MEDIEN360G im Gespräch mit... Kathrin Hartmann & Dr. Uwe Krüger

Was ist dran an dem Berichterstattungsmuster, das von einigen als "Zuckerwatten"-Journalismus geschmäht und von anderen als ein "Weltbild, das Hoffnung macht" befürwortet wird? MEDIEN360G hat Medienwissenschaftler Uwe Krüger und Journalistin Kathrin Hartmann zu den Potentialen und Risiken des konstruktiven Journalismus befragt.

von Michaela Reith

Uwe Krüger und Kathrin Hartmann 8 min
Bildrechte: Medien360G

Ein Ansatz - zwei Meinungen. Unsere Gesprächspartner, Kathrin Hartmann und Dr. Uwe Krüger, blicken auf den konstruktiven Journalismus. Nicht immer stimmen sie überein.

Mi 03.04.2019 15:01Uhr 07:51 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/konstruktiver-journalismus-104.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

MEDIEN360G: Wie stehen Sie zu der Aussage: Konstruktiver Journalismus konzentriert sich nur auf Positives?
Uwe
Krüger: Konstruktiver Journalismus meint nicht "positiver Journalismus", meint nicht "Wellnessberichterstattung" oder "Verklärung von Zuständen". Die Idee ist, dass man nicht nur Probleme in den Fokus nimmt, sondern auch Akteure, die versuchen, Probleme zu lösen. Guter konstruktiver Journalismus, der zeigt auch negative Effekte von Lösungsversuchen.
Kathrin Hartmann: Ich habe den Eindruck, dass lösungsorientierter Journalismus am bestehenden System festhalten will und innerhalb dieses per se schädlichen Systems Dinge besser machen will. Das ändert aber nichts im Großen und Ganzen.

MEDIEN360G: Schätzt das Publikum die Welt schlechter ein, als sie eigentlich ist, wenn nur über Konflikte berichtet wird?
Uwe
Krüger: Es gibt Umfragen, die zeigen, dass Menschen in vielerlei Hinsicht die Welt viel schlechter sehen, als sie eigentlich ist. Wenn sie gefragt werden, wie viele Analphabeten es auf der Welt gibt oder wie hoch die Kindersterblichkeit ist, dann kommen immer ziemlich düstere Antworten. Diese stimmen nicht mit der Realität überein. Das hat meines Erachtens damit zu tun, dass Journalismus sich auf kurzfristige und oft negative Ereignisse fokussiert und langsame und auch positive Trends oftmals übersieht. Die schreien nicht, sondern sie schleichen auf leisen Sohlen dahin. In Tibet gibt es das Sprichwort "Ein Baum der fällt, ist lauter als ein Wald der wächst". Wenn man nur negativ Bericht erstattet, dann hat man am Ende ein verzerrtes Bild der Welt im Kopf.
Kathrin Hartmann: An wen geht denn diese Botschaft? Geht es wirklich an die Menschen in Bangladesch oder geht es an die Indigenen in Brasilien, die gerade unter einem faschistischen Präsidenten noch mehr in ihrem Leben bedroht sind? Oder geht es hier an uns in den wohlhabenden Gesellschaften, die ein gutes Gewissen haben sollen? Damit wir uns zurücklehnen und sagen können "Mensch, ist doch super! Durch technologische Entwicklungen, durch den sogenannten Fortschritt - was immer auch dieser Fortschritt bedeuten soll - wird schon alles werden." Das find ich total gefährlich und da kommen wir von einer Debatte weg, die wirklich dringend notwendig ist, die total antipolitisch ist.

MEDIEN360G: Besteht die Gefahr, dass Journalismus, der mehr auf Lösungen blickt, leichter von PR und Werbung vereinnahmt wird?
Kathrin Hartmann:
Es gibt kein Gesetz oder so etwas wie ein Biosiegel, bei dem man sich an bestimmte Standards halten müsste. Jede Redaktion kann für sich definieren, wie sie das möchte. Wenn Redaktion festgestellen, dass sie bei einer positiven Kolumne mehr verkaufen, kann es durchaus passieren, dass das die Schere im Kopf ist, dass man explizit nach solchen Dingen sucht und wenn kein Geld da ist, es wirklich anständig zu recherchieren, es in Richtung PR kippt. Die einfachen Lösungen liest man natürlich gern, da stören dann auch drei kritische Sätze nichts.
Uwe Krüger: Es ist ein Problem generell des Journalismus, Abstand zu bewahren, einen unverstellten Blick zu bewahren. Sicherlich hier noch mal verstärkt, weil man natürlich auch eigentlich positive Messages unter das Volk bringen oder auch mal ermutigende Berichterstattung bringen möchte. Da darf man sich nicht von den Akteuren vereinbaren lassen, die hier als Problemlöser auftreten.

MEDIEN360G: Wie stehen Sie zu der Aussage: Der Blick auf Lösungen verdeckt die eigentlichen Akteure und Ursachen des Konflikts?
Uwe
Krüger: Je größer das Problem wie Klimawandel oder Hunger, desto komplexer müssen natürlich die Antworten ausfallen. Von daher kann es nicht die eine konstruktive Geschichte geben zur Lösung des Problems Klimawandel. Man muss sich die Ursachen des Klimawandels anschauen, da gibt es für den CO2-Ausstoß noch andere Ursachen. Da muss man gucken, welche Ansätze gibt es, um CO2 zu reduzieren. Daraus können tausende Geschichten entstehen, die im Detail schauen, wer da was mit welchem Effekt macht.
Kathrin Hartmann: Ich finde das Interessante daran, dass konstruktiver Journalismus immer so tut, als wäre es ein Ideenwettbewerb. Dieser Aufruf zu Ideen tut so, als wären die Weltprobleme ein großes Rätsel. Dabei ist die Antwort meistens relativ einfach, wenn man fragt, woher kommt das (Problem) eigentlich. Ich sage nicht, dass es diese Ansätze im konstruktiven Journalismus nicht gibt , aber es es ist auch wichtig, diese Fragen wieder zu beantworten. Damit wir wissen, gegen wen wir uns wehren müssen.
Uwe Krüger: Wer gute Beispiele veröffentlicht, der kann natürlich auch Politiker in Erklärungsnot bringen, warum sie das nicht selber bei sich machen. Eine Kommune, die ein Problem nicht in den Griff bekommt, bringt einen Bürgermeister in Zugzwang, wenn Medien veröffentlichen, dass eine andere Kommune mit demselben Problem das Problem gelöst hat.

MEDIEN360G: Konstruktiver Journalismus ist mit enormen Ressourcen verbunden. Stimmt das?
Uwe
Krüger: Tatsächlich ist konstruktiver Journalismus, wenn man ihn gut machen möchte, nicht weniger aufwändig als investigativer Journalismus, der Missstände enthüllt. Von daher gibt es auf jeden Fall auch ein Finanzierungsproblem.Wenn Redaktionen zu schwachbrüstig sind, dann muss man schauen, ob zum Beispiel Stiftungen für die Rechercheprojekte Geld geben. Da darf man keine Qualitätsabstriche machen, nur weil es sich nicht um investigativen sondern um konstruktiven Journalismus handelt. Letztlich ist konstruktiver Journalismus auch untersuchend und soll tiefer graben als an der Oberfläche.
Kathrin Hartmann: Ich denke, dass es für guten Journalismus gar nicht genug Ressourcen geben sollte - sowohl personell als auch finanziell, weil tatsächlich einfach gute Recherche aufwendig ist. Man muss öfter nachfragen, man muss vor Ort sein, man muss vor Ort vor allem erst einmal herausfinden, wen man vor Ort vertrauen kann, wer welche Interessen hat, wie man möglichst unabhängig recherchiert. Ich finde, dass in investigativen Journalismus sehr viel mehr investiert werden muss.

MEDIEN360G: Was sagen Sie zum Vorwurf, konstruktiver Journalismus sei unkritischer?
Kathrin Hartmann:
In 'konstruktiv' steckt für mich etwas Konfliktvermeidendes drin. Aus Konflikten entsteht auch Veränderung. Wenn wir jetzt die Schülerinnen und Schüler sehen, die jeden Freitag auf die Straße gehen, dann zeigt es ja: Wir haben einen Konflikt. Wenn wir die ganzen älteren Herrschaften, die jetzt auf die Schüler schimpfen - von Politikern über reaktionären Journalisten - dann zeigt es doch ganz deutlich: Da versuchen jetzt Leute, die Angst um ihre Privilegien haben, Schüler zu beschimpfen, denen es um die Zukunft geht. Für mich hat es eine ganz tolle positive Kraft, die aus diesem Konflikt heraus entsteht. Ich glaube, dass das etwas ist, was möglicherweise der konstruktiver Journalismus Gefahr läuft, zu befrieden. Er könnte sich dem auch tatsächlich einfach widmen, denn so funktioniert Demokratie.
Uwe Krüger: Zu der Berichterstattung über Lösungsansätzen gehört natürlich auch eine Beschreibung und Analyse eines Problems und seiner Ursachen. Da muss man vorsichtig sein, da darf man sich von den Behauptungen bestimmter Akteure nicht einlullen lassen. Die Gefahr besteht. Man muss wachsam und kritisch bleiben. In dem Sinne ist konstruktiver Journalismus eine gute Ergänzung zu diesem missstandsaufhellenden investigativen Journalismus. Beides zusammen kann die Welt verbessern.

Transparenz: Zur Machart des Interviews

Die hier aufgeführten Fragen stellte MEDIEN360G als Aussagen z.B. "Konstruktiver Journalismus ist unkritischer" zur Diskussion. Die zugespitzte Form sollte als Redeanlass dienen, um die teils gegensätzlichen Standpunkte herauszuarbeiten. Hier sind die Fragen nur zum besseren Verständnis aufgeführt.

Die beiden Interviews wurden an unterschiedlichen Orten aufgezeichnet, das heißt die Gesprächspartner bezogen sich in ihren Antworten auf die Aussagen zum konstruktiven Journalismus und nicht aufeinander. Durch frühere Zusammenarbeit zum Beispiel bei Message - Internationale Zeitschrift für den Journalismus sind ihnen die unterschiedlichen Standpunkte jedoch bekannt.

Mehr zum Thema: Konstruktiver Journalismus

Zuletzt aktualisiert: 04. April 2019, 09:16 Uhr