Collage mit Gesichtsausschnitten von Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Außerdem der Schriftzug Talkschau.
Bildrechte: MEDIEN360G

Talkshows im Spiegel der Kritiken Es wird spannender

Hätte sich's gelohnt, die Polit-Talkshows dieser Woche anzusehen? Die Talkshowschau zur KW 6 mit einem Blick in die Kritiken. Dabei sind der § 219a und ein einzelner junger Mann zwischen lauter Frauen, das neue VerpackG und Shampooflaschen aus schwarzem Plastik sowie "sozialdemokratische Höchstform" – und fast keine Oppositionsparteien.

von Christian Bartels

Collage mit Gesichtsausschnitten von Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Außerdem der Schriftzug Talkschau.
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Eine ziemlich einzigartige und enorm beständige Verwertungskette hat sich rund um die Polit-Talkshows entwickelt: Öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten strahlen jede Woche mehrere aus. Reichweitenstarke Nachrichtenportale privater Verlage besprechen die meisten davon – nicht etwa aus nachrichtlichen Gründen oder feuilletonistischen Ambitionen, sondern weil die Frühkritiken zuverlässig gut geklickt werden. Und in den Anstalten, in denen ja vielen schwant, dass sie zu viele alles andere als unverwechselbare Talkshows zeigen, dienen diese Rezensionen als Beleg von deren Relevanz.

Und wenn das mal nicht so läuft, kann auch das aufschlussreich sein. So hat Anne Will am vergangenen Sonntag mit "Recht auf Leben und Selbstbestimmung – die neue Debatte über Abtreibungen" endlich mal ein vergleichsweise neues Thema diskutiert. Und von der gängigen, "allein auf Krawall ausgerichteten Besetzungspraxis – drei Männer, eine Frau, ein Verrückter ..." (RND) wich ihre Runde mit insgesamt fünf Frauen und nur einem Mann auch ab. Oder war die Besetzung themenspezifisch doch wieder gewohnt?

"Sobald es um vermeintlich als 'Frauenthema' einsortierte Diskussionen geht, sind Talkrunden mehrheitlich mit Frauen besetzt. Als wären Frauenrechte kein Männerthema - und als würde kein mehrheitlich männlich besetzter Bundestag (Frauenanteil 30,9 Prozent) entscheiden, wie viel Selbstbestimmungsrecht Frauen über ihren Körper haben",

beschwerte sich SPON-Rezensentin Anne Haeming. Jedenfalls gab es mit der Frauenärztin Kristina Hänel rund um die Neuregelung des "Werbeverbots" für Schwangerschaftsabbrüche im § 219a und den angrenzenden § 218 viel Diskussionsstoff.

Ausgerechnet im Internetauftritt der FAZ allerdings, die nicht völlig zu Unrecht mit dem Vorurteil leben muss, vor allem von den oft (und selten mit positivem Beiklang) erwähnten weißen alten Männern für ebensolche gemacht zu werden, stand über diese Talkshow keine Zeile. Freilich war der einzige Mann in der Runde zwar weiß, aber sehr jung (und visuell bloß noch wegen kleiner Deutschlandfahne im Revers auffällig). Dennoch taugte Philipp Amthors "Das ist ja heute auch nicht einfach, auch nicht für mich" als Einstieg in die meisten weiteren Online-Besprechungen (welt.de mit Kritiker-, RND mit Kritikerin-Frühkritik, sueddeutsche.de mit mittags erschienenem Bericht inklusive So-spottet-das-Netz-Umschau). Gemeinsamer Nenner: Es geht jeweils vergleichsweise viel um für Talkshow-Verhältnisse auch vergleichsweise komplexe Inhalte und unterschiedliche Meinungen dazu.

"Trotz dieser Komplexität war es eine insgesamt gute Sendung, denn sie trug der Komplexität in vielen Bereichen Rechnung. Sie zeigte sowohl, wie Politik funktioniert, welches gesellschaftliche Klima Politik braucht und umgekehrt und welche Auswirkungen das auf den ganz konkreten Alltag der Betroffenen hat"

heißt es in der wieder gar nicht üblen Besprechung bei GMX. In den sogenannten sozialen Medien wunderten sich schließlich sowohl die Moderatorin wie auch Mitdiskutantin Teresa Bücker über dort eher selten zu lesendes Lob bzw. "mehr wertschätzendes Feedback als negatives und davon sehr viel von Männern".

#Hartaberfair (mit #fridaysforfuture)

Ein wenig spiegelverkehrt verhielt es sich dann mit "hart aber fair". Das weniger unverbrauchte Thema "Gefühltes Öko-Vorbild, gelebter Klimasünder: Lügt sich Deutschland grün?" erntete weniger Kritiken, dafür eine ausführliche bei faz.net, das in Gestalt von Frank Lübberding gleich loslederte (freilich nicht, ohne einleitend ein "Taschenbuch aus dem Jahr 1974" aus dem gut sortierten Bücherschrank zu ziehen). Es geht gegen "Die Selbstgefälligkeit des Umwelt-Weltmeisters" und auch gegen den achtzehnjährigen Gymnasiasten Jakob Blasel, der sozusagen als deutscher Verteter der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg bei Frank Plasberg gastierte (und die attraktive Hashtag-Kombination #fridaysforfuture und #hartaberfair mitbrachte). Zumindest ein faz.net-Satz könnte Blasel tatsächlich geärgert haben: "Welche Eltern wären nicht stolz auf einen so gut erzogenen Sohn?". Vor allem hat Lübberding es aber auf Bundesumweltministerin Schulze von der SPD abgesehen:

"Mit der üblichen Komplexitätsreduktion landet man dafür mit der Umweltministerin beim wiederverwertbaren Netz zum Kartoffelkauf. Oder dem berühmten Plastiküberzug der Gurke im Supermarkt".

Er selbst hätte lieber mehr über "das neue Verpackungsgesetz (VerpackG), das die alte Verpackungsverordnung abgelöst hat (VerpackV)" reden gehört. Was zumindest zeigt, dass die FAZ-Männer sich oft weit über das hinaus, was im Fernsehen betalkt wird, im Thema auskennen. "Inhaltlichen Erkenntnisgewinn" insbesondere für Männer registrierte Lübberding dennoch auch:

"Es lässt sich zudem trefflich über den Nutzen schwarzer Verpackungen beim Abfüllen von Duschgels in Kombination mit Haarshampoo für eine männliche Kundschaft diskutieren. Das dort verwendete Plastik ist nicht recyclefähig, wie der Zuschauer erfuhr."

Und die allerdankbarste Steilvorlage des Gäste-Castings in Gestalt des multiplen Fernsehdarstellers Hannes Jaenicke (außer Talkshowexperte u.a. Ermittler im "Amsterdam-Krimi" der ARD) nahm er erst gar nicht an bzw. überließ sie welt.de zu verwandeln: "Und dann outet sich Umweltaktivist Jaenicke als Vielflieger".

Zwischenfazit: Ist das schlimm, wenn Nachrichtenportale Talkshows und ihre Themen je nach Gusto und politischer Haltung einfach ignorieren oder zum Anlass für eigene Räsonnements nehmen? Nein. Es zeigt, dass die Shows als echter Diskussionsanstoß funktionieren, was lange ja keineswegs die Regel war. Dissens ist spannender als Konsens, und gerade in den häufig nach Parteienproporz besetzten Talkshows hat sich in den vielen Jahren, in denen inzwischen Große Koalitionen regieren, zuviel relativer Konsens eingeschlichen. Das scheint sich gerade zu ändern.

#Illner ("Was sind uns die Alten wert?")

Wie auch Maybrit Illners ZDF-Talkshow am gestrigen Donnerstag zeigte. "Mehr Rente aus der Steuerkasse – was sind uns die Alten wert?", hieß das Thema. "Sozialdemokratische Höchstform" bescheinigte das bekanntlich nicht sehr sozialdemokratische Springer-Medium welt.de Hubertus Heil. "Fast übertrieben" fand der Rezensent der insgesamt der SPD näher stehenden Süddeutschen den Auftritt des Bundesarbeitsministers, "der sich jetzt mal so richtig um die abgehängten Rentner kümmern will.

Wieder müssen alle Rezensenten tief in die Details des deutschen Rentenversicherungs-Wesens einsteigen. Am tiefsten tut's natürlich faz.net. Weshalb "es in sich ausdifferenzierenden Gesellschaften auch so mühselig geworden ist, Gerechtigkeit zu definieren", beschrieb erneut Lübberding, der erneut eine "informative Sendung" sah.

Offenkundig werden im Licht des bevorstehenden Abschieds der Bundeskanzlerin, die jahrelang erfolgreichen auf breiten Konsens zielte, unterschiedliche Positionen auch bei den in Berlin noch gemeinsam regierenden Parteien wichtiger. Ob das zu besserer Politik führt, ist eine andere Frage. Zumindest zu spannenderen, vielleicht sogar sehenswerten Talkshows führt es. In den drei bisher genannten Sendungen saß übrigens kein Vertreter einer Oppositionspartei.

Und sonst? #DunjaHayali

Ach so, Dunja Hayali machte im ZDF die erste ihrer monatlich ausgestrahlten Auch-Talkshows und hatte mit dem Grünen Toni Hofreiter einen Vertreter der größten Oppositionspartei – nicht im Bundestag, aber in den öffentlich-rechtlichen Talkshows – zu Gast. "Hayali zeigte sich die Sendung über als gute Moderatorin, holt die Gespräche immer wieder ins Sachliche zurück, stellte weiterführende Fragen in passenden Momenten, versuchte auch Neues hervorzuholen. Das aber zeigte sich als vergebene Liebesmühe. Gezeigt hat sie: In 45 Minuten können sehr wohl drei bereits ausgelaugte Themen abgehandelt werden", hieß es bei welt.de. In der Mittwochabend-Show wird nämlich nicht wie sonst ein Thema, sondern werden drei Themen in drei Runden umso schneller durchgetalkt. Wozu passte, dass Hayali sich im zum Thema Tempolimit hinführenden Einspielerfilmchen "als geübte Autobahn-Raserin" "outet"(e), wie der RND titelte. "Kein Krawall ist irgendwie auch keine Lösung", lautet da das Fazit. Kontrollierter Dissens könnte durchaus eins sein, könnte das dieser gesamten Woche lauten.

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2019, 15:12 Uhr

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