Was dürfen Öffentlich-Rechtliche?

Dennoch ist die Frage legitim, was die Öffentlichen-Rechtlichen in diesem Bereich dürfen, und was sie lieber lassen sollten. Sind Gewinnspiele denn überhaupt Teil des öffentlich-rechtlichen Auftrags?

Porträt Torsten Engel 5 min
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MEDIEN360G im Interview mit Torsten Engel Die Mischung macht's

MEDIEN360G im Interview mit Torsten Engel

Bei NDR2 Gewinnspielen steht nicht der Gewinn im Vordergrund sondern das gemeinsame Spielerlebnis. Spiele müssen so strukturiert sein, dass man im Büro darüber redet.

Do 22.11.2018 14:05Uhr 04:46 min

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Der Verband Bayerischer Rundfunkanbieter (VBRA), in dem 43 Hörfunk- und Fernsehsender zusammengeschlossen sind, kritisierte im Januar, die Programme von Bayern 1 und Bayern 3 würden “von kommerziellen Gewinnspielen überquellen”. Das ist die typische Rhetorik von Lobbyisten des privaten Hörfunks. Inhaltlich sind die bayerischen Funktionäre aber gar nicht so weit entfernt von Experten, die dem öffentlich-rechtlichen System wohlwollend gegenüber stehen. Zum Beispiel Konrad Scherfer, Professor an der Fakultät für Informations- und Kommunikationswissenschaften an der Technischen Hochschule Köln, und Helmut Volpers, bis zu seinem Ruhestand Professor ebendort. Sie haben Ende Mai dieses Jahres im Auftrag des WDR-Rundfunkrats ein Gutachten zur „Evaluierung der Programmreformen von WDR 2 und WDR 4“ vorgelegt.

Scherfer und Volpers kritisieren darin, dass „der Anteil der Gewinnspiele in der Frühsendung seit der Programmreform massiv erhöht worden“ sei:

Das Image von WDR 2 als Informationsleitwelle wird durch dieses simple und anspruchslose Unterhaltungselement, das typisch für das Privatradioformat ist, beschädigt.

Der Rundfunkrat selbst formuliert es in einer Stellungnahme zum Gutachten ähnlich scharf: „Eine weitere Zunahme könnte insbesondere den öffentlich-rechtlichen Charakter von WDR 2 infrage stellen.“

Was das Gutachterduo im Zusammenhang mit einem WDR 4 - Spiel namens „Kreuzfahrt der Stars“ anmerkt, wirkt ähnlich harsch: Wie bei WDR 2 beschränke sich auch bei WDR 4 „der Gewinnspielcontent nicht auf einen einzelnen Sendeplatz, sondern die ‘Kreuzfahrt der Stars‘ ‚gondelt‘ durch das gesamte Programm. Selbst wenn man die Perspektive des Publikums berücksichtigt, das an diesen Inhalten Spaß haben mag, ist die starke Dominanz der Gewinnspiele für einen öffentlich-rechtlichen Sender frappierend“. Das ginge zu Lasten von Inhalten, die dem Programm besser zu Gesicht stünden, etwa "qualitativ hochwertige Radiocomedy“.

Das Problem sind also gar nicht nur die Gewinnspiele an sich, sondern ein durch Dauerpräsenz entstehender Nerv-Faktor. Der wird, zumindest in der Wahrnehmung der Spielverächter, noch dadurch erhöht, dass viele Konzepte immer wieder aufgelegt werden. Das Spiel "Zahltag - wir zahlen Ihre Rechnung“ etwa, das das private Radio NRW zu Beginn der aktuellen MA ins Programm nahm, gibt es dort bereits seit 2012.

Einen interessanten Ansatz formulieren die Gutachter des WDR-Rundfunkrats im Zusammenhang mit ihrer Beobachtung von WDR 2: Die Programmmacher versäumten es bei Gewinnspielen:

Bildungs- und Informationselemente in das Spiel mit einfließen zu lassen oder Wissen abzufragen.

Das könnten öffentlich-rechtliche Macher als grundsätzliche Anregung für die Gestaltung von Gewinnspielen verstehen. Zumindest auf einem niedrigen Level beherzigt das Landesprogramm NDR 1 Niedersachsen  mit einem Spiel namens „Entenjagd“ den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag. Das funktioniert laut Darstellung des NDR so: „Zweimal täglich können Sie im Programm auf Entenjagd gehen und kräftig gewinnen: Unser Moderator liest drei kuriose Meldungen vor - Sie müssen sich entscheiden, ob es sich um eine wahre oder um eine falsche Meldung handelt.“ Der launige Titel „Entenjagd“ lässt erahnen, dass es hier vor allem um Unterhaltung geht, aber in Zeiten, in denen Falschmeldungen Hochkonjunktur haben und immer mehr Menschen die unglaublichsten Geschichten für wahr halten, dient das Spiel zumindest ein bisschen der Vermittlung von Medienkompetenz. Wer alle drei Meldungen korrekt einordnet, bekommt übrigens 50 Euro.

Der rechtliche Rahmen

Grundsätzlich zulässig sind Gewinnspiele laut Paragraph 8a des Rundfunkstaatsvertrages, so lange für die Teilnehmer transparent ist, welche Kosten auf sie zukommen und der Jugendschutz gewahrt ist. Außerdem ist hier festgeschrieben, dass die Teilnahmekosten maximal 0,50 Euro betragen dürfen. Für die Öffentlich-Rechtlichen gelten neben dem Rundfunkstaatsvertrag noch die Werberichtlinien der ARD. Demnach dienen Gewinnspiele „zur Information und Unterhaltung der Zuschauer und Zuhörer und bieten einen zusätzlichen Anreiz, ein bestimmtes Angebot zu beobachten und so die Bindung zwischen Publikum und Rundfunkanstalt zu vertiefen“. Die „Verfolgung anderer Zwecke“ sei „grundsätzlich unzulässig“.

Für die privaten Anbieter gelten neben dem Rundfunkstaatsvertrag die „gemeinsamen Richtlinien der Landesmedienanstalten für die Werbung, zur Durchführung der Trennung von Werbung und Programm und für das Sponsoring sowie Teleshopping im Hörfunk“. Darüber hinaus greifen die 14 hiesigen Landesmedienanstalten, die für die Aufsicht des privaten Hörfunks zuständig sind, auf die seit zehn Jahren existierende Satzung über Gewinnspielsendungen und Gewinnspiele zurück, die zwei zentrale Einrichtungen der Medienanstalten entwickelt haben - die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) und die Gremienvorsitzendenkonferenz. Für diese Satzung stehen seit 2011 auch noch „Anwendungs- und Auslegungsregeln“ zur Verfügung. Dass es an Regelungen für Gewinnspiele mangelt, lässt sich gewiss nicht sagen. Aber das gilt für viele andere Bereiche des Medienrechts ja ebenfalls.