Alle reden mit allen Medien + Publikum = Dialog?

Dialog wird für Medien zunehmend wichtiger. Während früher der Leserbrief das Mittel der Kommunikation zwischen Nutzer und Medien war, sind es heute Kommentarspalten oder die Sozialen Medien. Aus einer Einbahnstraße ist eine mehrspurige Autobahn geworden.

Drei stilisierte bunte Menschen, die einander zugeneigt sind.
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In den Gazetten des 19. Jahrhunderts stand die Informationsvermittlung und Welterklärung im Mittelpunkt. Die Nutzer konsumierten das Geschriebene, es wurde ggf. diskutiert und als Höchstmaß von Lob sowie Abscheu und Empörung griffen sie zum Stift und schrieben einen Leserbrief. Nach gewissen Zwischenstufen findet der Dialog zwischen Medienmachern und Nutzern im Netz und hier besonders in den sozialen Medien statt.

Alte Rollen – neue Rollen

Die Rollenverteilung von Sendern und Empfängern war über rund anderthalb massenmedial vermittelte Jahrhunderte klar und lebt vor allem im Begriff des Rundfunks bis heute fort. Doch die Kriterien, nach denen die Journalisten entschieden, benötigten und benötigen einen breiten gesellschaftlichen Konsens, um zu funktionieren und akzeptiert zu werden. Aber wirklich kontrolliert oder diskutiert wurde dieses System kaum. Doch die Zeit des vermittelten Journalismus erwies sich als höchst endlich. Heute greifen die Rezipienten selbst zu den Medien und werden selbst zum Akteur; eine indirekte Vermittlung alten Stils scheint nicht mehr nötig oder zumindest nicht mehr gefragt. Das Resultat ist leider nicht nur die erhoffte Demokratisierung von Wissen, sondern auch: Halbwissen sowie ideologisch bis hin zu extremistisch gefärbte Kampagnen. Doch neben den vielen Schwärmern findet sich im Netz eben auch der intelligente Schwarm, durch den sich die etablierten Medien einem permanenten Faktencheck ausgesetzt sehen. Und der geht nicht immer zu ihren Gunsten aus.

NutzerInnen hinterfragen

NutzerInnen hinterfragen das "Wieso, weshalb, warum" medialer Arbeit und medialer Abläufe. Es stellt sich heraus: So ziemlich alle klassischen Medienbetriebe sind nicht so richtig gut darin, ihre NutzerInnen mitzunehmen. Es fällt ihnen schwer, zu erklären wie sie arbeiten, wo die berühmten journalistischen Standards eigentlich herkommen, wer sie festlegt und warum sie gut, richtig und nötig sind.

Neue Fehlerkultur

Während man in den angelsächsischen Ländern Fehlerkorrekturen seit langem in den etablierten Nachrichtenstrom eingebunden hat und bei Zeitungen Ombudsleute die Interessen der Kundschaft vertreten, beginnen derlei Entwicklungen hierzulande erst. Viele Angebote privater Medien und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben heute eigene Bereiche, um Korrekturen wirksam vorzunehmen. Beim MDR gibt es mit https://www.mdr.de/korrekturen/index.html einen eigenen Bereich im Online-Angebot.

Neue Wege im Dialog

Frau mit Sprechblase 4 min
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Bei der SZ-Online gibt es eine eingeschränkte Kommentarfunktion, um die Qualität in den Leser-Diskussionen zu erhalten. Das sei man dem Leser schuldig, meint die Chefredakteurin Julia Maria Bönisch.

Fr 14.12.2018 15:17Uhr 04:03 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-julia-maria-boenisch100.html

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Video

Der notwendige Dialog mit den NutzerInnen nimmt an Fahrt auf, viele Medien gehen auch aktiv auf ihr Publikum zu und laden sie zum direkten Kontakt ein: die "Süddeutsche Zeitung" zum Beispiel im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Auf ein Bier mit der SZ". "Dort können dann die Leser uns befragen, zu unserer Arbeit. Darum geht es eigentlich, wir hören ihnen zu", sagt die Chefredakteurin der SZ Julia Bönisch. "Die äußern Kritik, die äußern Wünsche, die erklären uns, welche Ansprüche sie an uns haben... Das ist für uns wahnsinnig interessant, weil es auch für uns ein bisschen unter dem Motto steht 'Raus aus der Filterblase'."

Mann mit Sprechblase 8 min
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Frank Rugullis, Leiter der Online-Redaktion des MDR Sachsen-Anhalt spricht über das neue Facebook-Live-Format #keineausreden, in dem Nutzer den Politikern Fragen stellen konnten.

Fr 14.12.2018 16:57Uhr 08:01 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-frank-rugullis-100.html

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"Programmmacher" beim MDR

Beim MDR lief in den vergangenen Monaten die Aktion "Programmmacher", bei der sich Zuschauer-, Hörer- und NutzerInnen bewerben und einen Tag lang ganz in die redaktionelle Welt des MDR eintauchen konnten. Der Erkenntnisfortschritt war für beide Seiten enorm, berichten TeilnehmerInnen.

Ein Fazit das auch die Besucher des Kommentatorentreffens im MDR Landesfunkhaus Thüringen zogen. Es gab eine intensive Diskussion zu Themen wie der Ton in den Kommentaren, Umgang mit Löschungen oder Themenanregungen. „Es ist sicher für beide Seiten wichtig, wir hören dann auch von den Usern Sachen wie: ‚wenn alle wüssten, was Sie hier machen, wär‘ die Kritik nicht so groß. Interessant das gehört zu haben, jetzt sehe ich was mit ganz anderen Augen‘“, so Christian Schneider MDR Thüringen. (mehr dazu im Interview auf dieser Seite)

Beim MDR Sachsen-Anhalt brachte die Aktion "#keineausreden" Wähler mit Politikern in den Dialog. Die Fraktionsvorsitzenden aller fünf Parteien stellten sich live auf der Facebook-Seite den Fragen der User, die Journalisten übernahmen die Rolle des Vermittlers und hakten kritisch nach. Fazit: "Die Menschen haben Fragen... Sie haben Anliegen... Sie möchten ihre Meinung, ihre Haltung deutlich machen, dafür auch Spielraum haben, dass man nicht reglementiert wird, dass man nicht unterbrochen wird, sondern dass die Fragen ihre Berechtigung haben... und dass der MDR dafür auch ein guter Ansprechpartner ist, um diesen Dialog zwischen Menschen und Politik zu machen", so Frank Rugullis von MDR Sachsen-Anhalt.

Frau mit Sprechblase 6 min
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MEDIEN360G im Interview mit... Maria Exner

MEDIEN360G im Interview mit Maria Exner

„Wir arbeiten seit Jahren ganz intensiv daran, dass wir in unseren Kommentarspalten eine gute Debattenkultur haben“, sagt Maria Exner, stellvertretende Chefredakteurin bei Zeit Online.

Fr 14.12.2018 15:18Uhr 05:47 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-maria-exner-100.html

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"Deutschland spricht" von der ZEIT

Auch bei der ZEIT gibt es mit "Deutschland spricht" eine Aktion, bei der es aber nicht nur um den Dialog zwischen MacherInnen und NutzerInnen, sondern den demokratischen Diskurs, die Gesprächskultur in der Gesellschaft an sich geht. "‘Deutschland spricht‘ ist aus einer sehr einfachen Idee entstanden. Nämlich wenn die Leute aufhören miteinander zu sprechen, dann ist unsere Demokratie wahrscheinlich in Gefahr. Deswegen wollten wir gerne Menschen miteinander ins Gespräch bringen, die ganz unterschiedliche politische Meinungen haben", sagt die stellvertretende Chefredakteurin Maria Exner.

Besondere Herausforderung: Kommentare

Die Medien - allen voran die ModeratorInnen der Kommentarspalten - stehen vor einer ganz neuen und so noch nie da gewesenen Herausforderung. Patentrezepte und Allheilmittel gibt es bislang noch nicht.

Bei SZ-Online sind beispielsweise nicht mehr alle Beiträge kommentierbar, was der Redaktion viel Kritik einbrachte. "Wir haben uns überlegt, wie können wir die Qualität in den Leserdiskussionen unter unseren Artikel steigern? Wie bekommen wir das hin, dass die Menschen, die sich wirklich beteiligen wollen, auch wohlfühlen. Das geht nur, indem wir diejenigen, die stören, die rumtrollen, die andere Menschen beleidigen, eindeutig in die Schranken weisen." so Julia Maria Bönisch.

Für Maria Exner von der ZEIT ist "Abschalten" aber keine Alternative: "Also ich glaube, das Thema Kommentare wird eins bleiben, weil wir uns als Medien, als Journalisten schon die Frage stellen müssen, wenn wir nicht die Debattenforen zur Verfügung stellen, wo wandern sie dann hin ab, wo sind sie dann?"

Technische Hilfsmittel

Mann mit Schprechblase 9 min
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Die Möglichkeit, selbst technische Verfahren und Algorithmen schon in der Vorselektion einzusetzen, wird in der Branche genutzt, aber unterschiedlich bewertet. Christian Schneider von MDR Thüringen sieht sie als Hilfsmittel für die Vorselektion, aber im konkreten Einsatz noch  kritisch: "Sie ist aber bei allem, was Text-Erkennung, Inhalte-Erkennung angeht, einfach noch nicht so weit, dass sie die bunte Welt der Sprache wirklich echt versteht".

Mann mit Sprechblase 8 min
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An der Freien Universität Berlin forscht Prof. Dr. Martin Emmer in Sachen Dialog und unterstützender Hilfsmittel. "Eine ganze Reihe von Medien arbeiten mittlerweile mit solchen Content- Management-Systemen, Social-Media-Analysesystemen, in denen man nach Begriffen oder Lexikon-basiert nach bestimmten Hass-Begriffen suchen und filtern kann, um dann zu wissen, wo treten problematische Kommentare auf und kann dann einzugreifen."  Ein aktuelles Forschungsprojekt soll nicht nur Stichworte erkennen, sondern auch Themen und Themen-Verläufe aufzeigen, um ModeratorInnen mehr Möglichkeiten an die Hand zu geben, Diskussionsverläufe zu gestalten.

Dialog ist Dienst an der Gesellschaft

Eins jedenfalls ist klar: Der Dialog ist da - er wird von vielen NutzerInnen verlangt und wird auch nicht mehr verschwinden. JournalistInnen müssen in ihre neue Rolle hineinwachsen. Medienhäuser müssen sich den Anforderungen an Transparenz stellen.

Bei all dem rasanten Fortschritt kommt man am Ende wieder bei Otto Groth, einem der Nestoren der Publizistik an, der in seinem Mammutwerk "Die unerkannte Kulturmacht" schon 1960 schrieb: "Denn immer ist der Journalismus als solcher DIENER und nicht HERR des Publikums."

Dialog allg.: von zwei oder mehreren Personen abwechselnd geführte Rede und Gegenrede; Zwiegespräch, Wechselrede.

Dialog in der EDV: wechselseitige Kommunikation, Austausch von Fragen und Antworten zwischen Mensch und Datenverarbeitungsanlage über Tastatur und Terminal.
www.duden.de