Collage mit Gesichtsausschnitten von Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Außerdem der Schriftzug Talkschau.
Bildrechte: MEDIEN360G

Talkshows im Spiegel der Kritiken "Kanzlerin?", Fortsetzungs-Remake, dicke heiße Luft

Hätte sich's gelohnt, diese Woche Polit-Talkshows anzusehen? Die Talkshowschau zum Wochenende mit einem Blick in die Kritiken. Dabei sind: AKK, ein Thron, der Feminismus, David & Goliath, der Verkehrsminister sowie Themenverstopfung.

von Christian Bartels

Collage mit Gesichtsausschnitten von Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Außerdem der Schriftzug Talkschau.
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Ob Annegret Kramp-Karrenbauer das Bild gefallen hat, das am Anfang ihres Solo-Auftritts in der Maischberger-Talkshow (Höhepunkte-Zusammenschnitt) in ihrem Hintergrund eingeblendet wurde? Die Fotomontage zeigte die Saarländerin, die derzeit kein anderes Amt ausfüllt als das der CDU-Vorsitzenden, lässig auf einer Art Thron sitzend.

Jedenfalls blieb der Kritiker von sueddeutsche.de, Hauptstadtreporter Stefan Braun, sprachlich im Bild und nannte AKK "die Erbin von Angela Merkel". "Die schon bald wohl wichtigste Politikerin Deutschlands" (Alexander Jürgs, welt.de) gastierte so solo in Sandra Maischbergers Sendung, wie es in Talkshows sonst nur amtierende Kanzlerinnen oder wichtige Bundesminister vor ihrem Abschied tun. Braun, der seine Kritik nach dem boulevardigen SPON-bild.de-Muster gestaltete ("Der persönlichste Moment", "Der schwächste Augenblick" ...) fielen "manch merkwürdige" Fragen der Moderatorin auf, etwa die nach Kramp-Karrenbauers ersten und bislang letzten Räuschen ("...nachdem Ihre Kinder geboren wurden?"), sowie solche, die nicht gestellt wurden. Etwa die, was AKK "über die Grünen denkt", die ihr allen Umfragen zufolge ja auf den Kanzlerinthron verhelfen könnten und müssten.

"Es war schon erstaunlich zu beobachten, welche Gleichgültigkeit dabei Frau Maischberger an den Tag legte. Sie verzichtete auf jegliche Nachfrage, selbst wenn es interessant gewesen wäre. In einer politischen Sendung hätte sich die Interviewerin wohl kaum mit belanglosen Floskeln zur Flüchtlingspolitik abspeisen lassen ...",

lederte faz.net-Rezensent Frank Lübberding los. Wie gewohnt gibt's dort rund um die Rezension großen theoretischen Über- oder Unterbau, der u.v.a. in die Zeit führt, als Willy Brandt Bundeskanzler war. In die Zeiten davor und danach aber auch, und dann wieder zum "Politikverständnis am Ende der Ära Merkel". Ja, schließlich möchte Lübberding gar noch die Debatte über den Feminismus ("...  ist nämlich etwas anderes als beim Kaffeeklatsch unserer Großmütter zu landen") losbrechen, die Maischberger und Kramp-Karrenbauer eher kurz antippten.

So gewaltig die Narrative der FAZ-Rezensenten immer sind, das konkrete Programmumfeld haben sie auch im Blick. Lübberding registrierte, dass der AKK-Soloauftritt kürzer war als die 75 Minuten, die Maischbergers Talkshows gemeinhin dauern (und die Nachtkritiker, die dann erst umso später loslegen können, ja zu spüren bekommen): "Es fehlten fünfzehn Minuten an der üblichen Sendezeit. Beide Frauen hatten sich auch nichts mehr zu sagen."

Den menschlichsten Dreh für das Gespräch, das welt.de "sehr persönlich" nennt, fand übrigens Marina Kormbaki vom Madsack-Redaktionsnetzwerk RND: "AKK spricht leichter über Männer als über Angela Merkel", lautet er. Was nicht heißt, dass Kormbaki von der "Sendung, die über weite Strecken mehr einem Vorstellungsgespräch als einem Polit-Talk glich", begeistert war. Jedenfalls, wenn Kramp-Karrenbauer zum "Vorstellungsgespräch" bei Sandra Maischberger antrat (ihr eins gewährte?), dürfte sie anderen Polittalkerinnen, die früher vor größerem Publikum auf Sendung gehen, kaum eines verweigern, und Anne Will und Maybrit Illner wissen nun, wo sie ansetzen könnten. (Was das für die Staatsferne bedeuten würde, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen ja sowohl besitzen wie auch als Eindruck vermitteln sollte, ist freilich eine andere Frage). Ein ehemaliges oder sogar Noch-Leitmedium im Nicht-ganz-boulevardigen Onlinejournalismus, Spiegel Online, setzte jedenfalls ein Zeichen und besprach diese Sendung gar nicht.

#annewill (Dicke, heiße & schmutzige Luft)

Anne Will bot am Sonntag sozusagen die Fortsetzung der sechs Abende zuvor gesendeten Plasberg-Talkshow. In ihrer Sendung "Streit um Abgaswerte - sind Fahrverbote verhältnismäßig?" war als "Medienstar der Woche" (Altpapier-Autor Klaus Raab bei SPON) der Aufmerksamkeits-Shootingstar der Vorwoche zu Gast: Lungenarzt Köhler, "der die Abgasgrenzwerte anzweifelt. Er bekam mächtig Gegenwind", aber aus so vielen Richtungen, dass er nicht zu zerzaust nach Hause fahren konnte. Nicht zuletzt, da der andere Arzt in der Runde, Epidemiologe Heinz-Erich Wichmann, "nicht wirklich zum Punkt kam", gab es einen "grenzwertigen Grenzwert-Streit" der Mediziner (welt.de) sowie "dicke Luft ..." (Saskia Bücker, RND) und "viel heiße Luft, die manchmal auch schmutzig war" (Tatjana Kerschbaumer, tagesspiegel.de).

Beachtung verdient das exemplarische Foto, das die Anne-Will-Redaktion ausgesucht hat. Genau zwischen den gestikulierenden Gesprächspartnern Köhler und Will sitzt bis thront da kanzlerin- bis königinhaft Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock. Das größte Narrativ schüttelte wiederum Lübberding aus dem Ärmel: "Die Umweltbewegung ist heute nicht mehr der David, der heroisch gegen den Goliath früherer Jahre kämpft. Vielmehr hat sie mit ihrem Marsch durch die Institutionen ..." die Goliaths-Rolle eingenommen, schreibt er (was der Autoindustrie, so sehr ihr Krisen bevorstehen könnten, vielleicht doch Unrecht tut). Freilich spielen außer alttestamentarischen Motiven auch lokalpatriotische mit, wenn es bei faz.net dann heißt: "Goliath war in Gestalt des Epidemiologen Heinz-Erich Wichmann erschienen ... David kam aus Schmallenberg im Sauerland: Dieter Köhler ...". Und im Sauerland lebt Lübberding selbst auch.

#illner (dito)

Zwar gab's in der Will-Show "von harter Zahlen- und Faktendebatte nicht einmal eine Bremsspur" (tagesspiegel.de). Eine Spur aber zog sich immerhin zu Maybrit Illners ZDF-Talkshow, die mit "Fahrverbot und Tempolimit – muss Deutschland runter vom Gas?" bereits am Donnerstag die nächste Neuinszenierung des Themas bot. Vielleicht eine Lehre aus der Diskussion bei Will, die "den Raum des Meinens verließ" und "für Zuschauer, die nicht vom Fach sind, auf eine Glaubensfrage" zulief (Raab/ SPON), zog die Illner-Redaktion, indem sie wieder nur eine Ärztin bloß zum Solo-Interview zwischendurch lud. Umso ausgiebiger ließ sie "zwei Typen von Mann ..., wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten" (wie eine treffende Twitter-Bemerkung lautete), aufeinanderprallen, die außerdem gelernt haben, immer so zu meinen, als gäbe es gar keine Unterschiede zum Wissen: Baerbocks Co-Vorsitzenden, den amtierenden "Talkshow-König" Robert Habeck, und Bundesverkehrsminister Scheuer von der CSU, der sich bei Will noch durch einen nicht gar so scharfen Staatssekretär hatte vertreten lassen.

Beide gaben Gas und verfuhren sich, titelt das RND. Wobei "die Meinungen ... so weit auseinander" gingen, "dass die Debatte keinen Zentimeter von der Stelle kam" (Arno Frank, SPON), so dass eine der nächsten Talkshows an genau derselben Stelle wieder ansetzen wird, steht zu befürchten. Illners Sendung folgte eingespielten Rezepten bis zum Schluss, beobachtete RND-Rezensent Thoralf Cleven:

"So franst das Ganze am Ende aus, an dem noch stichpunktartig und pflichtgemäß die Themen Schiene oder Elektroauto aufgerufen werden. Da fehlt dann die Kraft. Illner fragt ausgerechnet die [Journalisten-]Kollegin [Cerstin] Gammelin, was denn die Verkehrswende kosten werde. Tja, was soll die Journalistin darauf antworten? Lieber nichts."

Zurselben Zeit wurde an einer anderen Stelle der riesengroßen Talkshowlandschaft, in der Phoenix-Runde, das Thema "Verspätet, defekt, verschuldet - Servicewüste Bahn?" betalkt. Das wäre den größeren Polit-Talkshows, die im noch jungen Jahr schon unter Themenverstopfung leiden, vielleicht zu empfehlen.

#hartaberfair (Brexit mal wieder)

Ach so, Plasberg! Der hatte am Montag das in dieser Woche sonst gar nicht und in den beiden Wochen davor jeweils einmal betalkte Thema gewählt, an dem sich Leitartikler und sonstige Kommentatoren auch schon seit Monaten die Zähne ausbeißen, ohne dass ihre Beiträge das geringste ändern (oder sich überhaupt etwas tut): den Brexit. Mit "Briten weg, wir noch da: Wie muss Europa dann besser werden?" zog er wenige Online-Kritiken (faz.net, Kölner Stadtanzeiger), aber scharfe persönliche Kritik auf sich. "Die lächerlichen Argumente des Frank Plasberg" betitelte Hans Hütt seine FAZ-Besprechung, in der er den Moderator  u.a. "rhetorischer Hütchenspieler" und "Kummerkasten-Mephisto" nennt. Schließlich wirft er gar noch die Frage auf, "welche Rolle Frank Plasberg mit seiner Talkshow tatsächlich spielen will".

Es wäre ja legitim und in der aktuellen Sendungslandschaft innovativ, wenn Talkshow-Gastgeber zu einzelnen ihrer Themen selbst eine Meinung verträten. Sie müssten sie natürlich offen formulieren.

Zuletzt aktualisiert: 01. Februar 2019, 16:14 Uhr

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