zusammen. "Die Menschen haben geguckt: Wo bekomme ich auch mal etwas Positives? Gibt es irgendwo Hinweise, dass die Pandemie bald endet?" Für ihn sind das allerdings "Sehnsüchte, die man in der Situation verstehen kann - die aber leider nichts mit der Realität zu tun haben".

Denn den kritischen Stimmen zum Trotz sei in der Pandemie die Bedeutung des klassischen Journalismus noch gewachsen, meint auch taz-Chefredakteurin Barbara Junge im Interview mit MDR MEDIEN360G: "Die Funktion von traditionellen Medien, die einordnen, analysieren, kommentieren, auch andere Meinungen hereinholen, ist im Grunde viel größer geworden. Wir müssen uns aber darauf einlassen, dass es in diesen Krisenzeiten nur ganz wenige Wahrheiten gibt."

Sind die Medien "staatshörig"?

Für manche der via MDRfragt Befragten gehen diese angesprochenen "politischen Tendenzen" noch weiter. Sie sehen hier eine vermutete Orientierung der Berichterstattung an staatlichen Vorgaben.

Die Medien sollten immer unabhängig, neutral und aus allen Sichtweisen berichten. Das ist in Deutschland leider nicht der Fall. Die Medien berichten nur einseitig und voreingenommen. Andere Meinungen werden unter den Tisch gekehrt und verschwiegen. Es wird nur berichtet was der Staat möchte.

Andrea H., 39 Jahre, aus dem Altenburger Land

Für Medienwissenschaftler Rager sind viele dieser Vorwürfe nachvollziehbar: "Wir wurden gerade im ÖRR mit einer Einseitigkeit konfrontiert, die mich erstaunt hat. Ich habe in der Pandemie das erste Mal im Leben Geld für Springer ausgegeben und Welt online abonniert. Die Berichterstattung wurde sehr lange von einer Forschungsrichtung dominiert." Genau diese "Forschungsrichtung", die in den Medien vor allem durch den Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité repräsentiert wurde, gehörte auch zum Beraterkreis der Bundesregierung.

Dies gipfelt bei einigen der abgefragten Meinungen in dem Vorwurf, man habe es mit "Staatsmedien" oder "Staatssendern" zu tun, die das Volk "erziehen" wollten. Diese hätten sich willig zu einem Sprachrohr der Regierung gemacht bzw. seien immer schon auf der Seite der Mächtigen gewesen und würden nur deren Interessen vertreten. Dies befördere auch die Spaltung der Gesellschaft.

Journalismus sollte auch andere Meinungen gelten lassen bzw. Neutralität zeigen. Von daher nutze ich auch Medien die nicht regierungskonform sind.....unter anderem Servus TV. ARD und ZDF gehen zur Zeit überhaupt nicht. Schade um das Geld, was man zur Finanzierung solcher Truppen löhnen muss. Die Staatssender sind zum Sprachrohr der Politik, der Korruption und des Irrsinns mutiert.

Heike S., 60 Jahre, aus Bautzen

Meiner Meinung nach haben sich die großen Medien fast nur zu einem Sprachrohr der Regierung entwickelt und diese auch in der Pandemie kaum kritisiert. Ebenso haben sie eine tiefe Spaltung der Gesellschaft in Geimpfte und Ungeimpfte befördert. Kritiker der Impfpflicht werden als Querdenker und Nazis verunglimpft.(…) Vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk und einstmals großen Printmedien wie Spiegel, Zeit oder FAZ fühlt man sich mehr erzogen denn informiert, aktuell z.B. an "guten" und "schlechten" Demonstrationen festzumachen oder an den Dauerfeuer-Argumenten für eine Impfpflicht.

Stefan S., 67 Jahre, aus Zwickau

Die Medien sind nicht vom Staat gelenkt

Für Rager ist das allerdings nicht schlüssig: "Daraus zu folgern, dass hier der Staat die Medien lenkt, ist Unsinn", so Rager. Nicht die Regierung oder staatliche Institutionen sorgten durch direkte oder indirekte Einflussnahme für diesen medialen Kurs. "Die Journalistinnen und Journalisten machen das freiwillig - und das ist viel schlimmer."

Interessant ist dabei ein Befund in den MDRfragt-Antworten, der die Ursache nicht hauptsächlich in der Pandemie-Berichterstattung sieht, sondern deutlich früher ansetzt:

Die Fehlentwicklung der großen Medien hat schon vor Jahren begonnen, sie wurde nur seit der Pandemie offensichtlicher. In Dänemark haben sich bereits Journalisten einer bekannten Zeitung für ihre zu große, unkritische Regierungsnähe entschuldigt. Gleiches erwarte ich in in nicht allzu ferner Zeit auch in Deutschland.

Stefan S., 67 Jahre, aus Zwickau

Mehr Transparenz und Dialogbereitschaft

Das Team der Studie "Journalismus und Demokratie", zu dem auch Michael Steinbrecher gehört, hat schon vor Beginn der Pandemie begonnen, die sich wandelnde gesellschaftliche Rolle und damit auch das sich verändernde Ansehen des Journalismus zu erforschen. "Es gibt hier eine Entfremdung. Die Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen, gerade auch durch die Digitalisierung. Das Grundgefühl lautet 'Mein altes Leben ist nicht mehr sicher'", so Steinbrecher, heute Professor am Lehrstuhl Fernsehen und crossmedialer Journalismus der TU Dortmund. Doch darauf hätten die Medien nur selten eine befriedigende Antwort. Für den Journalisten und TV-Moderator Steinbrecher, der von 1992 bis 2013 beim "Aktuellen Sportstudio" im ZDF moderierte und heute Gastgeber des "Nachtcafés" vom Südwestrundfunk in der ARD ist, liegen die Konsequenzen auf der Hand.

Die Schlüsselfrage sei die nach mehr Transparenz: "Wir müssen offenlegen, wie wir arbeiten, beispielsweise welche Informationen Grundlage eines Beitrags sind. Das schafft Vertrauen. Dazu gehört mehr Selbstkritik, die Fehler eingesteht und selbst offenlegt". Dazu gehöre auch, nicht zu warten, "bis uns jemand Fehler nachweist und dann auch noch so zu tun als wäre gar nichts gewesen". Zudem brauche es die Diskussion, den Austausch gerade auch mit Kritikerinnen und Kritikern. "Die Medien dürfen den Dialogfaden nicht abreißen lassen, sondern müssen offensiv erklären, wofür der Journalismus da ist und nach welchen Prinzipien er arbeitet", so Steinbrecher. "Dann mache ich mir eigentlich keine Sorgen, dass der Journalismus seine Position behält und vielleicht auch wieder ausbaut. Sie wird allerdings anders sein, weil sich unsere Gesellschaft verändert. Und der Journalismus muss schon bereit sein, sich mit zu verändern."

Die heftige Auseinandersetzung, Kritik und Debatte über Corona und die Medien kann so gesehen auch als Katalysator für den neuen Journalismus von morgen wirken.