Collage mit Gesichtsausschnitten von Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Außerdem der Schriftzug Talkschau.
Bildrechte: MEDIEN360G

Talkshows im Spiegel der Kritiken Coole Nahles, Stau-Sex-Vergleich, Aufmerksamkeitsökonomie

Hätte sich's gelohnt, diese Woche die Polit-Talkshows anzusehen? Die Talkshowschau zur KW 7 mit einem Blick in die Kritiken. Dabei sind ein frisch überzeugter Fanboy der SPD-Chefin, "unerträgliches Pink", ein "Antifaschist" ausgerechnet aus dem Bundesverkehrsministerium – aber eigentlich niemand von CDU/CSU.

von Christian Bartels

Collage mit Gesichtsausschnitten von Anne Will, Frank Plasberg, Maybrit Illner und Sandra Maischberger. Außerdem der Schriftzug Talkschau.
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Der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles lässt sich gewiss einiges vorwerfen, was am häufigsten Sozialdemokraten tun. Sie interessieren sich schließlich am ehesten für die kleine Partei mit langer, manchmal großer Geschichte und (wenn man den laufend angestellten Umfragen glaubt) Chancen auf Platz 3 bei manchen kommenden Wahlen. Am Donnerstagabend aber, nach und schon in der Maybrit-Illner-Sendung "Weg mit Hartz IV – gut fürs Land oder nur für die SPD?", konnte sich Nahles "sichtlich zufrieden" (GMX) zurücklehnen. So viel gute, äh, Presse gab es für sie lange nicht.

"Von Aufmerksamkeitsökonomie versteht sie offensichtlich etwas. Die SPD hat das Thema der Tage gesetzt. Und da kam die SPD-Vorsitzende doch gerne selbst ins Studio, um sich die Blumen abzuholen", meint SPON-Kritiker Klaus Raab. In Gestalt des sueddeutsche.de-Rezensenten hat die SPD-Chefin gar einen bekennenden Fan gewonnen: Lars Langenau stieg mit eigenen Argumenten nachträglich in den "Zoff auf hohem Niveau" ein und warb für Nahles' Positionen ("Vorsicht, das wird jetzt ein langer Absatz"). Und spielte zugleich überkandidelt mit Beinahe-Fauxpas ("Eine Frau, die - wie sagt man so schön - Eier in der Hose hat"). Fernsehkritiker sollten sich eher nicht über die Kleidung von Talkshowgästen auslassen, Fans dürfen es wohl ("Einfach cool, die Nahles. Trotz des unerträglichen Pink").

Die übrigen Kritiker sahen es nicht völlig anders. Das RND-Redaktionsnetzwerk sympathisiert sowieso mit SPD-Positionen, da die Madsack-Mediengruppe ja zu knapp einem Viertel der Partei gehört (was kein Geheimnis ist, auch wenn es manchmal dazu erklärt wird). Die Sichtweise, dass bei Illner gleich "Alle gegen Nahles" gewesen seien, hat Ansgar Nehls allerdings exklusiv. Jana Katharina Luck (welt.de) ist beim Beurteilen zurückhaltend, vielleicht weil der tatsächlich schärfste Nahles-Kritiker der Runde ihr Kollege Robin Alexander gewesen sein dürfte. Und Hans Hütt entschuldigt sich bei faz.net, erst mal "ein bisschen ausholen" zu müssen (als ob FAZ-Kritiker jemals nicht ausholen würden!), und tut es bis hin zu Patrick Bahners' Abgesang auf Sabine Christiansens Talkshow von 2006. Durch einen Schlenker zur jüngsten britischen Brexit-Abstimmung – obwohl das Thema diese Woche ausnahmsweise gar nicht auf der deutschen Talkshow-Tagesordnung stand – gelangt Hütt dann zu Illner und ihrem Stargast. Dessen Fan er nicht wurde ("Frau Nahles verheddert sich in ihrer Rolle").

Sein Fazit lautet aber ebenfalls, "dass die beiden Volksparteien dabei sind, sich aufzurappeln und besser aufgestellt sind als im vergangenen Jahr", was Volksparteien und solchen die es (erstmals oder wieder) werden wollen, ja niemand ernsthaft vorwerfen kann. Den von Hütt angedeuteten "Konstruktionsfehler" der Illner-Runde mit zwei Journalisten als "Sekundanten" der Politiker Nahles und Lindner bringt die oder der namentlich nicht genannte GMX-Rezensent/-in klarer auf den Punkt: "Ein Politiker der Unionsparteien ist nicht anwesend. Dabei haben CDU und CSU als Regierungspartner ein Wörtchen mitzureden." Tatsächlich sind CDU und CSU in Regierungen wie Rundfunkräten ja bestens vertreten und fehlen auch daher in Talkshows so gut wie nie. Diese Woche fehlten sie in allen. Doch muss der grundsätzlich gebotene Proporz aller demokratischen Parteien im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ja nicht darin bestehen, dass in jeder einzelnen Sendung Ausgewogenheit herrscht. Erfrischender ist es, wenn nicht.

#harteaberfair (auch "Großes Kino")

Nahles' mutmaßlicher "Masterplan in diesem Wahljahr 2019" (SPON) war schon in der Talkshow am Montag gut zu sehen. So nahtlos wie bei "hart aber fair" ("Respekt für Rentner oder Wahlgeschenk: Was bringt die neue Grundrente?") ans Illner-Thema eine halbe Woche zuvor ("Mehr Rente aus der Steuerkasse – was sind uns die Alten wert?") anknüpfte, schlüpfte Nahles' Parteifreund und Amtsnachfolger als Bundesarbeitsminister aus der einen Runde in die andere. Hubertus Heils "Wir wollen doch keine Gelbwesten wie in Frankreich!" fand Echo als Kritiken-Überschrift (welt.de). Wie er auf die Idee gekommen sein, wo er deutsche Gelbwesten gesehen haben könnte: in der Illner-Show eine weitere Woche zuvor.

Auch Plasbergs Sendung fanden die Kritiker ganz gelungen. "Die Idee ..., die 48-jährige Reinigungskraft Susanne Holtkotte zum Zentrum ihrer Montagabendsendung zu machen, ging auf", befand der RND und lobte, wie "munter hin und her" es gegangen sei zwischen Heil "am linken Ende des Tisches" und Christoph Schwennicke, Chefredakteur des "bürgerlich-konservativen Politmagazins" Cicero "ganz rechts am Tisch". Dass Gegner der neuen SPD-Konzepte gerne ihre "neue politische Lieblingsvokabel" "Gießkanne" verwenden, hatte sich zuvor bei Illner auch schon abgezeichnet.

"Ganz großes Kino" sah SPON-Kritiker Arno Frank in der Plasberg-Sendung und wollte insbesondere zum Thema Bedarfsprüfung noch eigene Argumente nachträglich in die Diskussion werfen. Wohingegen faz.net (erneut Hütt) zunächst die deutsche Rentenpolitik seit 1957 Revue passieren ließ und dann von Heil gerne mehr über die Digitalisierung die Arbeitsmärkte gehört hätte. Das "Pathos", mit dem der Arbeitsminister seine Pläne verteidigte, musste auch welt.de loben. Auf großes Kino und Emotionen fahren Fernsehkritiker ja stets ab.

#maischberger (... mit "Asphalt-Cowboy")

Nahtlos kinogroß ging es bei Sandra Maischberger unter dem Titel "Glaubenskrieg ums Auto: Geht der Umweltschutz zu weit?", einem "selbst für Talkshow-Standards sehr polemisch formulierten Thema" (Peter Luley, SPON), weiter. Zu Gast war Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt ("... gab den Asphalt-Cowboy"), erneut niemand von der CDU/CSU, dafür, wie bei Illner und bei Plasberg, erneut ein FDP-Vertreter. Bei faz.net holte Frank Lübberding mit einer tückischen theoretischen Frage aus ("Sind Sie bereit für eine statistisch zu erwartende Lebenszeitverlängerung von 14,5 Stunden auf das Auto zu verzichten ..?"), hatte die unmittelbare Gegenwart aber genug im Blick, um in seiner Nachtkritik bereits die am selben Abend veröffentlichte taz-Meldung zu verlinken, derzufolge die Talkshows-bekannte Galionsfigur der #Lungenärzte, Dieter Köhler, "sich offenbar bei der Berechnung der Stickoxid-Immissionen von Rauchern verrechnet" hatte.

Die Maischberger-Redaktion unterstützte den Großes-Kino-Charakter durch als Trailer extrahierte Pointen, etwa den aufmerksamkeitsökonomisch top-attraktiven Stau-Sex-Lebenszeit-Vergleich des inzwischen 80-jährigen ehemaligen "Report"-Moderators Franz Alt. (Dass der in der RND-Kritik "Fritz Alt" heißt, hat sicher nichts anderes zu bedeuten, als dass der Rezensent jung genug ist, um Alt nicht von früher zu kennen). Faz.net fixte ein Alt-Vorschlag an den in seiner Eigenschaft als "Dieselfahrer" eingeladenen Stuttgarter Marin Ivankovic mehr an: "Getreu dem alten Sponti-Motto namens 'legal, illegal, scheißegal' forderte er Ivankovic auf, das Fahrverbot einfach zu ignorieren", wenn er seine drei Kinder zur Schule fahren muss. Die größte Pointe aber landete Poschardt mit seiner Charakterisierung des amtierenden Bundesverkehrsministers als "Andi Scheuer, der große deutsche Antifaschist!" Wer hätte da nicht gerne Andreas Scheuers eigentlich felsenfest unbeweglichen Gesichtsausdruck gesehen? Er war aber nicht da.

Poschardts Argumentation zielte auf Prozentpunkt-Gewinne (oder -Verluste) der AfD und entsprechend anderer Parteien in den pausenlos angestellten Wahl-Umfragen ab. Da mag was dran sein. Überschätzt werden dürfen solche Berechnungen aber nicht. Das überschaubare und, wie diese Woche zeigte, intensiv auf sich selbst schauende Spektrum der Talkshows mit der ganzen Gesellschaft zu verwechseln, wäre ein Fehler. Doch wenn Parteien wie die so lange zerzauste SPD sich wieder so von anderen zu unterscheiden beginnen, dass tatsächlich mehrere Parteien mit ihnen streiten, dürfte das der Demokratie gut tun. Und sobald die CDU – die Talkshowaufmerksamkeits-ökonomisch lange auf nichts als den Kanzlerin-Bonus, Peter Altmeier als Allzweckwaffe und, solange er noch durch die Studios tingelte, Wolfgang Bosbach setzte – das erkannt hat, dürfte es noch etwas höher hergehen.

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2019, 17:23 Uhr

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