Wenn aus Unterhaltung Krieg wird Von TikTok zu WarTok

Es war nur eine Frage der Zeit: Gestartet ist TikTok vor allem als Musikplattform. Der Spaß sollte im Vordergrund stehen. Die in China als Douyin bekannte App hat sich aber parallel längst zum ebenbürtigen Player neben anderen Social-Media-Diensten gemausert und mischt auch beim Thema Information und Nachrichten kräftig mit. Mit Beginn des Kriegs in der Ukraine hielt auch dieser Einzug auf der Plattform. Aus TikTok wurde WarTok. Und alle Beteiligten versuchen, ihre Botschaften zu verbreiten.

Medienwissenschaftler Jan Claas van Treeck und Manuel Atug vom Chaos Computer Club erklären das Phänomen WarTok und ordnen ein, warum zum Beispiel TikTok-Clips der Ukrainerin Valeria Shashenok erfolgreich sind. 12 min
Medienwissenschaftler Jan Claas van Treeck und Manuel Atug vom Chaos Computer Club erklären das Phänomen WarTok und ordnen ein, warum zum Beispiel TikTok-Clips der Ukrainerin Valeria Shashenok erfolgreich sind. Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Mit monatlich über einer Milliarde regelmäßiger Nutzerinnen und Nutzer in aller Welt gehört TikTok schon lange zu den Großen und erreicht vor allem ein junges Publikum. Das machen sich sowohl die ukrainische wie die russische Seite zu nutzen. Beim Schreiben dieser Zeilen hat der Hashtag #warinukraine rund 560 Millionen Aufrufe, und er ist beileibe nicht der Einzige, den es zum Krieg in der Ukraine gibt. Da gibt es längere Clips, in denen gut gelaunte ukrainische Soldaten über ein besonntes Feld marschieren, unterlegt mit fetzigem Balkan-Pop. Oder andere, nur eine gute Sekunde lang, die angeblich die aktuelle Situation in irgendeinem Schützengraben zeigen.

Persönliche Accounts zeigen Kriegsalltag in der Ukraine

Zu den Bildern von der Front oder von anderen militärischen Operationen oder Vorbereitungen kommen viele persönliche Accounts von Menschen, die ihren Alltag in der Ukraine zeigen. Das Leben mit der Angst, der Zerstörung, aber auch der nach einem rund halben Jahr Krieg wieder einsetzenden "Normalität".

Dass solche WarTok-"Karrieren" eng an die Situation gekoppelt sind, zeigt das Beispiel von Alina Volik. Die junge Ukrainerin aus Saporischschja im Süden der Ukraine postete in den ersten Kriegswochen über ihr Leben und zeigte hautnah, wie der Krieg ihren Alltag mehr und mehr veränderte und bestimmte. Das bescherte ihr über 50.000 neue Follower auf TikTok. Seit sie mit ihrer Mutter nach Spanien übersiedelte, ist sie weiter auf der Plattform aktiv und reflektiert auch immer noch über die Situation in der Ukraine. Doch ihre Follower-Zahlen stagnieren.

Ein Helm mit Munition sowie der Aufschrift "Born for TikTok" symbolisiert, dass Kriegsereignisse nicht mehr nur von Reportern, sondern zunehmend auch von Soldaten und Influencern auf Social Media verbreitet wird.
Mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine kam zunehmend der Begriff WarTok auf: Über Social-Media-Plattformen wie TikTok werden Kriegsereignisse aus sämtlichen Perspektiven geteilt und somit weltweit verbreitet. Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Desinformationen im Feed

Gerade weil sich TikTok an junge Menschen richtet, ist die Plattform auch bevorzugte Abwurfstelle für Desinformationen aller Art, nicht nur von russischer Seite. Die Fact-Checking-Organisation NewsGuard wies schon in den ersten Kriegswochen im März nach, dass TikTok neuen Nutzerinnen und Nutzern in kürzester Zeit Desinformation über den Krieg in den Feed spült. Selbst dann, wenn diese gar nicht nach Inhalten mit Bezug zur Ukraine suchten oder sich vorher ähnliche Videos angesehen hatte.

NewsGuard nennt sich selbst "Das Vertrauens-Tool fürs Netz" und wird unter anderem von der US-amerikanischen Knight Foundation und dem in Paris gegründeten internationalen Werbe- und PR-Agenturverbund Publicis finanziert. Die Organisation betreibt unter anderem ein Tracking-Center für Falschinformationen über den Krieg in der Ukraine. Dieser hat nach aktuellem Stand 258 Webseiten identifiziert, die russische Desinformation veröffentlichen. Außerdem katalogisiert und korrigiert NewsGuard regelmäßig die am weitesten verbreiteten Falschaussagen.

Fake News über Ukraine und Russland

NewsGuard stellte bereits vor Kriegsbeginn vom Kreml lancierte Falschberichte über die Ukraine fest. Doch auch das Vorgehen von ukrainischer Seite ist nicht unproblematisch. Einerseits nutze "auch Kiew Social-Media-Plattformen und Messaging-Apps, um gegen die Desinformationsmaschine des Kremls vorzugehen", heißt es bei NewsGuard. "Zeitgleich verbreiten sich jedoch auch vermehrt russlandfeindliche Falschmeldungen online. Einige pro-ukrainische Webseiten und zahlreiche Nutzer in den sozialen Medien haben falsche Beiträge über den Krieg verbreitet, die von manipulierten Bildern bis hin zu irreführendem Filmmaterial über angebliche russische Angriffe reichen."

Russland setze dagegen auch weiter auf vielschichtige Methoden, um falsche und verzerrte Botschaften zu streuen. "Die von der Regierung finanzierten und betriebenen Webseiten nutzen vor allem digitale Plattformen wie YouTube, Facebook, Twitter und TikTok, um falsche Darstellungen zu verbreiten.", so NewsGuard. "Alle zielen darauf ab, Propaganda zu verbreiten, die russische Interessen fördert und die Gegner des Kremls schwächt." Damit ist die russische Strategie nicht nur auf die Ukraine und das zumeist pro-Ukraine eingestellte Ausland beschränkt, sondern auch gegen das oppositionelle Lager im eigenen Land ausgerichtet.

TikTok als Dokumentation des Kriegs in der Ukraine

TikTok sei dabei eher unerwartet zu einem zentralen Ort der Kriegsberichterstattung 2022 geworden, schreibt der Kommunikationswissenschaftler Marcus Bösch von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg. "Hier finden sich erste Hinweise auf russische Truppenbewegungen, eine multiperspektivische Dokumentation der Invasion, Augenzeugenberichte, Kampfhandlungen, Kommentare, Solidaritätsbekundungen und Propaganda". Bislang wurden Videos mit dem Hashtag #Ukraine (Stand: 22.08.2022) rund 55 Milliarden mal angeschaut, dazu kommen noch zahlreiche andere Hashtags. Damit hat sich die Zahl der Aufrufe von Clips mit Themen rund um die Ukraine alleine auf TikTok im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg mehr als verzehnfacht.

Selenskyj appeliert an "TikTokers"

"Die App ist im Ukraine-Konflikt so einflussreich geworden, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an ‚TikTokers‘ als Community appelliert hat, weil sie helfen könnten, den Krieg zu beenden", berichtete bereits im März 2022 die internationale Nachrichtenagentur Reuters. Auch Kreml-kritische russische Influencer nutzten in den ersten Kriegswochen TikTok, um ihre Reaktionen zu verbreiten. Laut Reuters postete der Aktivist Niki Proshin, der mehr als eine dreiviertel Million Follower bei TikTok hat, die Botschaft, dass "normale Leute in Russland den Krieg nicht unterstützen". Russisch kontrollierte Medien konterten solche Statements zunächst umgehend mit Propaganda und Desinformation, auch und vor allem via TikTok.

TikTok sperrt Accounts

Nach dem Erlass drakonischer neuer Vorschriften für nationale und internationale Medien in Russland setzte TikTok seinen Livestream in Russland aus. "Wegen des neuen Mediengesetzes können auch keine neuen Video-Inhalte hochgeladen werden", teilte die Plattform am 6. März 2022 mit. Allein in der Zeit bis Ende März wurden nach Angaben von TikTok so 321.784 "fake accounts" in Russland und 46.298 in der Ukraine mit über 340.000 Videoclips geschlossen. Außerdem würden Inhalte, die von 49 klar identifizierten Accounts staatlich kontrollierter russischer Medien stammten, als solche gekennzeichnet, so der Konzern. Darüber hinaus seien sechs Netzwerke und 204 Accounts weltweit gelöscht worden, weil sie versucht hätten, mit Desinformation die öffentliche Meinung zu beeinflussen und Nutzerinnen und Nutzer mit Blick auf die Identität des Absendenden zu täuschen.

Im Mai teilte TikTok mit, die Kennzeichnung von Accounts staatlich gelenkter Medien würde auch auf Belarus und die Ukraine ausgeweitet. Die Sperrung neuer Inhalte und internationaler Inhalte für Userinnen und User in Russland wurde von TikTok Ende Juni nochmals ausdrücklich bestätigt.

Die auf die Untersuchung von Social-Media-Algorithmen und ihren Auswirkungen spezialisierte Organisation Tracking Exposed kommt in ihrer jüngsten Studie allerdings zu ganz anderen Ergebnissen. So gebe es sehr wohl internationale Inhalte bei TikTok in Russland, offenbar fielen bestimmte Accounts auch gar nicht unter die Sperrung. Noch bizarrer sei, dass "TikTok sogar bestimmte Inhalte, die eigentlich unter die Sperrung fallen, gezielt russischen Nutzerinnen und Nutzern anbietet", so Tracking Exposed. Dieses neue Phänomen nennt Tracking Exposed "shadow-promoting”. Hintergrund könnte sein, dass TikTok auf diese Weise versucht, für das russische Publikum attraktiv zu bleiben, in dem offiziell zwar die russischen Einschränkungen eingehalten werden, und gleichzeitig für manche Accounts die Sperrung zu umgehen.

Marcus Böschs Fazit ist klar: "Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was eine Social-Media-Plattform offiziell über ihre Moderationsregeln und die Arbeit ihres Algorithmus sagt, und was tatsächlich passiert."