Digital Immigrants Smart Toys – das Internet der Spielzeuge

Wie unterscheiden sich heutige Kinderzimmer zu denen von vor 15 Jahren? Optisch kaum, denn bunt waren sie schon immer. Bauklötze, Autos und Kuscheltiere liegen auch weiterhin auf dem Boden verteilt. Wer tatsächlich einen Unterschied ausmachen möchte, muss etwas genauer hinsehen – und nach blinkenden Lämpchen und versteckter Technik suchen. Denn die Spielzeuge in Kinderzimmern werden immer smarter, auch wenn das auf den ersten Blick gar nicht so aussieht.

Ein Mädchen spielt mit digitalen Bauklötzen. 9 min
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Sogenannte Smart Toys, also intelligente Spielzeuge, sind ganz klar im Kommen. Dr. Iren Schulz von der Initiative SCHAU HIN! erklärt, was die Spielzeuge so besonders macht:

Smart Toys sind Spielzeuge, die auf das Verhalten der Nutzer – also der Kinder – reagieren, denn sie haben eine Software eingebaut. Das Spielzeug sammelt Daten über Mikrofone, Sensoren oder Kameras.

Frau lacht
Dr. Iren Schulz – SCHAU HIN! Bildrechte: Schau Hin

Im Prinzip gibt es zwei Gruppen von smarten Spielzeugen: Bei nicht-vernetzten Spielsachen wird die Interaktion des Kindes über Mikrofon und Kamera registriert und durch die vorinstallierte Software verarbeitet. Die Reaktion des Spielzeugs ist vorprogrammiert und findet lokal im Gegenstand selbst statt.

Im Gegensatz dazu stehen vernetzte Spielzeuge. Sie übermitteln beispielsweise Daten über das Internet an Cloud-Plattformen, die dann dort verarbeitet werden. Das intelligente Spielzeug hat dann – je nach Modell – Zugriff auf das ganze Wissen des Internets. Fragt ein Kind beispielsweise "Was ist das größte Tier der Welt?" kann die Software bei Wikipedia nach einer Antwort suchen.

Eine Entwicklung, die noch ganz am Anfang steht

Das Internet wird also auch immer mehr zum festen Bestandteil in Kinderzimmern. Doch bis jetzt steht diese Entwicklung gerade erst am Anfang, meint Simone Vintz von der Stiftung Warentest: 

Ich würde sagen, die Welle rollt an. Sie sind dabei sich zu verbreiten. Viel geht über Sprachsteuerung oder Musik abspielen. Die ganzen Möglichkeiten der Digitalisierung können natürlich hier auch genutzt werden – und werden auch genutzt.

Und das soll in den nächsten Jahren rasend schnell gehen: 

Ich habe eine Zahl gefunden: Zurzeit sind es weltweit 13 Prozent mit 2,6 Milliarden Euro. Im Jahr 2020 prognostiziert man zehn Milliarden Euro. Sie werden also weltweit relativ breit genutzt. In Deutschland, würde ich sagen, kommt die Welle gerade an.

Die smarten Spielzeuge werden also immer beliebter. Und dafür gibt es gute Gründe, meint Mediencoach Dr. Iren Schulz:

Kinder finden interaktive Spielzeuge schon immer gut. Früher hat der Bär, wenn man ihn gekippt hat, gebrummt. Oder die Puppe konnte weinen oder die Windeln waren voll. Das macht es jetzt mit Smart Toys alles noch authentischer, wenn sie individuell reagieren.

Demnach erweitern sich die Spielmöglichkeiten für Kinder. Einige Spielzeuge können bis zu einem gewissen Grad auch individuell an die Bedürfnisse und Fähigkeiten ihrer kleinen Nutzer angepasst werden. Eine positive Entwicklung, meint Mediencoach Schulz.

Cayla – die Spionage-Puppe

Allerdings, das ist mittlerweile klar, haben die heutigen smarten Spielzeuge auch einige Nachteile – das hat unter anderem die Stiftung Warentest herausgefunden. Das Institut hat sich sieben intelligente Spielzeuge näher angesehen; mit einem ernüchternden Ergebnis: Viele von ihnen waren schlicht nicht sicher, weiß Simone Vintz, und daran können auch die Eltern wenig ändern:

Unsichere Spielzeuge von der Elternseite aus sicher zu machen, ist eigentlich nicht möglich, denn sie können die Spielzeuge nicht konfigurieren. Oft genug gab es eine ungesicherte Bluetooth-Schnittstelle. Die können auch Eltern nicht ändern.

Ungesicherte Bluetooth-Schnittstelle sind deshalb gefährlich, weil die Möglichkeit besteht, dass Fremde sich in das Gerät einklinken, sich also mit dem Spielzeug verbinden. Die Folge: Ein Fremder könnte mit dem Kind kommunizieren und die kleinen Nutzer würden es wahrscheinlich nicht einmal merken. Eine Horrorvorstellung für Eltern. Doch genau das war beispielsweise mit der Puppe "My friend Cayla" möglich, erklärt Jurist Henry Krasemann:

Ein Mann mit Locken lacht
Jurist Henry Krasemann Bildrechte: Henry Krasemann

Die Puppe funktioniert wie ein Bluetooth-Headset: Es hat sich mit einem Handy verbunden, alles mitgehört, was im Raum passiert. Die Inhalte wurden auf Server, wahrscheinlich in den USA, auf jeden Fall im Ausland aus deutscher Sicht, überspielt. Sie wurden analysiert und daraus wurden Antworten generiert, die Cayla entsprechend gesprochen hat. Da scheint es bei der Absicherung der Bluetooth-Verbindung und der Möglichkeit, sich dort auch als Externer einzuklinken, Lücken gegeben zu haben.

Das hatte die Bundesnetzagentur im Frühjahr 2017 mitbekommen, die Puppe sofort vom Markt nehmen lassen und Eltern im Herbst dazu aufgefordert, Cayla zu vernichten.

Begründung der Bundesnetzagentur Nach § 90 Telekommunikationsgesetz (TKG) ist es verboten, Sendeanlagen oder sonstige Telekommunikationsanlagen zu besitzen, herzustellen, zu vertreiben […], die ihrer Form nach einen anderen Gegenstand vortäuschen oder die mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs verkleidet sind und auf Grund dieser Umstände oder auf Grund ihrer Funktionsweise in besonderer Weise geeignet und dazu bestimmt sind, das nicht öffentlich gesprochene Wort eines anderen von diesem unbemerkt abzuhören oder das Bild eines anderen von diesem unbemerkt aufzunehmen.

Eine sendefähige Anlage sei eigentlich das, was wir aus Agentenfilmen kennen: eine Kamera im Kugelschreiber oder ein Mikrofon im Lippenstift – also Gegenstände, die nicht vermuten ließen, dass es sich hier um Aufnahme- oder Sendegeräte handelt, erklärt Jurist Krasemann:

Und da hat man gesagt, dass auch diese Puppe, weil sie eben nur wie eine Puppe aussieht, aber nicht für jedermann gleich erkennbar ist, dass das gute Teil auch mithört, ein solches Spionagegerät ist.

Sicherheit und Datenschutz: ungenügend

Krasemann ist allerdings skeptisch, auch wenn er einsieht, dass nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, was Cayla alles kann. Allerdings sei das heute bei vielen Geräten der Fall – auch bei Sprachassistenten, die aussehen wie ein Lautsprecher. Auch Apples Sprachassistent Siri höre – wenn Nutzer das so eingestellt haben – permanent mit. Das sei für die Meisten genauso überraschend. Er sieht bei Puppe Cayla und zum Teil auch anderen smarten Spielzeugen ein ganz anderes Problem: die Datenschutzerklärung.

Die war an vielen Stellen ein bisschen gruselig, weil sie sich auch Freiheiten ließ, Daten, die verarbeitet wurden, auch für andere Zwecke nutzen zu dürfen. Unter anderem für Werbezwecke und Weitergabe.

Das sei aus Datenschutzsicht so eigentlich nicht zulässig. Neben der möglichen Datenkrake sieht der Jurist ein weiteres Problem – und das betrifft vor allem die Eltern. Einige intelligente Spielzeuge speichern das gesprochene Wort des Kindes in einer Cloud ab. Eltern können dann nachhören, was ihr Sprössling der Puppe oder dem Roboter erzählt hat. Hier befinden sich Eltern in einer rechtlichen Grauzone, denn es berührt die Persönlichkeitsrechte des Kindes.  

Ich habe natürlich von Geburt an meine Persönlichkeitsrechte, ich kann sie nur noch nicht so richtig ausüben, weil ich je nach Alter noch kein Gefühl dafür habe, was das bedeutet und was gut für mich ist. Ich bin noch leicht manipulierbar. Deswegen machen das die Eltern – aber nicht im Sinne der Eltern, sondern im Sinne des Kindes.

Smarte Spielzeuge nicht für Kleinkinder

Mediencoach Dr. Iren Schulz gibt außerdem zu bedenken, dass es insbesondere für jüngere Kinder und am Anfang ganz wichtig sei, die Welt analog und haptisch zu erkunden, zu riechen, anzufassen, zu fühlen und zu schmecken. Das sei essenziell für die Entwicklung und sollte nicht von digitalen Anwendungen verdrängt werden. 

Außerdem könnten gerade kleine Kinder die Bedeutung smarter Spielzeuge noch nicht einschätzen. Für die Erkenntnis, dass das gesamte Internet vor einem sitzt und nicht nur eine Puppe, bräuchten Kinder einen gewissen kognitiven Stand. Daher der Rat der Expertin auf die Frage, wann das richtige Alter sei, smarte Spielzeuge zu schenken: 

Ich finde, das ist eine Grundsatzentscheidung von Eltern. Mit drei, vier, fünf Jahren ist es zu zeitig. Das ist so ein großer Kosmos – unter Grundschulalter würde ich da fast nicht sagen.

Grundsätzlich, so der Rat unserer Experten, sollten sich Eltern genau anschauen, welche Spielzeuge sie in ihr Haus lassen und wann. Klar ist, dass in Zukunft bei vielen Kindern intelligente Puppen, Roboter oder Barbies auf den Wunschzetteln stehen werden. Bevor Eltern aber Wünsche erfüllen, sollten sie dringend die Datenschutzerklärungen der Hersteller lesen. Sie enthalten wichtige Hinweise – zum Beispiel darauf, ob persönliche Daten an Dritte weitergegeben werden.