Panikmache und Verwirrung Wer will Talkshows?

Irgendjemand quatscht immer. Sonntags talkt Anne Will, montags Frank Plasberg, dienstags bis donnerstags Markus Lanz, ebenfalls am Donnerstag Maybrit Illner, und Sandra Maischberger redet mittwochs über Gott und die Welt und Corona.

Prof. Karl Lauterbach als stilisierte Figur im Gespräch mit einer unkenntlichen stilisierten Person.
Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Dazu evaluieren Journalistinnen und Journalisten in Formaten wie dem "Presseclub" und dem "Internationalen Frühschoppen" die Weltlage, Regionalsender setzen ihre Moderierenden in abendlichen Gesprächsrunden mit Menschen aus Kultur und Politik an einen Tisch. Und die Privaten plappern längst mit.

Vor ein paar Wochen wurde bekannt gegeben, dass Sandra Maischberger ab sofort sogar zweimal die Woche ihre Gäste empfängt. Denn Talkshows, so zeigten es zumindest die Quoten der letzten Jahre, sind beliebt: Zwar kann eine Lanz- oder Will-Sendung keinesfalls mit den Zuschauerzahlen mithalten, die etwa Sportevents, Neuauflagen betagter Unterhaltungsformate mit ebensolchen Moderatoren, oder bestimmte Krimis einfahren. Doch die Pandemie mit ihrer spezifischen Rezeptionssituation – vor allem während des Lockdowns wurde das "Home Entertainment" notgedrungen zur Haupt-Abwechslung, zudem war man auf aktuelle Informationen von Expertinnen und Experten angewiesen – bescherte den Gesprächssendungen hohe Marktanteile.

Talkshow-Verdruss

Diese guten Zahlen - gerade Markus Lanz fährt mit seinem Mix aus Empathie und Aktualität je nach Gästen immer wieder Erfolge ein – stehen im kompletten Widerspruch zu einem subjektiven Gesamteindruck, den viele Menschen haben. Denn auch die Gruppe der Kritikerinnen und Kritiker scheint zu wachsen. Zumindest lässt sich das aus einer nicht repräsentativen Umfrage herauslesen, die der MDR zum Thema "Medien in der Corona-Krise" durchführte: In der Gruppe der Über-50-Jährigen aus dem Sendegebiet gibt es einen regelrechten Talkshow-Verdruss. (Es ist allerdings auch möglich, dass Talkshow-Fans nicht auf die Fragen antworteten: Generell nutzen die meisten Menschen ihre Energie lieber für Beschwerden als zum Loben.) Diese ablehnende Einstellung wird von der umschwärmtem Zielgruppe der gesamtdeutschen jüngeren Zuschauenden unter 30 gespiegelt, die mangelnde Repräsentanz sowohl ihrer Altersstufe als auch überhaupt diverser Personengruppen vermissen, und von denen viele als "Cord Cutter" mediale Inhalte ohnehin nicht mehr linear über ein Kabel ("Cord"), sondern nur noch über andere Plattformen nach Bedarf, also "on Demand" konsumieren.

Mehr zu unserer Befragung über MDRfragt

Die Befragung vom 17.02.- 22.02.2022 stand unter der Überschrift: Russland-Ukraine-Konflikt – Entwarnung oder Eskalation?

Insgesamt sind bei MDRfragt 58.252 Menschen aus Mitteldeutschland angemeldet (Stand 22.02.2022, 11.00 Uhr). 35.814 Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben online an dieser Befragung teilgenommen.

Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat nach den statistischen Merkmalen Bildung, Geschlecht und Alter gewichtet. Das heißt, dass wir die Daten der an der Befragung beteiligten MDRfragt-Mitglieder mit den Daten der mitteldeutschen Bevölkerung abgeglichen haben. Aufgrund von Rundungen kann es vorkommen, dass die Prozentwerte bei einzelnen Fragen zusammengerechnet nicht exakt 100 ergeben

Panikmache via Talkshows

Aber worin liegen Überdruss und Ärger begründet? In den MDR-Umfrageergebnissen fielen häufig die Worte "Angst", "Panikmache", "drohend". Die Aussagen dazu bezogen sich auf eine dementsprechende angebliche Intention der Talkshows, die größtenteils mit Produktionen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gleichgesetzt wurden (Anne Will war der meistgenannte Name). "Wir hassen aber die ewige Panikmache und den drohenden Ton. Nicht nur bei Corona, auch bei der Russlandthematik!", schreibt symptomatisch etwa eine über 70-jährige Zuschauerin aus Meißen. Dass das sendungsbestimmende Thema Corona umfassend in das Leben aller Menschen eingriff, und der Krankheitsstand sowie der Streit um den richtigen Umgang und die richtigen Maßnahmen sowohl die Politik, als auch Privatleben bestimmte, schien für die Befragten nicht zu rechtfertigen, es als dringlich auf die Agenda zu setzen.

Wir hassen aber die ewige Panikmache und den drohenden Ton. Nicht nur bei Corona, auch bei der Russlandthematik!

Gabriele F., 74 Jahre, aus Meißen

Doch eine politische Talkshow ist qua Definition ein Gesprächsformat, das sich mit Problemen, mit Ungereimtheiten beschäftigt, das Fehler aufzeigt – über Dinge zu sprechen, die funktionieren, die schön sind, Mut und Freude machen, ist eher die Aufgabe unterhaltsamer Fernseh-Abendrunden, in denen anlassbezogene Kulturgäste ihre Produkte vorstellen oder Schicksale erzählt werden. Mit dem Hinweis auf "Panikmache" angesichts einer traumatischen und neuen Situation wie eine Pandemie, deren Folgen noch nicht erforscht sind, wird von den Talkshow-Kritikerinnen und Kritikern der Bock zum Gärtner gemacht: Weil die Sendung beängstigende Dinge erzählt, ist die Sendung schlecht.

Kritik an Expertinnen und Experten

Vor allem in Bezug auf Corona drückten die Befragten zudem ihr Unbill über angeblich "selbsternannte" Experten und Expertinnen aus, sprachen ihnen die Expertise ab, und vermuteten hinter den Auftritten Profilierungssucht. Ein 67-Jähriger aus Halle schrieb: "Ich stelle mit Erschrecken fest, dass schlechte Recherchen, das ständige Widerkauen von irgendwelchen Argumenten von Sachverständigen, vermeintlichen Kompetenzträgern (?????), kurzum einer Unmenge von Menschen kaum noch eine Orientierung möglich machen", und stellt damit zwei weitere Probleme in der Rezeption dar: Für Kritikerinnen und Kritiker des Formats scheint Kompetenz sich nicht unbedingt über Studium, Berufserfahrung und die damit verbundene Expertise zu vermitteln. Dass sämtliche Kritikerinnen und Kritiker aus der MDR-Umfrage, die ähnliche Zweifel hegten, (emeritierte) Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind, die den Terminus "schlechte Recherche" mit eigener Arbeit belegen können, ist unwahrscheinlich. Woher kommt also die Ablehnung? Sie hängt wiederum mit dem Inhalt zusammen: Er ist sperrig, unangenehm, wissenschaftlich, schwer vermittelbar und vor allem nicht eindeutig.

Ich stelle mit Erschrecken fest, dass schlechte Recherchen, das ständige Widerkauen von irgendwelchen Argumenten von Sachverständigen, vermeintlichen Kompetenzträgern (?????), kurzum einer Unmenge von Menschen kaum noch eine Orientierung möglich machen.

Michael H., 67 Jahre, aus Halle (Saale)

Mehr Verwirrung als Orientierung

Denn das ist die dritte Tendenz in den Antworten, die sich in der oben genannten in der Formulierung "kaum noch Orientierung möglich" ausdrückt: Talkshows vermitteln durch den Meinungs- und Einstellungs-Pluralismus einen verwirrenden Eindruck. Sie geben keine "einfache Lösung", sondern tragen durch die intentionierte Differenzierung zuweilen eher zur Desorientierung bei.

Dabei ist diese Kritik alt, wenn sie sich auch bislang auf Prä-Corona-Themen bezog: Der Medienwissenschaftler und ehemalige Grimme-Institut-Geschäftsführer Bernd Gäbler konstatierte in seiner 2011 erschienenen Studie zu Polit-Talkshows, dass die "Themenfindung in Talkshows Konjunkturen und Quotenkalkülen" unterliegt, und dass Talkshows "keine Konflikte entdecken, sondern austragen", und den "Zenit ihrer Bedeutung überschritten" hätten. Eine Lösung wären Experimente mit "Jugendforen, unorthodoxen Konstellationen oder Open-End-Debatten". Gäbler kritisierte auch damals bereits die mangelnde Diversität bei den Gästen (die sich aber in jüngster Zeit aufgrund einer steigenden Sensibilisierung und lauter Kritik zumindest leicht verbessert hat).

Der Journalist, Autor und Medienexperte Lutz Hachmeister sagte 2019 in einem Gespräch mit Deutschlandfunk, er fände das Format Talkshow "ungeeignet (…), komplexe politische Prozesse abzubilden." Er sprach von einem "bestimmten Ritual der Politiksimulation (…). Und das ist natürlich extrem ermüdend." Auch der junge Filmemacher und YouTuber Hubertus Koch sagte in einem Gespräch über das Fernsehen 2021, dass er "bei Talkshows den größten Innovationsbedarf" sähe. "Die jetzigen Talkformate sind nach Schema F", sagt er, es sei "erwartbar, was behandelt, welche Gäste eingeladen werden, oft endet es nur in einer ergebnislosen Ankeiferei".

Das Paradoxon bleibt also: Wenn es nach bestimmten Gruppen geht, und da scheinen jüngere und manche ältere Zuschauerinnen und Zuschauer einer Meinung zu sein, haben die üblichen Talkshows ausgedient – den einen sind sie zu komplex und bedrohlich, den anderen noch immer zu wenig divers. Beide Gruppen scheinen sich einig darüber zu sein, dass die Meinungsvielfalt und daraus resultierende "Ankeiferei" nerven, wollen aber auf der anderen Seite nicht nur eine Meinung repräsentiert sehen.

Die Quoten sprechen zwar eine andere Sprache. Aber sie waren bekanntlich noch nie ein Garant für die Wahrheit. Denn erstens werden sie nur dort erhoben, wo Menschen überhaupt noch einen Fernsehanschluss haben. Und zweitens zählen sie die vielen schnarchenden Menschen vor den Geräten nicht mit.