Medienberufe damals und heute Stadtschreiber

Es gab Stadtschreiber im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Und es gibt heutzutage wieder Stadtschreiber. Trotz Namensgleichheit haben beide Stadtschreiber völlig unterschiedliche Aufgaben und Funktionen.

ein einsamer Mann auf dem Markt vor einem Denkmal sitzend, gerahmt von zwei Verkaufsständen
Bildrechte: Dirk Ditscher/ Mitteldeutscher Rundfunk

Der Stadtschreiber des Mittelalters war ein Verwaltungsbeamter der Stadt oder der Gemeinde. Mit dem Beginn der Selbstverwaltung der Städte im 12. Jahrhundert kam dieses Amt auf - so erklärt es der Erfurter Historiker Karl Heinemeyer. In einer Zeit, in der die wenigsten Menschen schreiben und lesen konnten, benötigten sie einen scribae oder auch notarius civitatis genannten Schriftkundigen, einen Schreiber. Seine Arbeiten: Beschlüsse des Rates aufschreiben, Urkunden erstellen oder Briefwechsel organisieren. Und das alles in Latein.

Prof. Karl Heinemeyer vor Stadtkulisse Erfurt
Der Historiker Karl Heinemeyer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Spätestens im 15. Jahrhundert war eine akademische bzw. juristische Ausbildung für den Job des Stadtschreibers zwingend erforderlich, denn die dem Stadtschreiber unterstellte Kanzlei wurde immer größer und übernahm einen großen Teil der schriftlichen und juristischen Verwaltung der Stadt. Er selber stieg zum wichtigsten und am besten bezahlten Angestellten der Stadt auf. Da er meist auf Lebenszeit bestellt war, im Gegensatz zu den jährlich neu gewählten Bürgermeistern, hatte der Stadtschreiber oft sehr großen Einfluss auf die Entwicklung seiner Stadt. Er bekam einen Dienstvertrag, war Geheimnisträger und hatte beratende Funktion im Statdtrat. Zudem er war eine wichtige Schaltstelle: Denn er wusste, wo Gesuchtes nachzulesen war und wie man es interpretieren musste oder konnte.

Der mittelalterliche Stadtschreiber war der oberste, der teuerste, der höchstbezahlte Beamte der Stadt ...

Karl Heinemeyer

Zweihundert Jahre später verlor das Amt des Stadtschreibers seine herausragende Bedeutung, da nun die Landesherren immer stärker versuchten, die Selbstverwaltung der Städte zu beschränken und die Landesherrschaft deutlicher zur Geltung zu bringen. Chronisten hatten die Städte zwar noch, aber sie waren nur noch normale städtische Bedienstete.

Jonas Zipf, Werkleiter JenaKultur, in seinem Büro
Der Werkleiter von JenaKultur Jonas Zipf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Stadtschreiber unserer Tage ist der Empfänger eines kommunalen Literaturpreises. Die damit ausgezeichneten Schriftsteller schreiben nicht nur für die einladende Stadt, sondern in der Regel auch über sie. Seit den 1970er Jahren vergeben immer mehr Städte und Kommunen diesen Preis und locken mit diesem Schriftsteller für ein paar Monate zu sich. Mit einer kostenfreien Stadtschreiberwohnung und einer monatlichen Apanage, die die Lebenshaltungskosten abdecken soll. Von solch profanen Sorgen befreit, können Schriftsteller wie der Berliner Tom Schulz in eine fremde Stadt eintauchen, diese und ihre Eigenheiten aufnehmen und sie auf ihre spezielle Art und Weise beschreiben und festhalten. Mit neuen Perspektiven, mit dem berühmten Blick von außen. Die Verpflichtungen, welche die Stadtschreiber gegenüber der Stadt haben, variieren. Nach Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur, sind diejenigen Stipendien besonders wertvoll und haben die besten Ergebnisse, die am wenigsten Vorgaben machen. Nicht nur mit ihren Veröffentlichungen und Lesungen, sondern auch durch ihren eigenen in der Szene klangvollen Namen, sollen sie das kulturelle Leben ihrer Gaststädte bereichern.

Er spiegelt eine Stadt, er sammelt Geschichten, Perspektiven, und gibt einen Blick von außen zurück, und der kann der Stadt gut tun ...

Jonas Zipf

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Erfurter Dom, Teilausschnitt mit Uhr und Türmen 5 min
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Stadtschreiber

MDR+ Di 07.03.2017 10:00Uhr 05:13 min

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Ein Mann wird von einem Kamerateam gefilmt
Das MDR-Team mit Kamerafrau Lisa Kästner, ihrem Kamera-Assistenten Christian Baumgartl und Redakteur Dirk Ditscher während des Interviews mit Karl Heinemeyer. Bildrechte: MDR/ Jana Pfeifer
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Der moderne Romantiker Tom Schulz.

MDR FERNSEHEN Mo 13.02.2017 12:04Uhr 01:02 min

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