Digital Immigrants Was dürfen Kinder wann?

Was Kinder und Jugendliche wann dürfen, ist in vielen Bereichen ganz klar festgelegt. Zum Beispiel Bier trinken geht erst ab 16 und Kinder bis 14 Jahre dürfen ohne Eltern nur bis maximal 20 Uhr ins Kino. Bei der Mediennutzung sind die Regeln nicht immer ganz so klar.

An einem Mobile hängen ein Twittervogel, ein @-Zeichen und ein Smartphone. Eine Hand greift danach. 9 min
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Was Kinder und Jugendliche wann dürfen, dafür gibt es viele Richtlinien – zum Beispiel im Jugendschutzgesetz. Für sie gelten besondere Regeln, weil man davon ausgeht, dass Kinder besonders schützenswert sind und vor vielen Dingen bewahrt werden müssen. Das gilt auch bei der Nutzung von Medien - insbesondere im Internet. Einige Regeln sind deshalb noch ganz neu oder einfach bisher nicht klar.  

Filme und Computerspiele

Bei Filmen und Computerspielen gibt es schon seit vielen Jahren die Freiwillige Selbstkontrolle. Kinofilme werden generell mit einer FSK-Kennzeichnung in fünf Stufen versehen: Geeignet ab null Jahren, ab sechs, ab zwölf, ab 16 oder ab 18, erklärt Mediencoach Kristin Langer von der Initiative SCHAU HIN:

Eine Frau hat ein Tablet in der Hand
Mediencoach Kristin Langer, SCHAU HIN! Bildrechte: SCHAU HIN!

Die gesetzliche Regelung, die ja Grundlage für die FSK-Alterseinstufung ist, besagt: Das Kind muss mindestens 12 Jahre alt sein, um diesen Film anzuschauen; weil es ansonsten in seiner seelischen, geistigen und körperlichen Entwicklung und in seiner Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit beeinträchtigt ist. Das Gleiche gilt bei Spielen von der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle - Anm. d. Red.)

Einen kleinen Unterschied zwischen dem heimischen Filmeschauen und dem Kinobesuch gibt es dabei aber:

Wenn Eltern zu Hause entscheiden: Wir haben die DVD, wir haben einen 13-Jährigen und einen Achtjährigen und die Kinder schauen diesen Film gemeinsam, gibt es keinerlei Rechtskonsequenz für die Eltern. Weil sie das in ihrem privaten Bereich selbst entscheiden können. Die Eltern sind in der Lage, zu entscheiden, ob das Kind von diesem Film einen Schaden nehmen wird oder nicht.

Ähnliches gilt beim Kinobesuch: Das heißt, wenn Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren in Begleitung ihrer Eltern in einen Film gehen, der mit "Freigegeben ab zwölf Jahren" gekennzeichnet ist, ist das erlaubt. Wenn das achtjährige Kind aber mit seinem 13-jährigen Geschwisterkind in den Film gehen möchte, dann würde es an der Kinokasse zurückgewiesen. Denn der Kinobesitzer darf eben ohne Beisein der Eltern nur Kinobesucher ab zwölf Jahren in die Vorstellung lassen.  

Bei Computerspielen schreibt das Jugendschutzgesetz vor, dass es generell auf Spiele eine verpflichtende Alterseinstufung gibt. Verkauft werden darf Kindern und Jugendlichen ein Spiel nur, wenn vor dem Kauf auch kontrolliert wird, ob sie alt genug sind.

YouTube

YouTube ist langsam dabei, das klassische Fernsehen abzulösen. Hier gibt es kurze Filme, Musikvideos, Tutorials und vieles mehr. Die Video-Plattform gehört zum Google-Konzern. Wer sich ein Nutzerkonto anlegen möchte, muss mindestens 16 Jahre alt sein – das sehen die Nutzungsbedingungen in Deutschland vor.

Die Realität ist aber eine andere: Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist YouTube die Videoplattform schlechthin. Allerdings sind bei weitem nicht alle Inhalte für Kinder und Jugendliche geeignet. Die Plattform YouTube Kids bietet Eltern an, dass sie in einem separaten Elternbereich einstellen können, wie alt ihr Kind ist und welche Filme es nutzen kann, weiß Mediencoach Langer.

Wenn Jugendliche Filme thematisch auswählen, gibt es einen Automatismus: Sobald ich einen Film zu Ende gesehen habe, werden mir andere Filme vorgeschlagen. Und ich kann dann auf einen Titel klicken und der müsste dann, wenn dieser Filter hundertprozentig funktioniert, greifen. Wenn der Film ab 16 ist oder 18 ist, dann darf ich ihn eigentlich nicht schauen.

Allerdings gibt es diesen hundertprozentigen Schutz eben nicht. YouTube Kids, das sich explizit an Kinder ab dem Vorschulalter richtet, stand in der Vergangenheit in der Kritik. Denn regelmäßig schafften es Videos in das Kinderangebot, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Bei genauerem Hinsehen waren die Inhalte aber verstörend. Im Gespräch mit der New York Times bestätigte der verantwortliche Youtube-Manager Malik Ducard, dass die Plattform kein betreutes Angebot ist.

Streaming-Dienste

Auch Streaming-Dienste werden beliebter und nehmen so neben dem linearen Fernsehen immer mehr Platz ein. Das Angebot ist bequem: Für einen monatlichen Betrag können die Nutzer so viele Filme und Serien im Internet anschauen, wie sie möchten. Sie brauchen nur ein Gerät zum Abspielen und stabiles Internet. Dafür kommen sie ohne Werbung und jederzeit an ihre gewünschten Inhalte – das gilt auch bei Musikstreaming-Diensten.

Wer wissen will, wer wo einen Account erstellen darf, schaut am besten in die Nutzungsbedingungen der Anbieter, rät Kristin Langer von SCHAU HIN:

Es ist eindeutig geregelt, dass eine bestimmte Altersvoraussetzung da sein muss. Und das machen Anbieter auch in ihren Geschäftsbedingungen klar und machen das zur Nutzungsbedingung. Bei Spotify steht zum Beispiel: Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein - oder 14 Jahre alt und das Einverständnis der Eltern oder eines Vormundes haben. Das heißt, die Heranwachsenden sind auf die Eltern angewiesen.

Der Streaming-Dienst Netflix beispielsweise gibt vor, dass seine Mitglieder mindestens 18 Jahre alt sein oder in Ihrer Region oder Ihrem Land bereits die Volljährigkeit erreicht haben müssen. Minderjährige dürfen laut Nutzungsbedingungen den Dienst ausschließlich unter Beaufsichtigung eines Erwachsenen verwenden.

In-App-Käufe

Zwischen sieben und 17 Jahren sind Kinder und Jugendliche beschränkt geschäftsfähig, das besagt das Bürgerliche Gesetzbuch. Das heißt, sie dürfen bereits selbst bestimmte Dinge wie Süßigkeiten oder DVDs kaufen, brauchen dafür aber eigentlich die Erlaubnis ihrer Eltern. Die wiederum haben das Recht, Käufe rückgängig zu machen. Händler müssen die Ware dann zurücknehmen.

Das gilt nicht nur für das Geschäft vor Ort, sondern beispielsweis auch bei In-App-Käufen, erklärt Mediencoach Kristin Langer:

Bei Kaufgeschäften, die sich auch auf das Internet beziehen, ist es derzeit in Deutschland so: Da gibt es einen Taschengeld-Paragrafen. Generell kann man nicht sagen, ein Kauf ist verboten oder nicht verboten. Es obliegt mir als Elternteil zu sagen, ich möchte, dass du das eigenständig machen kannst - oder eben nicht. Dann kommt es darauf an, wie hoch die Summe ist. Wenn es in einem Rahmen geschieht, in dem das Kind auch ein Taschengeld bekäme, ist das in Ordnung. Wenn wir bei In-App-Käufen sind, die monatlich 500 Euro betragen würden, dann unterliegt das nicht mehr dem Taschengeld-Paragrafen.

In diesem Fall sind Kaufgeschäfte getätigt worden, die nicht rechtskräftig sind. Eltern können sich dann darum bemühen, den Vertragsabschluss rückgängig zu machen.

Messenger-Apps

Im Fall von Messenger-Apps ist es für Kinder und Jugendliche zumindest in der Theorie etwas schwieriger. Denn mit der EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) musste beispielweise WhatsApp seine Nutzungsbedingungen ändern. Den Messenger-Dienst dürfen nur noch Jugendliche mit einem Mindestalter von 16 Jahren verwenden, erklärt Jurist Henry Krasemann:

Ein Mann mit Locken lacht
Henry Krasemann, Jurist Bildrechte: Henry Krasemann

Es gab in unserem bisherigen deutschen Recht keine Altersgrenze. Direkt festgelegt wurde die mit der DSGVO. Betroffen sind aber nur Dienste der Informationsgesellschaft - wie Online-Dienste und Telekommunikation. In diesem Bereich gelten diese 16 Jahre. Deutschland hätte sagen können, es will eine gewisse Flexibilität. Aber das haben sie nicht getan. Die 16 Jahre gelten also auch für hier.

Tatsächlich schreibt WhatsApp in seinen neuen Nutzungsbedingungen:

Symbol des Messengers WhatsApp
Bildrechte: IMAGO

Wenn du in einem Land im Europäischen Wirtschaftsraum und jedem anderen umfassten Land oder Hoheitsgebiet lebst, musst du mindestens 16 Jahre alt sein (oder das in deinem Land vorgeschriebene Alter erreicht haben), um dich zu registrieren und WhatsApp zu nutzen.

Mediencoach Langer gibt aber zu bedenken:

Das Interessante dabei ist, dass mein Alter gar nicht nachgeprüft wird, wenn ich mich in so einem Netzwerk anmelde. Es ist in den AGB niedergeschrieben, aber es wird vom Betreiber her nicht nachgeprüft.

In der Praxis ist es also so, dass auch Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren den Dienst weiter nutzen. Vor allem, weil bisher kein Gesetz genau vorgibt, wie streng die Unternehmen die Altersprüfung tatsächlich überprüfen müssen. Eltern und Jugendliche müssen sich Krasemanns Meinung nach keine Gedanken machen:

Man macht sich nicht strafbar, wenn man die App schon vorher nutzt. WhatsApp kann natürlich sagen: ‚Du bist erst 14, damit darfst du diesen Dienst nicht mehr nutzen. Deinen Account nehmen wir dir wieder weg‘. Aber man hat sich in dem Sinne nicht eines Vergehens wirklich schuldig gemacht - nach meiner Einschätzung.

Neben WhatsApp gibt es noch zahlreiche andere Messenger, für die die neue Regelung gilt. Der Schweizer Dienst Threema wirbt auf seiner Webseite:

Bei Threema stehen Sicherheit und Schutz der Privatsphäre der Nutzer seit jeher im Zentrum. Um den Anforderungen der DSGVO zu genügen, waren keinerlei technische Anpassungen nötig. Für Threema-Nutzer ändert sich daher nichts.

Die Benutzung von Threema sei in jedem Alter unbedenklich, auch Kindern stehe es frei, mit der App zu kommunizieren. Das liegt daran, dass Threema auch ohne die Angaben personenbezogener Daten genutzt werden kann. Falls Nutzer aber freiwillig ihre Rufnummer oder Mail-Adresse angeben, bestätigen sie automatisch, dass sie mindestens 16 Jahre alt sind oder die Nutzungserlaubnis ihrer Eltern haben.