Digital Immigrants Digitales Kinderzimmer

Konsole, Fernseher, Computer, Tablet, Smartphone – Kinderzimmer sind heute technisch um Längen besser ausgestattet als ein modernes Computerlabor in den frühen 1990er Jahren. Sogar in Puppen und Lautsprechern steckt heute jede Menge intelligente Technik. Kein Wunder, schließlich leben wir in einer hochgradig digitalisierten Gesellschaft. Und die macht natürlich auch im Kinderzimmer nicht Halt.

Ein Teddy mit Bildschirmgesicht und ein Smartphone verdeutlichen das Digitale Kinderzimmer 9 min
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Kinder wachsen in Familien auf, die mit allen möglichen Medien ausgestattet sind. So zeigt eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts iconkids & youth (nicht frei verfügbar): In jedem Haushalt mit Kindern zwischen drei und 13 Jahren ist heute mindestens ein Fernseher vorhanden. Computer, Laptops und Smartphones sind ähnlich häufig vertreten. Tablets gibt es in mehr als jedem zweiten Haushalt – mit steigender Tendenz! Die Kinder- und Medienstudie von 2016 kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.

Apps auch für Kleinkinder?

Klar ist, nur weil es die Geräte in den Familien gibt, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass auch Kinder sie nutzen. Häufig ist es aber eben doch der Fall – das zeigen Elternbefragungen. Und das muss auch nicht schlimm sein, meint Mediencoach Dr. Iren Schulz von der Initiative SCHAU HIN!. Denn selbst für kleine Kinder gibt es bereits Tablet-Apps, die auch Medienpädagogen empfehlen können.

Frau lacht
Dr. Iren Schulz, SCHAU HIN! Bildrechte: Schau Hin

Es gibt unwahrscheinlich tolle Sachen an 3D-Anwendungen – zum Beispiel ein Computerspiel, das in der Medizin bei krebskranken Kindern eingesetzt wird. Da kann man in dem Spiel den Krebs besiegen. Es hat sich gezeigt, dass diese Kinder wirklich gute Heilungschancen haben, weil die Selbstwirksamkeit steigt: Man kann etwas machen und kämpfen.

Für jüngere Kinder empfiehlt SCHAU HIN! Bilderbuch-Apps, Wimmelbücher-Apps oder Zuordnungsspiele, bei denen man beispielsweise Formen oder Farben erkennen muss. Wichtig sei aber, dass die App über das Buch hinaus ein Angebot macht – also ein interaktives Element hat. Kinder sollen so entdecken, wie sich ein Buch, in dem man die Seiten umblättert, von einer App unterscheidet, in der man tippt, wischt und Töne hört.

App-Check für kleine Kinder
• Wird die App von anderen Eltern empfohlen?
• Musik und Animation sollten nicht vom Inhalt ablenken.
• Wählen Sie Spiele aus, bei denen kein Zeitfaktor Ihr Kind unter Druck setzt.
• Apps sollten interaktiv sein, also einen Mehrwert im Vergleich zu einem Buch bieten.
• Apps sollten keine In-App-Käufe anbieten.

Allerdings habe der positive Effekt von Bildschirmmedien schnell seine Grenzen erreicht. Welchen Einfluss elektronische Medien auf die kindliche Entwicklung nehmen, wollte die deutschlandweite BLIKK-Studie herausfinden. Dazu wurden unter anderem Eltern zur Mediennutzung ihrer Kinder befragt – aber auch Kinder und Jugendliche selbst konnten Angaben machen. Die Befragung von Erziehern und Ärzten war ebenfalls Teil der Untersuchung.

Hyperaktivität, Konzentrations- und Sprachentwicklungsstörungen

Die Macher der Studie fanden heraus, dass die Nutzung von elektronischen Medien in vielen Familien schon sehr, sehr früh beginnt, erklärt Studienleiter Prof. Rainer Riedel von der Rheinischen Fachhochschule Köln:

Wir sehen, dass Kinder heute bereits ab dem zweiten Lebensjahr Medien nutzen. Insbesondere wenn man sich mit ErzieherInnen austauscht, dann stellen die fest, dass die kleinsten Kinder bereits auf dem Weg zum Kindergarten beziehungsweise auf dem Weg nach Hause gerne mit dem Smartphone oder mit dem Tablet beschäftigt werden.

Die zweite große Erkenntnis der Studie: Wenn schon kleinere Kinder häufig längere Zeit am Stück elektronische Medien nutzen, kann das unschöne Folgen haben.

Wir haben Sprachentwicklungsstörungen insbesondere in der Gruppe der Vier- bis Fünfjährigen gefunden, die bei einer Nutzungsdauer von mehr als 30 Minuten am Tag von elektronischen Medien häufiger aufgetreten sind als in der Vergleichspopulation. Bei weiteren Verhaltensauffälligkeiten handelt es sich um motorische Hyperaktivität. Besonders auffällig waren die Konzentrationsstörungen, die bis zu 25 Prozent in der Altersgruppe der Fünf- bis Zehnjährigen auftraten.

Nutzungsdauer meist unterschätzt

Viele Jugendliche gaben der Studie zufolge an, sich schlechter konzentrieren zu können, wenn sie sich mehr als eine Stunde am Tag mit Bildschirmmedien beschäftigten. Und dabei können sich die Studienmacher nicht einmal sicher sein, dass die Angaben zur Nutzungsdauer korrekt sind, erklärt Prof. Riedel.

Wenn Sie sich mit ErzieherInnen unterhalten und die Rückmeldung auf unsere Querschnittserhebungen zeigen, dann sind sie der Auffassung, dass die Nutzungsdauern wesentlich höher ausfallen als wir sie beschrieben haben. Wir gehen heute einfach davon aus, dass die Selbsteinschätzung über die Nutzungsdauer von elektronischen Medien von Kindern wie auch von Erwachsenen als wesentlich geringer wahrgenommen wird als es im Alltag selbst gelebt wird.

Das heißt, eine realistische Einschätzung über das eigene Nutzungsverhalten könnten so wohl nur die Wenigstens treffen. Das liegt zum Beispiel daran, dass elektronische Medien mittlerweile völlig selbstverständlich im Alltag integriert sind: Wir gucken auf unserem Smartphone, wann der nächste Bus kommt, und kaufen Tickets für’s nächste Konzert abends auf der Couch. Durch Parallelnutzung – zum Beispiel beim Fernsehen eine Nachricht lesen oder über das Tablet shoppen – unterschätzen wir zusätzlich unsere Nutzungszeiten. Von einer Medien-Abhängigkeit will Riedel aber nicht sprechen.

Die Gesamterkenntnisse inkl. aller Verhaltensauffälligkeiten, die die BLIKK-Studie ans Licht gebracht hat, kommen für den Studienleiter nicht überraschend:

Die Ergebnisse aus der Fernsehforschung haben schon vor über 20 Jahren gezeigt, dass Kinder und Jugendliche, die länger als drei bis vier Stunden Fernsehen pro Tag geschaut haben, entsprechende Leistungsstörungen in der Schule, Schlafstörungen oder auch Konzentrationsstörungen aufgewiesen haben.

Wie sinnvoll ist Medienverbot?

Für Prof. Riedel zeigen die Ergebnisse der Studie vor allem, dass sich Eltern ihrer Vorbildfunktion genau bewusst werden sollten. Und dass es sinnvoll ist, elektronische Medien – gerade bei kleinen Kindern – wohl dosiert einzusetzen. So sieht das auch Mediencoach Dr. Iren Schulz. Demnach bräuchten Kleinkinder authentische, direkte und haptische, anfassbare Erfahrungen sowie die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Das Erkunden der "echten" Welt sollten Medien nicht ersetzen. Ein komplettes Medienverbot hält die Expertin aber auch nicht für sinnvoll:

Wenn man sagt, das Kind wird ferngehalten von allen möglichen digitalen Medien, dann lernen die Kinder keinen kritischen oder sinnvollen oder maßvollen Umgang damit. Das ist wie damals beim Fernseh- oder Süßigkeitenverbot: Wenn man sagt, mein Kind wächst ohne Süßigkeiten auf, dann wird es die sich irgendwann, irgendwo besorgen. Und als Erwachsener wird er dann vielleicht immer noch einen völlig maßlosen Süßigkeitenkonsum an den Tag legen. Genau so kann man das für Medien auch sagen.

Deshalb sei es besser, Schritt für Schritt einen sinnvollen Umgang zu lernen, der sich dann auch für das Erwachsenenalter etabliert. Die Experten empfehlen also den goldenen Mittelweg: Mediennutzung auch für Kinder soll sein, aber in Maßen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt generell bei Kindern im Krippen-Alter gar keine Nutzung elektronischer Medien. Zwischen vier und sechs Jahren kann es bis zu einer halben Stunde am Tag sein, bis neun Jahre auch bis zu einer Stunde pro Tag.

Elektronische Medien nicht dauerhaft ins Kinderzimmer!

Das heißt für Mediencoach Schulz: Konsole, Fernseher, Tablet, Smartphone, Laptop und Co. gehören nicht dauerhaft ins Zimmer von Grundschulkindern.

Wenn man seinem Kind so etwas zugesteht und sagt: Hier jetzt hast du das Tablet für eine gewisse Zeit. Wir besprechen vorher, was du damit machst. Und natürlich können die dann auch mal eine Stunde in ihrem Zimmer verschwinden – aber dann kommt es eben auch wieder an einen anderen Platz.

Falls Eltern schon festgestellt haben, dass es mit dem Einschlafen ihrer Kinder nicht so gut klappt, hat die SCHAU-HIN!-Expertin noch einen Hinweis.

Einschlafen mit Medien – das machen viele Eltern, weil diese Nerverei und langen Aushandlungen wegfallen. Aber diese Reizüberflutung ist wirklich schwierig beim Einschlafen. Es ist schöner, noch etwas vorzulesen oder ein Hörbuch zu hören.

Das Gleiche gilt übrigens auch für Erwachsene! Mehrere Studien haben gezeigt, dass das blaue Licht von Smartphones und Tablets auch die Eltern um den Schlaf bringen kann. Kinder reagieren sogar noch sensibler auf blaues Display-Licht als Erwachsene.

Tipps der Experten zur sinnvollen Nutzung von elektronischen Medien
• sehr junge Mediennutzer sollten nie alleine sein
• kleine Kinder bei der Mediennutzung begleiten
• feste Zeiten für digitale Mediennutzung vorgeben und beobachten, wann ein Kind genug hat
* Kinder von 1 bis 3 Jahren: wenden sich automatisch ab
* Kinder von 3 bis 4 Jahren: Mediennutzungszeit nicht mehr als 10 Minuten
* Kinder von 5 bis 6 Jahren: Mediennutzungszeit zwischen 20 und 30 Minuten
• Medienzeit kann an jedem Tag stattfinden, muss sie aber nicht
• Konsole, Fernseher, Computer, Tablet, etc. nicht dauerhaft im Kinderzimmer lassen