Ein Mensch mit einer Glühbirne statt eines Kopfes steht vor Wolken. Das gesamte Bild ist in eine helle und in eine dunkle Seite geteilt. Die Mitte läuft genau durch diesen Menschen. Der Glühbirnenkopf ist auf der hellen Seite erleuchtet.
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Heiter statt wolkig Journalismus, der nach Lösungen sucht

Negative Nachrichten verkaufen sich gut, glaubt man dem gängigen Journalisten-Credo "Only bad news are good news". In den letzten Jahren setzen Redaktionen vermehrt auf den konstruktiven Journalismus und lenken in ihrer Berichterstattung den Blick auf potenzielle Lösungen. Was ist dran an dem Berichterstattungsmuster, das von einigen als  "Zuckerwatten"-Journalismus geschmäht und von anderen als ein "Weltbild, das Hoffnung macht" befürwortet wird?

von Michaela Reith

Ein Mensch mit einer Glühbirne statt eines Kopfes steht vor Wolken. Das gesamte Bild ist in eine helle und in eine dunkle Seite geteilt. Die Mitte läuft genau durch diesen Menschen. Der Glühbirnenkopf ist auf der hellen Seite erleuchtet.
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Wer durch Nachrichtenmagazine zappt oder sich durch Zeitungen blättert, dem springen Schlagzeilen zu Missständen, Skandalen und Katastrophen ins Auge. Negative und teils plötzliche Ereignisse wie Terroranschläge, Klimakatastrophen oder Kriege tauchen häufig in der Berichterstattung auf. Das liegt daran, dass JournalistInnen bewusst oder unbewusst nach bestimmten Nachrichtenfaktoren auswählen. Der Vorwurf an den sogenannten Breaking-News-Journalismus lautet daher, die Welt negativer darzustellen, als sie tatsächlich ist.

"Umfragen zeigen, dass Menschen die Welt viel schlechter sehen, als sie eigentlich ist", bestätigt der Medienwissenschaftler Dr. Uwe Krüger von der Universität Leipzig. "Das hat meines Erachtens damit zu tun, dass Journalismus sich auf kurzfristige und negative Ereignisse fokussiert - und langsame und auch positive Trends oftmals übersieht." Er führt Indikatoren wie die weltweit sinkende Analphabetenrate und die steigende Lebenserwartung an.

In Tibet gibt es das Sprichwort ‚Ein Baum der fällt, ist lauter als ein Wald der wächst‘. Wenn man nur negativ Bericht erstattet, dann hat man am Ende ein verzerrtes Bild im Kopf.

Dr. Uwe Krüger

Was ist konstruktiver Journalismus?

Uwe Krüger und Kathrin Hartmann 8 min
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Ein Ansatz - zwei Meinungen. Unsere Gesprächspartner, Kathrin Hartmann und Dr. Uwe Krüger, blicken auf den konstruktiven Journalismus. Nicht immer stimmen sie überein.

Mi 03.04.2019 15:01Uhr 07:51 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/konstruktiver-journalismus-104.html

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Dieser Wahrnehmung einer verzerrten, negativen Weltsicht entgegenzuwirken, ist das Ziel des konstruktiven Journalismus. Statt Zeilen oder Sendeminuten für die Darstellung eines Konflikts zu nutzen, will diese Art Journalismus den Blick auf potenzielle Lösungen lenken. JournalistInnen fragen neben dem "Was?" und "Wer?" verstärkt nach dem "Wie weiter?".

Im Zusammenhang mit "konstruktivem Journalismus" taucht deshalb auch oft "lösungsorientierter Journalismus" auf. Schnittmengen gibt es außerdem mit den Ansätzen des "Friedensjournalismus" und dem "Impact Journalism". Im Kern verbindet sie der Leitgedanke, Zusammenhänge, Langzeitentwicklungen und Zukunftsszenarien aufzuzeigen und Lösungsansätze und Handlungsmöglichkeiten zu präsentieren.

Unsere Gesprächspartner: Kathrin Hartmann und Dr. Uwe Krüger

Kathrin Hartmann arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin. Am Anfang ihrer Recherchen steht oft ein Konflikt. Sie schreibt über globale Themen wie Armut in der heutigen Gesellschaft oder Nachhaltigkeit als Geschäftsmodell. Sie wirkte in dem Dokumentarfilm "Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell" mit, schrieb das Drehbuch und das Buch zum Film. Sie sieht den journalistischen Ansatz, der Lösungen in das Zentrum stellt, kritisch: "Der Aufruf zu Ideen tut so, als wären die Weltprobleme ein großes Rätsel. Dabei ist die Antwort meist relativ einfach."

Dr. Uwe Krüger arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig (Lehr- und Forschungsbereich Journalismus). Er ist bis Dezember 2019 Mitglied im Rundfunkrat des Mitteldeutschen Rundfunks. Für die Publikationen "Meinungsmacht" und "Mainstream" bekam er 2016 den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik. Er hält den konstruktiven Journalismus als Berichtsmodell für sinnvoll: "Die Welt besteht nicht nur aus Problemen. Wer nur das kennt, steckt irgendwann den Kopf in den Sand. Engagement in der Demokratie braucht lösungsorientierte Berichterstattung, um sich Ideen zu holen und sie weiter verbreiten zu können."

Drei Redaktionen - drei Ansätze

Das klingt in der Theorie ganz gut, doch wie sieht es in der Praxis aus? Die Liste der Redaktionen, die Lösungen ins Zentrum rücken, ist lang. ZEIT ONLINE widmet seit Frühjahr diesen Jahres diesem journalistischen Ansatz eine eigene Rubrik: “Die Antwort“. Sie fragen unter anderem, wie Plastikmüll vermieden, Hasskommentare im Netz eingedämmt und der Klimawandel bekämpft werden kann. Sie wollen Menschen und Projekte zeigen, "die Lösung für die drängenden Problemen unserer Zeit suchen".

Auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern blicken Redaktionen auf Erfolgsgeschichten. Die ZDF-Dokumentationsreihe Plan B thematisiert, wie aktuelle Probleme in den Griff bekommen werden können.

Im Netz behandelt Perspective Daily hingegen in jedem Artikel Lösungsszenarien. Dass ein Onlinemagazin sich so allumfänglich zu diesem journalistischen Ansatz bekennt, ist in Deutschland selten. Die Vorbehalte sind oft groß. Ein Autoren-Duo formuliert es auf der Seite noch drastischer. "Wer gegen Konstruktiven Journalismus ist, hat ihn nicht verstanden", sagen sie.

Lösung erkannt, Gefahr gebannt?

Nicht jedes Format bietet sich für das Berichterstattungsmuster an, findet Kai Gniffke, Chefredakteur der ARD-Nachrichten. In einem 1:30-minütigen TV-Bericht hätte theoretisch kaum mehr als ein Ansatz Platz. Er gibt zu bedenken: "Wenn wir einen Lösungsweg für ein gesellschaftliches oder wissenschaftliches Problem aufzeigen, dann wirkt das für das Publikum so, als ob wir uns diesem Vorschlag zu eigen machen. Da haben wir mehr zu verlieren, als zu gewinnen."

Dr. Kai Gniffke 2 min
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Viele Redaktionen lenken in ihrer Berichterstattung bereits den Blick auf Lösungswege. Doch nicht jedes Format eignet sich, findet Kai Gniffke. MEDIEN360G hat er erzählt, wieso.

Mi 03.04.2019 15:09Uhr 02:13 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-kai-gniffke-102.html

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Auch die Journalistin Kathrin Hartmann kritisiert den Ansatz. "Ein Konflikt ist nicht immer negativ. Aus Konflikten entstehen auch Veränderungen", hält sie dagegen. Sie bezieht sich damit unter anderem auf die #fridaysforfuture-Bewegung. Mitte März gingen hunderttausende Demonstranten, hauptsächlich Schüler und Schülerinnen, gegen die aktuelle Klimapolitik auf die Straße. "Für mich hat es eine ganz tolle positive Kraft, die aus diesem Konflikt heraus entsteht. Ich glaube, dass das etwas ist, was der konstruktive Journalismus möglicherweise in Gefahr läuft, zu befrieden."

Kathrin Hartmann befürchtet, wenn sich JournalistInnen nur auf Erfolgsgeschichten und Lösungsansätze konzentrieren, dass sie damit an einem "per se schädlichen System" festhalten. "Das ändert aber nichts im Großen und Ganzen", so Hartmann.

Ein Beispiel: Eine Redaktion nimmt das Thema Klimawandel in den Blick. Die AutorInnen recherchieren zu Aktionen, Initiativen oder Unternehmen, die mit einer gelungenen Idee gegen den enormen Emissionsausstoß vorgehen. Sie berichten über Elektroroller, die Stadtverkehr und Umwelt in Deutschland entlasten sollen. In Bamberg wurden die ersten Roller mit Elektroantrieb für eine Testphase zugelassen.

Elektroroller sorgen zwar dafür, dass einzelne Verkehrsteilnehmer ihr Auto in der Garage stehen lassen, doch ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn Dieselautos, Kreuzfahrtschiffe und andere große CO2-Produzenten nicht reguliert werden.

Konstruktiver Journalismus steht deshalb in der Kritik, sich mehr als problemorientierter Journalismus von PR und Werbung vereinnahmen zu lassen. Kathrin Hartmann führt das sogenannte Green-Washing internationaler Großkonzerne an, die mit ökologischen Kampagnen von einem Geschäftsmodell ablenken würden, das der Umwelt letztendlich schade. Fehlgeschlagen sei beispielsweise die begeisterte Berichterstattung über Mikrokredite. Sie wurden als nützliches Instrument zur Armutsbekämpfung gehandelt, auch wenn der Effekt mittlerweile umstritten ist. Von Journalisten verbreitete Erfolgsgeschichten halten den Mythos aufrecht, gibt sie zu bedenken.

Der Blick auf mögliche Lösungen entbinde JournalistInnen jedoch nicht von der Pflicht, die Interessen der Porträtierten zu hinterfragen, die als Problemlöser auftreten, mahnt auch Uwe Krüger. Abstand und einen unverstellten Blick zu bewahren, sei generell eine Herausforderung, egal bei welcher Strömung des Journalismus. Doch räumt er auch ein: "Sicherlich hier noch mal verstärkt, weil man natürlich auch positive Messages unter das Volk bringen möchte." Über Titel wie "Wohlfühl-Journalismus" ärgert er sich dennoch. "Guter konstruktiver Journalismus, der zeigt auch negative Effekte von Lösungsversuchen. Je größer das Problem, desto komplexer müssen die Antworten ausfallen", sagt er.

Unser Gesprächspartner: Dr. Kai Gniffke

Kai Gniffke ist seit 2006 Chefredakteur für ARD-aktuell. Die ARD-aktuell-Redaktion ist für die Nachrichten im Ersten, tagesschau, tagesthemen, nachtmagazin und wochenspiegel, zuständig.

Qualität kostet

Quellenvielfalt, Pressereisen zum Ort des Geschehens, Langzeitbeobachtung – all das kostet. Konstruktiver Journalismus sei, wenn man ihn gut machen möchte, deshalb nicht weniger kostenintensiv als investigativer, meint Uwe Krüger. Beim lösungsorientierten Berichterstatten dürfe man keine Qualitätsabstriche machen. Wenn Redaktionen die Ressourcen fehlen, könnten Stiftungen oder Stipendien Recherchereisen finanzieren.

Auf Geschichten zu setzen, die Mut machen, könne sich aber auch für die Redaktionen lohnen. Das Onlinemagazin Perspective Daily gewann mit seiner Ausrichtung auf Lösungsgeschichten zu Beginn 14.000 Abonnenten und finanzierte sich auch im darauffolgenden Jahr über seine Leserschaft. Zwei von drei lösungsorientierten Sonderausgaben der taz verkauften sich am Kiosk bis zu zehn Prozent über den Durchschnitt. Eine war sogar die meistverkaufte taz-Auflage des Jahres.

Zwar ist auch Kathrin Hartmann der Meinung, dass es für guten Journalismus "gar nicht genug Ressourcen" personeller und finanzieller Natur geben sollte, aber auch Stiftungen hätten ihre Fallstricke. Sie zweifelt an, dass Investitionen keinen Einfluss auf die Berichterstattung hätten. Bestehende Stiftungen wie die von Bill und Melinda Gates fördern das weltweit agierende Journalistennetzwerk Solution Journalist Network. Es passe für sie nicht zusammen, dass die Gates-Foundation gleichzeitig in Gentechnik und Agrartechnik investiert und in ein lösungsorientiertes Journalistennetzwerk.

Zusammengefasst

Für Kritiker ist die Lösung das Problem, für Befürworter ist das Problem das Problem. Die öffentliche Debatte um diese Form der Berichterstattung zeigt, dass kein Konsens existiert, wie und in welchem Umfang Redaktionen lösungsorientierte Berichterstattung für sich definieren und anwenden wollen. "Nicht zu versuchen, am anderen Ende der Zerstörung nach einer Lösung zu suchen, sondern die Ursachen beleuchten", fordert Kathrin Hartmann "Damit wir wissen, gegen wen wir uns wehren müssen". Uwe Krüger schlägt vor, den konstruktiven Journalismus als Ergänzung zum missstandsaufhellenden Investigativ-Journalismus zu betrachten, denn: "Beides zusammen kann die Welt verbessern".

Zuletzt aktualisiert: 08. April 2019, 09:08 Uhr