MEDIEN360G im Gespräch mit... Kai Gniffke

Was ist dran an dem Berichterstattungsmuster, das von einigen als "Zuckerwatten"-Journalismus geschmäht und von anderen als ein "Weltbild, das Hoffnung macht" befürwortet wird? MEDIEN360G hat tageschau- und tagesthemen-Chefredakteur Kai Gniffke zu dieser Form des Journalismus befragt.

von Michaela Reith

Dr. Kai Gniffke 2 min
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Viele Redaktionen lenken in ihrer Berichterstattung bereits den Blick auf Lösungswege. Doch nicht jedes Format eignet sich, findet Kai Gniffke. MEDIEN360G hat er erzählt, wieso.

Mi 03.04.2019 15:09Uhr 02:13 min

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MEDIEN360G: Kann der konstruktive Journalismus ein mögliches Berichterstattungsmuster sein?

Kai Gniffke: Wir haben nicht darüber zu befinden, was positiv oder negativ ist. Wenn wir über eine Steuererhöhung sprechen, werden viele Leute sagen: Das ist negativ. Andere Leute werden sagen, dass mehr Geld in den Kassen für Sozialleistungen ist und finden das positiv. Ich finde es auch gut, wenn wir Lösungen bieten. Nur stehen wir permanent in der Gefahr, wenn wir einen Lösungsweg für ein gesellschaftliches, wissenschaftliches oder ein wie auch immer geartetes Problem aufzeigen, dass es für das Publikum so wirkt, als ob wir uns diesem Vorschlag zu eigen machen. Als ob das möglicherweise der einzig gangbare Weg ist. Nur eine (Lösung) in den Mittelpunkt eines anderhalbminütigen Berichts in der Tagesschau zu stellen, kann ich mir schwer vorstellen, weil das möglicherweise ein Ungleichgewicht bekommt. Dann haben wir mehr zu verlieren, als zu gewinnen.

MEDIEN360G: Wie stehen Sie als Nachrichten-Chefredakteur zum konstruktiven Journalismus?

Kai Gniffke: Ich finde den Ansatz konstruktiver Nachrichten insofern gut, dass wir gucken müssen, dass wir die vielen Entwicklungen auf der Welt nicht aus dem Blick verlieren. Denn es ist oft so, dass das, was wir gemeinhin als negativ empfinden, kurzfristig, plötzlich, dramatisch passiert – Super, sofort drin in den Nachrichten! Dinge, die gemeinhin in der Bevölkerung als positiv wahrgenommen werden, z.B. dass es immer weniger Hunger auf der Welt gibt oder immer mehr Krankheiten besiegt sind, dass immer mehr Menschen eine Schulbildung bekommen, die dauern 20, 30 Jahre. Und 20, 30 Jahre sind für die Nachrichten gar nichts, deshalb sind solche Entwicklungen nicht in den Nachrichten. Das ist für mich das Wichtigste dieses Ansatzes, dass wir genau diese Balance halten zwischen den kurzen dramatischen, aber auch den langfristigen Entwicklungen, die für die Menschen unheimlich wichtig sind. Dass wir diese Balance finden und die langfristigen Entwicklungen nicht ausblenden.

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Zuletzt aktualisiert: 04. April 2019, 09:23 Uhr