Collage mit Gesichtsausschnitten von Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Außerdem der Schriftzug Talkschau.
Bildrechte: MEDIEN360G

Rezensierte Polittalks: Ein Überblick Barnaby, #Lungenärzte, Kohl-Vergleich

Hätte sich's gelohnt, die Polit-Talkshows der letzten Woche anzusehen? Die Talkshowschau zum Wochenende mit einem Blick in die Kritiken. Dabei sind unter anderem Kulinarik-Metaphern, Sahra Wagenknecht, der "Diesel-Wahn", Handball-WM, Björn Höcke vorm Bildschirm und gleich zweimal Herbert Reul.

von Christian Bartels

Collage mit Gesichtsausschnitten von Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Außerdem der Schriftzug Talkschau.
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Immer am Ende des Wochenendes läutet Anne Will die neue Talkshowwoche ein. Am vergangenen Sonntag tat sie das nicht nur mit ziemlich genau dem Thema ("Streit um den Brexit ..."), mit dem Maybrit Illner im ZDF drei Abende zuvor ("... überlebt die EU den Brexit?") die alte abgeschlossen hatte. Ihre Gäste bemühten gar noch dieselben rhetorischen Kniffe: "kulinarische Vergleiche". Die hatte SPON bereits bei Illner registriert. Der Rezensent der Will-Show, Altpapier-Autor Klaus Raab, konnte gleich zwei weitere "kulinarische Anspielungen des Abends" servieren, darunter das Top-Zitat, das die Will-Redaktion selbst als Video in den Twitter-Diskurs einspeiste: "Wenn man keinen Sitz am Tisch hat, ist man wahrscheinlich auf der Speisekarte", lautete es und kam aus dem perfekt deutschsprachigen Mund des britischen Abgeordneten Greg Hands.

Der welt.de-Besprechung diente es sogar als Überschrift. "Es fielen kulinarische Vergleiche, doch die Sendung war zäh", notierte Sebastian Beug. Und das, "obwohl im Studio am Ende eine aufgebrachte Atmosphäre herrschte wie im britischen Unterhaus" (die Reichweiten-Könige von GMX bringen auch Talkshowkritiken; Autor: Christian Vock) ... Wer immerhin Kritiker inspirierte, war Sahra Wagenknecht. Sie "beschädigt ihre Rolle als Kämpferin für die sozial Schwachen mit wackligen Argumenten", fand Thomas Hummel bei sueddeutsche.de. Ja, "wäre ... Wagenknecht Whip bei Labour, wüchse die Wahrscheinlichkeit eines katastrophalen Ausgangs", dichtete Hans Hütt bei faz.net, wo Rezensenten gerne dank eigener Assoziationen (auch gut: "Für die britische Oberklasse liefern die Iren nur Hausmädchen und Chauffeure") auch spröden Stoff zu größerem Kino gestalten: "So endet der Abend in Ungewissheit und in stiller Hoffnung auf eine Sternstunde in der Mutter aller Parlamente".

Still mit Ausschalten enden Talkshow-Abende allerdings nur für Kritiker, die anschließend noch eine Nachtkritik verfassen müssen. Andere schalten um, falls sie überhaupt dabei blieben. Auch Tagesspiegel-Medienredakteur Joachim Huber half sich so über die "geballte Ratlosigkeit" nach der "herausfordernden" Talkshow, in der seiner Meinung nach auch Moderatorin Will "nicht wach genug" war, hinweg: um im ZDF

"fünf Minuten 'Inspector Barnaby' zu inhalieren, eine Art telegener Mund-zu-Mund-Beatmung. ... 'Barnaby' wirkt wie die Erfindung eines Britanniens, das exquisite Morde in aquarellierter Landschaft kennt und sich von welchem Brexit auch immer gar nicht beeindrucken lässt."

Fazit: Für die EU und die deutsche Wirtschaft mag der Brexit in dieser oder jener Form schlimm bis schlimmer sein. Für die mittelständische Talkshow-Wirtschaft, die ja kein ganz kleiner Medienindustrie-Zweig ist, bleibt er einfach eine unerschöpfliche Themengrube.

 #hartaberfair ("Diesel-Wahn")

Ein anderes Dauerbrenner-Thema wählte "hart aber fair" mit "Ein Land im Diesel-Wahn?" am Montag. Frank Plasberg "hätte sich kaum einen besseren Tag aussuchen können, um über die Deutschen und ihren Diesel zu diskutieren", steigt Robin Kunte in die Kritik der Dumont-Medien (Kölner Stadtanzeiger) mit Bezug auf tagesaktuelle Tempolimit-Forderungen ein.

"Einen schlechteren Moment hätte sich Frank Plasberg kaum aussuchen können", fand dagegen FAZ-"Technik und Motor"-Redakteur Holger Appel, allerdings mit Bezug auf die Handball-WM, die zugleich im ZDF lief und er wohl lieber verfolgt hätte. Doch habe die Show dann "richtig Fahrt" aufgenommen:

"Denn das erste Wort erhielt Lungenarzt Köhler, und von dem, was er vorzutragen hatte, erholte sich während der gesamten Sendung niemand mehr. Der menschliche Organismus sei gut in der Lage, mit NO2 umzugehen. Das sei wirklich keine Gefahr in dieser Dosierung."

Vielleicht also war "der Erkenntnisgewinn ... mäßig" (KSTA) und die Talkrunde "kaum konstruktiv" (welt.de). Wirklich konstruktive Talkrunden kommen außer vielleicht auf Phoenix kaum häufiger zusammen als ARD und ZDF mal Handball live zeigen. Doch entpuppte sich Lungenarzt Köhlers Auftritt tatsächlich als Auftakt einer weiter über die Sendung hinausreichenden Diskussion inklusive Twitter-Trend ("#Lungenärzte"), FAZ-Furor ("Wissenschaftlich abgedriftet ...") und – sogar interessantem – "Tagesthemen"-Kommentar zur "Grenzwert-Debatte". So was ereignet sich ziemlich selten im Talkshow-Betrieb, der üblicherweise den Schlagzeilen der anderen hinterhereilt.

#maischberger ("Bedroht die AfD ..?")

Nicht gegen, sondern umso später nach Handball senden musste Sandra Maischberger in der dritten ARD-Talkshow der Woche. Dabei hatte sie mit "Bedroht die AfD die Demokratie?" das politisch heißeste Thema.

Parteichef Alexander Gauland hatte ein gewohnt provokantes, bloß in ungewohnter Richtung provozierendes Zitat mitgebracht, das seine Wirkung nicht verfehlte. "Bei diesem Vergleich dürfte auch ein Großteil der Zuschauer fassungslos mit dem Kopf schütteln", schüttelte welt.de (Autor: Michael Kruse) geradezu alle Gliedmaßen. "Uff! Selten war eine Talkrunde so fassungslos, wie nach diesem Gauland-Spruch" (Ex-Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz im Sound der Bild-Zeitung). "Runde ist fassungslos" (RND, also Madsack-Dumont-Medien).

Wie genau Gauland seinen umstrittenen Parteifreund Björn Höcke mit Helmut Kohl verglich, ist im 89-sekündigen (!) Zusammenschnitt der "Höhepunkte" der 75-minütigen Sendung zu sehen. Etwas gelassener unter "Die Verharmlosung des Abends" protokollierte es SPON-Autor Peter Luley, der auch schildert, dass die Maischberger-Redaktion sich durchaus etwas ausgedacht hatte, um Gauland aus der Reserve zu locken: So stieß mit Jörn Kruse ein AfD-Aussteiger zur Runde – was allerdings bloß mitelprächtig funktionierte, da dieser "die Wirkung seiner Aussagen" gleich selbst wieder abschwächte. Überdies verschenkte die Moderatorin tagesaktuelle Brisanz. Dabei hätte die überall außer bei Maischberger breit diskutierte "aktuellste AfD-Provokation", der weitgehende Auszug ihrer bayerischen Landtags-Abgeordneten während der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus, bestens zum Thema gepasst.

"Jemand fehlt ... in der TV-Runde von Sandra Maischbergers: Jemand, der Ahnung hat", "ein Verfassungsrechtler wäre hier dringend notwendig gewesen", zählte zu den schärfsten Kritikpunkten bei sueddeutsche.de (Autor: Thomas Hummel). Was RND-Kritiker Jörg Köpke genauso sah:

"... Höcke wurde nacheinander als 'Nazi' (Linken-Chefin Katja Kipping), 'Göbbels-Imitator' (Schriftsteller Wolfgang Herles) und 'rechter Spinner' (AfD-Aussteiger Jörn Kruse) tituliert. Der Talk von Sandra Maischberger lieferte am Mittwochabend das volle Programm an Floskeln, Phrasen und Verniedlichungen. Leichtes Spiel für AfD-Chef Alexander Gauland, der sich lächelnd zurücklehnte, seine in Cord gekleideten Beine übereinander schlug ..."

Eine gegenläufige Meinung gibt es auch: "Wohltuend unaufgeregt" fand Frank Lübberding bei faz.net die Sendung: "Zum einen kann man sich in zivilisierter Form politisch streiten. Dafür ist den Gästen und der Moderatorin zu danken." Zum anderen macht den Charme der FAZ ja aus, sofern man dafür empfänglich ist, wie weit sie ausgreift. Hier tut's Lübberding bis zu den "Maoisten in den 1970er Jahren" und zeigt sich damit als Kenner der keineswegs glorreichen Verfassungsschutz-Geschichte.

Fazit: eine Sendung, die unterschiedliche Kritiker ganz unterschiedlich sahen. Und solche sind ja oft interessanter als die, nach der alle das gleiche finden. Überdies zog diese Maischberger-Show breite Kreise. Höcke selbst, der nach eigenem Bekunden "fernsehfrei" lebt, sah die Show, in der besonders viel über ihn geredet wurde, zufällig doch – und bekundete auf Facebook seine Meinung dazu sowie den Wunsch, selbst eingeladen zu werden. Und der AfD-kritische Blog volksverpetzer.de zeigte sich wegen eines sonst wenig beachteten Gauland-Satzes zufrieden, der seiner Meinung nach sogar "das Ende der AfD bedeuten" könnte ...

#illner ("Kriminelle Clans ...")

Mit diesem Auftritt setzte sich Gauland, nach dem bei Illner in der Vorwoche, übrigens erst mal an die Spitze der Talkshow-Charts 2019. Allein dort blieb er aber nur für eine Nacht. Bei Illner gestern schloss Maischberger-Gast Herbert Reul mit dem zweiten Talkshow-Auftritt innerhalb von 24 Stunden (!) auf. Der bundesweit noch nicht ungemein bekannte nordrhein-westfälische Innenminister von der CDU gastierte  in der Runde "Familienbande – kriminelle Clans außer Kontrolle?".

Das war ein vergleichsweise selten betalktes Thema, oder ein "eher randständiges", wie Daland Segler, der Fernseh-Fuchs der Frankfurter Rundschau, schreibt und dann gleich mehrere Themen aufzählt, über die er lieber diskutiert gehört hätte (darunter das vom Montag). "Die optische Verzweiflungstat des Abends", eine Shishas-Schusswaffen-Deutschlandkarte, schildert schon SPON (Autor: wieder Raab).

Bei Springers wurde anders gewichtet. Bei welt.de erzählt Kristoffer Fillies mit weithin denselben Zitaten eine andere Geschichte. Wie Medien über ethnische Hintergründe von Kriminalität berichten, ist schließlich schwer umstritten. Und wenn der Veteran Josey Nyary bei bild.de "Tretminen der politischen Überkorrektheit" wittert ... lassen wir das.

"Alles in allem war die Ausgabe zur Clan-Kriminalität in Deutschland eine gelungene Diskussionsrunde, bei der der Zuschauer einige interessante Hintergrundinformationen mitnehmen konnte",

fasst GMX-Rezensent Vock gelassen zusammen. Bloß hätte das Publikum es schwer gehabt, "zwischen Agenda-Setting und objektiver Kritik zu trennen" – was die Pole, zwischen denen das deutsche Talkshow-Wesen sich bewegt bis schwankt, ja ganz gut auf den Punkt bringt.

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2019, 17:46 Uhr