Digital Immigrants Nachhilfe im Netz

Wer im Unterricht nicht richtig mitkommt, der muss sich zu Hause hinsetzen und den Stoff nachholen. Alleine ist das gar nicht so einfach. Statt in die Nachhilfe zu gehen, versuchen es auch immer mehr Schüler mit Tutorials. Aber ist das auch sinnvoll?

von Katharina Pritzkow für MEDIEN360G

Kind liegt vor einem Laptop 7 min
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06:37 min

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Wer etwas lernen möchte, der muss schon längst nicht mehr in die Buchhandlung gehen, um sich ein Buch zu kaufen, oder jemanden um Hilfe bitten. Heute reicht ein Internetzugang. Denn zu fast jedem Thema gibt’s Online ein Tutorial: Stricken, Schminken, Gitarre spielen oder Steuererklärung? Die Erklärvideos sind nur wenige Klicks entfernt.

Die meisten dieser Tutorials gibt es auf YouTube der Videoplattform schlechthin bei Kindern und Jugendlichen. Und genau die sitzen mittlerweile auch in Sachen Schule immer häufiger vor den Erklärvideos! Nachhilfe im Netz ist das Stichwort. Die Idee dahinter: Wer im Unterricht geträumt, gequatscht oder einfach nicht mitgekommen ist, soll zu Hause die Chance bekommen, den Schulstoff zu verstehen. Denn die nächste Klassenarbeit ist nie weit.

Tutorials = Nachhilfe?

Das Angebot an Nachhilfevideos allein im deutschsprachigen Raum ist riesig: Zehntausende Zugriffe haben die gefragtesten Nachhilfe-Kanäle in Mathe, Physik, Bio, Chemie, Deutsch und Geschichte. Doch nicht alle sind ganz glücklich über diese Entwicklung. Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger hat zumindest Bedenken: 

Heinz-Peter Meidinger, Gymnasiallehrer und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes Bildrechte: Heinz-Peter Meidinger

Grundsätzlich freue ich mich über jeden Schüler, der zusätzlich versucht, sich für die Schule fit zu machen, indem er beispielsweise auch auf Internetangebote zurückgreift. Es ist allerdings ein Irrtum zu glauben, dass solche Angebote im Netz qualifizierte Nachhilfe ersetzen kann.

Wobei die Betonung auf der "qualifizierten Nachhilfe" liegt. Die Hans-Böckler-Stiftung fand bei einer Befragung von kommerziellen Nachhilfe-Instituten heraus: Rund Dreiviertel aller Anbieter beschäftigte keinen einzigen ausgebildeten Lehrer oder ihr Anteil am Nachhilfe-Institut lag bei unter 20 Prozent. Henrik Saalbach, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Leipzig, meint daher:

Ein Mann sitzt inmitten von Stühlen
Henrik Saalbach, Professor für Pädagogische Psychologie Bildrechte: Swen Reichhold

Wenn jemand völlig unausgebildet Nachhilfe unterrichtet – quasi als Nebenjob, dann ist nicht gesagt, ob das unbedingt besser ist, als sich ein professionelles Video-Tutorial anzuschauen. Die Kompetenzen und die Professionalisierung des Nachhilfelehrers spielt natürlich auch eine große Rolle.

Und dabei sei nicht nur die fachliche Kompetenz gefragt. Oft geht es bei der Nachhilfe um mehr als bloße Wissensvermittlung, meint der Psychologe. Kinder seien erfolgreicher, wenn sie Erfolge und ihre eigene Kompetenz erlebten. Aufgabe einer guten Lehrperson sei es, zu motivieren und Feedback zu geben. Das allerdings könne wirklich nur ein Lehrer – kein Tutorial.  

Inhaltliche Video-Qualität durchwachsen

Doch was ist überhaupt der Anspruch der Video-Macher? In Deutschland sind vor allem "The Simple Club", "Wissen2Go" – oder auch "musstewissen" von der öffentlich-rechtlichen Online-Plattform FUNK gefragt. Nicole Valenzuela steht für das FUNK-Format vor der Kamera und erklärt ihren Abonnenten Binomische Formeln und das Distributivgesetz:

Ich nutze nicht so gerne das Wort 'Nachhilfevideos', weil wir keine klassische Nachhilfe machen. Wir sind ein Zwischending zwischen dem Lehrer, der was erklärt und Fachwissen wiedergibt, und zwischen dem, was die Schüler im Internet recherchieren können, und dem, was auch ein Nachhilfelehrer bieten kann, der zum Beispiel Aufgaben auszurechnen betreut.

"Musstewissen" versteht sich also als ein Zusatzangebot. Eine Hilfe, wenn Schüler alleine vor ihren Hausaufgaben sitzen und feststellen, dass sie den Stoff doch noch nicht ganz verstanden haben. Die Frage ist nur, ob die Erklärvideos aller Anbieter tatsächlich helfen oder das Problem "verschlimmbessern". Denn laut Lehrer Meidinger ist die Qualität der Videos äußerst durchwachsen.

Ich habe mir Leute angeschaut, die hohe Klickzahlen hatten, die Renner im Netz sind. Da war die Qualität teilweise tatsächlich nicht schlecht. Abgesehen davon, dass es viel zu unspezifisch ist. Ich bin mir aber auch sicher, dass es unglaublich viel Schrott im Internet gibt. Es gibt ja keinen Menschen, der hier prüft, ob es tatsächlich richtig ist.

Das kann auch Felix Fähnrich bestätigen. Er ist am Gymnasium unter anderem Mathelehrer und meint: Wenn viele Leute viele Videos machten, dann entstünden auch nicht so gute Videos. Das sei gerade bei Youtube ein Problem. Wenn Schüler nach einem bestimmten Thema suchten, wüssten sie nicht, ob ein Video nun gut oder schlecht sei. Der junge Lehrer steht den Erklärvideos allerdings nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber:

Ein Mann lacht in die Kamera
Felix Fähnrich, Lehrer Bildrechte: Felix Fähnrich

Sie sind auf jeden Fall eine Bereicherung. Die musstewissen-Videos und die Simple-Club-Videos habe ich meinen Schülern auch schon empfohlen. Die sind gut als Nachbereitung, wenn man ein Thema im Unterricht schon mal hatte. Dann finde ich die richtig gut, die Schüler verstehen sie und sie haben einen Mehrwert.

Tutorials im Unterricht

Mathelehrer Fähnrich geht mit einem Kollegen seit einigen Jahren sogar noch ein paar Schritte weiter. Sie machen Erklärvideos zum festen Bestandteil ihrer Wissensvermittlung – mit der Methode Flipped Classroom.

Flipped Classroom – umgedrehtes Klassenzimmer Bei der Methode des Flipped Classroom beginnt die Unterrichtsstunde schon in der Hausaufgabe. In der Hausaufgabe wird neuer Input gegeben – bei Mathelehrer Fähnrich durch ein Erklärvideo.

Die Schüler bearbeiten das Video, erstellen einen Heftaufschrieb, lösen kleine Aufgaben und auch ein Quiz auf der Homepage. Dann kommen sie vorbereitet in den Unterricht.

Im Unterricht ist das eigentlich Wichtige, dass hier die Grundlagen geübt und angewendet werden, sodass sie das Wissen, das sie zum Thema haben, auch wirklich können.

Allerdings: Das Lehrer-Team produziert seine eigenen Erklärvideos. Denn die Tutorials aus dem Netz hätten dem Qualitätsanspruch bisher nicht genügt. Aber

Als Nachhilfe, wenn man es nicht verstanden hat, sind diese Videos auf Youtube auf jeden Fall eine Bereicherung. Ich glaube auch, dadurch, dass es eben immer mehr Videos gibt und immer mehr Leute das machen, wird es auch immer besser.

Mehr Bildungsgerechtigkeit durch kostenlose Videos?

Und die Videos könnten zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen, nämlich für Kinder und Jugendliche aus weniger wohlhabenden Familien. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Für die Nachhilfe ihres Kindes bezahlen Eltern im Schnitt 87 Euro im Monat. Dementsprechend organisieren Eltern mit höherem Einkommen häufiger Nachhilfe für ihre Kinder. Zum gleichen Ergebnis kommt auch eine Untersuchung der Hans Böckler Stiftung.

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Meininger, bezweifelt allerdings, dass Online-Angebote wie Youtube-Tutorials in Mathe oder Deutsch zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen. Meidinger sieht vor allem die intensive Begleitung der Kinder durch die Eltern als wichtigen Faktor für den Bildungserfolg. Kinder, die diese Unterstützung nicht hätten, seien im Nachteil. Und das könne auch nicht durch Internetangebote ausgeglichen werden.

Grundsätzlich sind sich die Experten aber einig: Lern-Tutorials – auch für Schulstoff – können eine sinnvolle Sache sein. Allerdings immer nur als Ergänzung, nie als Ersatz.