Luftschloss, darüber eine Brille mit zwei Perspektiven.
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Anspruch und Realität Können Journalisten objektiv berichten?

Eine objektive Berichterstattung ist das Ideal eines guten Journalismus, oder? Das Verständnis von Medien und Wirklichkeit ist im ständigen Wandel. Deshalb taucht immer wieder die Frage auf: Können Medien überhaupt objektiv sein oder ist das Ideal nur eine "Fata Morgana"? Und woran können sich Leser und Leserinnen dann überhaupt noch orientieren?

von Nora Frerichmann

Luftschloss, darüber eine Brille mit zwei Perspektiven.
Bildrechte: MEDIEN360G

"Sagen was ist", diesen journalistischen Leitspruch hat Spiegel-Gründer Rudolf Augstein einst geprägt. In Zeiten riesiger Informationsflut über verschiedene Kanäle, Falschnachrichten und sozialen Medien stellt sich aber immer wieder die Frage: Was kann man denn eigentlich noch glauben, was ist denn jetzt eigentlich die Wirklichkeit?

Konstruierte Wirklichkeit

Der Blick auf die Informationsvermittlung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert: Die traditionelle realistische Perspektive, nach der Medien die Wirklichkeit abbilden und damit ein realitätsgetreues Abbild an ihre Leser, Hörerinnen und Nutzer vermitteln, ist einer anderen Einstellung gewichen. Mittlerweile werden Medien eher aus konstruktivistischer Perspektive betrachtet. Dabei wird angenommen, dass Medien an der Konstruktion der Wirklichkeit maßgeblich beteiligt sind und damit ein bestimmtes Bild der Realität erzeugen.

Journalistinnen und Journalisten sind, wie alle anderen Menschen auch, durch ihre Erfahrungen, ihre politische Gesinnung, ihre Bildung, Herkunft, Geschlecht und andere Faktoren geprägt und nehmen die Realität dementsprechend wahr. Freimachen von dieser individuellen Brille kann sich niemand komplett, weder die Journalistin noch der Blogger, die Youtuberin, der Bürgermeister, der Bäcker und die Sprechstundenhilfe.

Eine Frage des Blickwinkels

Porträt von Dr. Cornelia Mothes 8 min
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"Die Objektivitätsnorm ist umstritten, weil sie aus erkenntnistheoretischer Perspektive nicht voll umfassend herstellbar ist. Jede Person blickt aus ihrer individuellen Perspektive auf die Welt", sagt Cornelia Mothes.

Fr 29.03.2019 10:25Uhr 08:07 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-cornelia-mothes-108.html

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Anders aber als in der Bäckerei taucht im journalistischen Arbeiten Tag für Tag die Frage nach einer möglichst realitätsnahen Vermittlung von Ereignissen auf, beispielsweise: Wird die Wirklichkeit dargestellt, wenn Journalisten etwa Politiker-Statements transportieren, obwohl offizielle Zahlen den Aussagen widersprechen? Inwiefern kann man es als "objektiv" bezeichnen, wenn im Radio aus einer Rede nur einige Kernaussagen vermittelt werden, weil sie mit zwei Stunden viel zu lang für eine Nachrichtensendung ist?

Hinzu kommen eventuelle wirtschaftliche Schwierigkeiten des Medienhauses, Klicks, Auflage, thematische Ausrichtung etc. So würde sich ein taz-Redakteur aus dem Umwelt-Ressort beispielsweise bei einer Rede zum Klimaschutz wohl auf Missstände und strengere Emissionsregeln konzentrieren, während eine Wirtschaftsredakteurin der FAZ den Fokus vielleicht eher auf die Bedeutung für die Wirtschaft und eventuell gedrosseltes Wachstum legen würde. Was hier richtig und wichtig ist, ist also immer eine Frage des Blickwinkels.

Zur Person Dr. Cornelia Mothes

Cornelia Mothes ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Sie promovierte 2012 über die Objektivität im Journalismus als professionelles Abgrenzungskriterium zum Nicht-Journalisten.

"Journalismus kann nicht objektiv sein"

Kritiker stellen die Erreichbarkeit von Objektivität teilweise radikal in Frage. Mit der Behauptung, Objektivität im Journalismus sei eine "Fata Morgana", sorgte die Journalistin und promovierte Neurowissenschaftlerin Maren Urner im Frühling 2018 für Diskussionen:

"Er [Journalismus] kann nicht objektiv sein, weil er von so vielen subjektiven Entscheidungen abhängt. Das beginnt bei der Auswahl der Themen, der Interviewpartner und Quellen und endet mit der Wort- und Bildwahl, die einen Beitrag am Ende ausmachen."

Ist Objektivität also eine Anforderung, die "objektiv gesehen" gar nicht erfüllt werden kann? Gewisse handwerkliche Regeln und Qualitätsanforderungen gibt es natürlich trotzdem. So heißt es etwa im Medienkodex des Netzwerks Recherche:

Journalisten unterscheiden erkennbar zwischen Fakten und Meinung. (…) Journalisten recherchieren und berichten unabhängig, sorgfältig und umfassend. Sie achten die Menschenwürde und Persönlichkeitsrechte. (…) Journalisten garantieren handwerklich saubere und ausführliche Recherche aller zur Verfügung stehenden Quellen.

Zu den Grundlagen gehört es zudem, beide Seiten eines Konflikts zu Wort kommen zu lassen oder bei Nachrichten die Fragen nach dem Was? Wer? Wie? Wo? Wann? Warum? und eventuellen Folgen zu beantworten, ohne zu kommentieren. So kann immerhin eine gewisse Ausgewogenheit erzeugt werden.

"Transparenz ist die neue Objektivität"

Porträt von Paul-Josef Raue 4 min
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Der Journalist Paul-Josef Raue sagt: "Unsere Leser und Hörer sind kritischer geworden. Sie wollen wissen, 'Warum nimmst du dieses Thema? Warum ist der Experte wirklich ein Experte?' Transparenz wird immer wichtiger."

Mi 27.03.2019 13:46Uhr 04:22 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-paul-josef-raue-106.html

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Der ehemalige Chefredakteur verschiedener Tageszeitungen und Journalismus-Handbuch-Autor Paul-Josef Raue hält die Diskussion um journalistische Objektivität allerdings auch für gefährlich. Den Objektivitätsbegriff vollkommen aufzulösen hieße, zu Verfälschung, Lüge und Manipulation einzuladen. Es sei lediglich "ein Streit um ein Wort", schreibt er bei kress.de:

"Journalisten wie die meisten ihrer Leser und Zuschauer nutzen ‚objektiv‘ in einer anderen Bedeutung als Wissenschaftler. (…) Sprechen Journalisten von ‚objektiv‘, wollen sie in keine philosophische Debatte eingreifen, sondern haben das Alltagsverständnis von ‚objektiv‘ im Sinn: möglichst unvoreingenommen und neutral zu berichten."

Zur Person Paul-Josef Raue

Paul-Josef Raue war Chefredakteur mehrerer Tageszeitungen, so ab 2009 bis zu seinem Ruhestand 2016 bei der Thüringer Allgemeinen. Zuvor war er unter anderem auch Chefredakteur der Magdeburger Volksstimme und der Braunschweiger Zeitung. Außerdem hat er gemeinsam mit Wolf Schneider "Das neue Handbuch des Journalismus", eines der Standardwerke der Branche, geschrieben. (Quelle: mdr.de)

Welchen dieser beiden Standpunkte man auch vertritt, wichtig dabei ist vor allem auch die Nachvollziehbarkeit der Berichterstattung: "Transparenz ist die neue Objektivität", schrieb schon 2009 der US-amerikanische Internet-Wissenschaftler und Philosoph David Weinberger von der Havard University.

Durch Transparenz würden den Leserinnen/Hörern/Nutzerinnen Informationen zur Verfügung gestellt, mit denen sie eventuell ungewollt entstehende Eindrücke oder allgegenwärtige Verzerrungseffekte erkennen könnten.

Auch der Medienwissenschaftler Jay Rosen äußerte sich im Sommer 2018 im Deutschlandfunk ähnlich:

"Es ist einfacher für die Menschen, Journalisten zu vertrauen, wenn sie sagen können, 'Das ist mein Standpunkt' oder 'Schauen Sie selbst, hier sind meine Daten, meine Zahlen, meine Interviews'. Transparenz kann auch heißen: 'Hier sind unsere Prioritäten als Nachrichtenmagazin, als öffentliches-rechtliches Radio. Das sind die Themen und sich entwickelnde Nachrichten, die wir für wichtig halten und über die wir berichten werden.' Das ist eine Art von Transparenz."

Ist die Suche nach der einen Wahrheit damit quasi überholt? Nein. Schließlich gibt es gewisse Grundlagen und Wahrheiten, auf die sich eine Gesellschaft einigen muss, um zu funktionieren. Angefangen dabei, dass bestehende Gesetze respektiert werden, bis zu gewissen Fakten, die als wahr gesehen werden.

Im Bezug auf Medienrealitäten schlägt Stephan Hebel von der Frankfurter Rundschau allerdings ein Umdenken vor:

"Es wäre auch ein Auftrag an alle, die mediale Vermittlung des Weltgeschehens nicht als Wahrheitsmaschine zu verstehen, sondern als Angebot. Als ein Angebot, die journalistische Darstellung der Wirklichkeit zwar als eine möglichst wahrhaftige zu verstehen, aber zugleich als Annäherung, als nur eine von vielen möglichen Wahrheiten. (…) Statt eine ‚Wahrheit‘, die nicht unsere ist, empört als Lüge zu verwerfen, würden wir unsere Wahr-Nehmungen immer wieder aneinander messen. Nur so könnte etwas entstehen, das sich als gemeinsame, öffentliche Annäherung an die Wahrheit beschreiben ließe. Zumindest an die Wirklichkeit."

Es bleibt also die Erkenntnis: Das Beharren auf Objektivität als oberste Prinzipien des Journalismus kann der Komplexität der Gegenwart nicht gerecht werden – es greift oft zu kurz. Stattdessen wäre ein stärkerer Fokus auf Transparenz wichtig, ohne grundlegende journalistische Prinzipien wie Ausgewogenheit der Quellen und Trennung von Meinung und Fakten außer Acht zu lassen.

Was ist Journalismus?

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2019, 10:42 Uhr