Person steht im Lichtkegel einer geöffneten Tür. Person liest in einer Zeitung.
Bildrechte: MEDIEN360G

Das letzte Wort Der journalistische Nachruf

Der ehemalige Ministerpräsident Bernhard Vogel nimmt es mit seinen 86 Jahren gelassen, über Nachrufe - auch seine eigenen - zu reden. Allein von Amts wegen ist er Kanditat der sogenannten Nachruflisten, die in vielen Redaktionen vorliegen. MEDIEN360G sprach mit ihm sowie mit leitenden Redakteuren und Autoren über diese Art des journalistischen Porträts und das Spannungsfeld von guter Vorbereitung und gebotener Rücksichtsnahme.

von Michaela Reith

Person steht im Lichtkegel einer geöffneten Tür. Person liest in einer Zeitung.
Bildrechte: MEDIEN360G

Als Karl Lagerfeld starb, füllte kurze Zeit später sein schwarz-weißes Konterfei Tageszeitungen und Boulevard-Blätter. Rundfunkredakteure titulierten den Designer in ihren Beiträgen mit "Legendärer Modezar", "Rockstar der Mode" oder "Der Unsterbliche". Die Magazine Der Spiegel und Focus setzten den Designer sogar auf das Cover ihrer Februarausgabe. Je nach Redaktion lag der Nachruf bereits vorab in der Schublade.

Was morbide klingt, ist gängige journalistische Praxis. Um auf den Tod einer prominenten Person schnell reagieren und ihr Lebenswerk umfassend würdigen zu können, produzieren Rundfunk- und Printredaktionen Nachrufe häufig "auf Halde".

Gerade bei prominenten Personen wie MinisterpräsidentInnen und PolitikerInnen hohen Ranges liegen vorbereitete Nachrufe schon einige Zeit vor dem Tag X in den Schubladen vieler Redaktionen. Über Bernhard Vogel, ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen und Rheinland-Pfalz, existieren Nachrufe allein von Amts wegen.

Bernhard Vogel sinniert über seinen eigenen Nachruf

Porträt von Bernhard Vogel 3 min
Bildrechte: MEDIEN360G

Als ehemaliger Ministerpräsident in gleich zwei Bundesländern ist Bernhard Vogel ein Nachrufkandidat schon allein von Amts wegen. Mit MEDIEN360G sprach er über das journalistische Format.

Do 11.04.2019 14:30Uhr 03:24 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-bernhard-vogel-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

An einem Freitagnachmittag Ende März sitzt Bernhard Vogel auf einem schwarzen Stuhl in seinem Büro im Thüringer Landtag in Erfurt. Er hat seine Brille vom Gesicht genommen und denkt über eine Frage nach: Wie er es findet, dass über ihn schon Nachrufe vorab existieren?

"Ich bin zu abgebrüht, als dass ich aus Pietät nicht daran dächte, dass Leute vorbereiten, dass auch andere sterben. Das ist leider so", sagt er, hält kurz inne und wiederholt noch einmal: "Das ist leider so". Denn auch wenn ihm die gängige journalistische Praxis geläufig erscheint, so übt er doch am Nachrufprozedere der Redaktionen auch Kritik: "Was mich ein bisschen stört, ist nicht, dass Material gesammelt wird, sondern dass so unverzüglich schnell, gleich am nächsten Tag, lange Würdigungsartikel erscheinen, die ganz sicher nicht in den wenigen Stunden seit der Todesnachricht entstanden sein können."

Unser Gesprächspartner: Prof. Dr. Bernhard Vogel

Bernhard Vogel ist der erste deutsche Politiker, der in gleich zwei Bundesländern - Rheinland-Pfalz und Thüringen - das Amt des Ministerpräsidenten bekleidete. Der bekennende Katholik war über 30 Jahre Mitglied des Bundesvorstands der CDU und von 2001 bis 2009 ehrenamtlicher Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung. Bernhard Vogel erhielt zusammen mit seinem Bruder Hans-Jochen Vogel den Deutschen Staatsbürgerpreis für Verdienste um "die demokratische und politische Entwicklung der Bundesrepublik" sowie zahlreiche Ehrendoktortitel an deutschen und internationalen Universitäten.

Der Nachruf vorab

Tagesaktuelle Redaktionen arbeiten unter Zeitdruck. Gelangt eine Todesnachricht zu einem/r Prominenten in Umlauf, integrieren sie den arrangierten Nachruf oft noch am gleichen Tag in das Programm oder in die nächste Printausgabe. Bernhard Vogel sähe es jedoch lieber, dass JournalistInnen den Nachruf erst einige Zeit nach dem Tod eines/r Prominenten in Angriff nähmen. So träfe eine Würdigung aus der "Situation des Augenblicks heraus" ohne großen zeitlichen Vorlauf den Ton im Nachruf besser.

Anders ging der deutsche Talkshow-Moderator Harald Schmidt vor. Er schrieb 2013 seinen Nachruf bei einer Late-Night-Show gleich selbst mit. Was für den deutschen Entertainer eine gefundene Gag-Vorlage im Rahmen einer TV-Sendung war, liegt dem CDU-Politiker jedoch fern. Er wolle nicht wissen, was JournalistInnen in vorbereiteten Nachrufen über ihn berichten. Stattdessen verfolgt er in Zeitungen die Nachrufe von Weggefährten mit einem gewissen Interesse. Er merke einem Nachruf "eine besondere Farbe" an, wenn sich Porträtierte und AutorInnen bereits vorab kannten. Er hält eine persönliche Bekanntschaft jedoch nicht für zwangsläufig notwendig.

De mortuis nil nisi bene - Von den Toten nur gut

Von der scheinbar gängigen Pietätsmaxime, über eine Person sollte postum nur Gutes gesagt werden, ist der Politiker nicht überzeugt. Eine fundierte Würdigung schließen für ihn auch kleine Verfehlungen, bekannte Skandale oder Fehltritte mit ein. "Sie (die Biografie) sollte nicht nur das Gute und Vorbildliche, sondern die ganze menschliche Gestalt schildern. Es gibt bei den größten Vorbildern den ein oder anderen Schatten. Den sollte man nicht leugnen." Leicht schmunzelnd lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und fügt noch hinzu: "Zu viel Weihrauch schwärzt den Heiligen".

Welche Formen von journalistischen Nachrufen gibt es?

Der Sprachwissenschaftler Stephan Stein ist Professor für Germanistische Linguistik und Neuere deutsche Sprache an der Universität Trier. Er untersuchte journalistische Nachrufe aus vierzig Jahren und forschte zu Tod und Trauer in der Sprache. Er macht Unterschiede in der Tonalität der journalistischen Nachrufe aus. Der positiv-sachliche Nachruf konzentriert sich auf die Errungenschaften des Verstorbenen und blendet Verfehlungen in seinem Leben größtenteils aus. Persönlich-emotionale Nachrufe entstammen häufig aus der Feder eines Weggefährten oder Zeitzeugen, der den Lebensweg mit individuellen Anekdoten schmückt. "Man kann auf eine partiell-gemeinsame Biografie zurückschauen und nimmt das zum Anlass, die Schwere des Verlustes durch den Tod eines Menschen zum Ausdruck zu bringen", beschreibt Stephan Stein. Der negativ-kritische Nachruf, auch Schurken-Nachruf genannt, bilde in der Berichterstattung eher die Ausnahme.

Die Pietätsmaxime "De Mortuis nil nisi bene" ist bis heute noch als Sinnspruch aktuell. Zu Unrecht, findet Stephan Stein, denn nicht immer haben sich Verstorbene zu Lebzeiten mit Ruhm bekleckert. "Man kann das Leben einer verstorbenen Person nicht schönreden und sollte das auch nicht tun, wenn man dem journalistischen Glaubwürdigkeitsanspruch gerecht werden möchte. Damit ergibt sich für den Nachrufautor in der Regel ein schwieriger Balance-Akt", sagt er.

Um diese Diskrepanz zu überwinden, greifen laut Stephan Stein die VerfasserInnen auf unterschiedliche sprachliche Mittel zurück. Sie schwächen Kritik mit Verallgemeinerungen ab ("So etwas wäre auch anderen passiert") oder verpacken vorgebrachte Urteile über einen Verstorbenen in humorvollen Episoden. Nicht zuletzt können NachrufautorInnen die scheinbare Praxis direkt benennen. Damit werben sie im Vornhinein um Verständnis, dass sie eventuell gegen die Pietätsmaxime verstoßen werden. Er betont: "Übersetzt heißt die Formulierung der Maxime wörtlich, dass man über Verstorbene nur gut - das heißt in guter, wohlwollender Absicht - sprechen soll. Das schließt Kritik nicht aus".

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019, 08:58 Uhr