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Fremddarstellung anstatt Selbstdarstellung Was ist Journalismus?

Was ist der Unterschied zwischen einem Tweet und einer Reportage? Reicht ein Facebook-Account, um sich Journalist zu nennen? Und warum gibt es diesen Journalismus überhaupt? Ein kleiner Einblick in sieben W-Fragen samt Antworten.

von Juliane Wiedemeier

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Journalismus beantwortet Fragen, genauer: W-Fragen. Sieben Stück sind es laut Lehrbuch, und mit ihrer Hilfe lässt sich gut erklären, was Journalismus eigentlich ist. Bitteschön:

Wer?

In Deutschland gibt es 41.000 bis 72.000 Journalisten, je nach Quelle. Denn damit geht es schon los: Journalist darf sich jeder nennen, und daher ist es schwierig, ihre Zahl genau zu bestimmen. Das liegt nicht daran, dass es nichts zu lernen und zu wissen gäbe, um als Journalist zu arbeiten, zum Beispiel über Medienrecht, Medienethik oder das Schneiden von Nachrichtenbeiträgen fürs Fernsehen. Viele studieren daher vorher was mit Medien, etwa Medien- oder Kommunikationswissenschaft, Publizistik oder Journalismus. Zudem gibt es die Möglichkeit, eine Journalistenschule zu besuchen oder ein Volontariat zu machen. Bei Letzterem arbeitet man für zwei Jahre in einer Redaktion und besucht nebenher Fortbildungen, vergleichbar mit dem Referendariat für Lehrer.

Voraussetzung für das Ergreifen des Berufs ist das alles aber nicht, aus historischen Gründen. Sowohl im Dritten Reich als auch in der DDR bestimmte der Staat, wer als Journalist veröffentlichen darf und wer nicht. Diese Kontrolle soll in der demokratischen Bundesrepublik mit Absicht nicht erfolgen. Berufsvereinigungen wie der Deutsche Journalistenverband (DJV), die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) oder der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) vergeben zwar Journalistenausweise an Menschen, die nachweisen können, dass sie hauptberuflich journalistisch arbeiten. Allerdings ist kein Journalist verpflichtet, sich einen solchen Ausweis zu besorgen - andernfalls wäre der Berufszugang ja nicht frei.

Was?

Walther von La Roche, einer der Godfather der deutschen Journalismus-Lehre, hat die Aufgaben von Journalisten mal so definiert: Recherchieren und Dokumentieren. Formulieren und Redigieren. Präsentieren. Organisieren und Planen. Das fasst gut zusammen, was Journalisten den ganzen Tag machen.

Porträt von Lutz Tillmanns mit Schriftzug "Im Gespräch mit Lutz Tillmanns" 13 min
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Laut Lutz Tillmanns hat sich der Deutsche Presserat zwei Aufgaben verschrieben: "Einmal für einen guten Journalismus zu sorgen und dabei die Pressefreiheit zu verteidigen, insbesondere die journalistische Arbeit dabei."

Do 28.02.2019 11:59Uhr 12:38 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-lutz-tillmanns-102.html

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Wichtig ist bei ihrer Arbeit, dass sie kritisch darüber berichten, was andere tun. Fremddarstellung heißt das und ist genau das Gegenteil von der Selbstdarstellung, die etwa Pressesprecher im Auftrag eines Unternehmens betreiben. Deren Interesse ist es, den eigenen Arbeitgeber möglichst gut aussehen zu lassen: „Dieses Müsli ist vorzüglich!“, behaupten sie. Die Aufgabe von Journalisten ist es, das kritisch zu hinterfragen und bei der Gelegenheit nicht nur mit dem Müsli-Hersteller, sondern auch seinem Konkurrenten, den Kunden und der Lebensmittelaufsicht zu sprechen. „Audiatur et altera pars“ - die andere Seite ist zu hören, nennen Experten mit großem Latinum diese Praxis.

Damit sie funktioniert, müssen Journalisten unabhängig sein. Sie dürfen ihr Gehalt nicht von demjenigen bekommen, über den sie berichten, und sie müssen sich der Wahrheit verpflichtet fühlen. Hinzu kommen noch weitere Aufgaben wie etwa die Wahrung der Menschenwürde, Einhaltung des Jugendschutzes oder die Korrektur von Fehlern, die auch Journalisten unterlaufen können (sind schließlich auch nur Menschen). Woran sie sich halten sollen, steht im Pressekodex. Da es sich dabei um eine ethische Selbstverpflichtung der Branche handelt, nicht um ein Gesetz, hat es allerdings keine schwerwiegenden Konsequenzen, wenn jemand dagegen verstößt.

Mehr zur Person Lutz Tillmanns

Lutz Tillmanns ist der Geschäftsführer des Deutschen Presserates. Er wacht mit seinem Team für den  Deutschen Presserat über die Einhaltung des „Pressekodex“, eine Art Ehrenkodex für Medienvertreter.

Wo?

Vor ein paar Jahren war die Antwort noch ganz einfach: Zum einen arbeiten Journalisten bei öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem MDR im Fernsehen oder Radio, zum anderen bei privatwirtschaftlichen Medienunternehmen. Dazu zählen Zeitungsverlage sowie private Radio- und Fernsehunternehmen wie RTL oder Pro Sieben. Erstere finanzieren sich hauptsächlich über den Rundfunkbeitrag, den jeder Haushalt bezahlen muss; letztere über Anzeigen und Abonnements.

Dank des Internets (Halleluja!) haben sich jedoch weitere Veröffentlichungsplattformen etabliert. Manche Journalisten betreiben nun eigene Online-Plattformen, wo sie ihre Texte einstellen. Das kritische Medienportal Übermedien ist dafür ebenso ein Beispiel wie die Krautreporter oder Perspective Daily. Dort arbeiten Journalisten nach den gleichen Kriterien wie ihre Kollegen bei der „Tagesschau“ oder der Süddeutschen Zeitung. Darüber hinaus sind jedoch auch Plattformen entstanden, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Seiten wie PI News in Deutschland oder Breitbart in den USA bereiten Themen so auf, dass sie einem politischen Ziel dienen, etwa der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Solche Hintergedanken sind unjournalistisch.

Diese neuen Angebote zu unterscheiden, ist gar nicht so einfach. Wer veröffentlicht hier? Warum? Und wie finanziert er sich? Das sind drei Fragen, die sich jeder stellen sollte, wenn er auf Informationen von einer ihm bis dahin unbekannten Website stößt.

Wann?

Jetzt. Jetzt. Und jetzt wieder. Ein wichtiger Faktor im Journalismus ist die Aktualität. Möglichst schnell berichten, wenn etwas passiert ist, ist eine zentrale Aufgabe von Journalisten - was nicht bedeutet, dass sie sich nicht auch mal Zeit lassen und Hintergründe zu einem Thema liefern können, so wie bei diesem Text. Außerdem müssen sie sicherstellen, dass ihre Themen auch eine größere Menge an Leuten interessieren, und dass das Berichtete der Wahrheit entspricht. Experten sprechen dabei von Relevanz und Faktizität, die Journalismus ausmachen.

Wann der erste Mensch auf die Idee gekommen ist, sowas zu betreiben? Die tägliche Info-Broschüre Acta Diurna gab es schon im Alten Rom unter Julius Cäsar. Der Begriff Journalismus leitet sich aus dem Französischen von „le jour“, also „der Tag“ ab.

Wie?

Journalist ist nur ein Überbegriff für eine Menge Tätigkeiten. Wer fest bei einem Medienunternehmen angestellt ist, nennt sich Redakteur. Korrespondenten sind Journalisten, die aus einem anderen Land berichten, Reporter sind zur Recherche viel außerhalb der Redaktion unterwegs. Moderatoren präsentieren eine Sendung im Fernsehen, Fotografen machen im Auftrag ihrer Redaktion Fotos und Kolumnisten schreiben regelmäßig Texte zu bestimmten Themen (nur zum Beispiel). Dank Handy in der Hosentasche machen viele Journalisten heute das alles (und noch viel mehr) in Personalunion. Sie nennt man eierlegende Wollmilchsau.

Warum?

Porträt von Cornelia Berger mit Schriftzug "Im Gespräch mit Cornelia Berger" 7 min
Bildrechte: Collage: MEDIEN360G / Foto: Martha Richards

"Journalismus ist für mich, wenn man entsprechend Artikel 5 des Grundgesetzes Informationen verbreitet im öffentlichen Interesse", sagt Cornelia Berger, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalisten Union.

Mi 27.02.2019 16:47Uhr 07:09 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-cornelia-berger-102.html

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In einer Demokratie kommt Journalisten eine wichtige Aufgabe zu. Damit der Bürgermeister nicht unter der Hand den Bau des Schwimmbads der Firma seines Bruders zuschanzt, schauen sie Politikern genau auf die Finger. Neben Legislative, Exekutive und Judikative bezeichnet man die Medien daher auch als Vierte Gewalt im Staat. Zudem sollen sie darüber informieren, was gerade in Politik und Gesellschaft diskutiert wird, damit sich jeder ein eigenes Bild von der Lage machen kann. Morgens die Lokalzeitung zu lesen und abends die „Tagesschau“ zu sehen ist einfach bequemer, als jeden Tag mehrere Stunden Bundestagsdebatten live zu verfolgen und sich selbst durch hunderte Seiten von Gesetzestexten zu wühlen. Das zu übernehmen und in verständliches Deutsch zu übersetzen ist eine Servicedienstleistung von Journalisten. Damit sie diesen Job gut machen können, haben sie besondere Rechte. Das wichtigste ist die Pressefreiheit, festgehalten in Artikel 5 des Grundgesetzes, wo es heißt:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Mehr zur Person Cornelia Berger

Cornelia Berger ist die Bundesgeschäftsführerin der deutschen Journalisten Union in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Dort ist sie die Leiterin des Bereichs Publizistik und Medien.

Woher (stammt die Information)?

Journalisten haben kein extra Internet und auch keine Untergrund-Bibliotheken, zu denen nur sie Zugang haben. Ihre Informationen erhalten sie meist schlicht dadurch, dass die anfragen - in Pressestellen, bei Politikern und Behörden sowie manchmal auch bei Ihnen (falls Sie gerade etwas Spannendes zu erzählen haben). Um ihren Job als Wachhunde der Demokratie (siehe „Warum“) gut machen zu können, genießen sie besondere Rechte. Behörden müssen ihnen etwa Auskunft geben.

Aufgrund ihrer Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen, wenden sich Whistleblower mit geheimen Dokumenten zudem gerne an Journalisten, anstatt alle Dokumente selbst öffentlich zu machen. Ein Beispiel dafür ist Edward Snowden, der seine Informationen über die Abhörpraxis der NSA dem britischen Guardian und der Washington Post zur Verfügung gestellt hat, damit diese die Daten verständlich aufbereiten.

Zuletzt aktualisiert: 28. Februar 2019, 16:47 Uhr