MaLisa Studie: Weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien Das zufällig überkreuzte Bein

Beauty gibt Sicherheit, Inhalte gefährden das Renommee - das ist eine der Erkenntnisse einer aktuellen Diversitätsstudie im Auftrag der MaLisa-Stiftung. Während die sozialen Netzwerke zwar insgesamt etwas bunter und diverser daherkommen als herkömmliche Medien, erinnert das Bild, mit dem sich junge Frauen auf Instagram, Youtube & Co inszenieren, eher an die 50er Jahre als an eine gleichberechtigte, moderne Gesellschaft.

von Johanna Kiesler

Teaserbild MaLisa-Studie 2019 2 min
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MaLisa-Studie: Weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien

Frauen ohne Kopf, immer gleiche Posen, geschlechterstereotype Themen: Dass das selbstinszenierte Rollenbild im Netz weder modern noch gleichberechtigt anmutet, zeigt eine Studie der MaLisa-Stiftung.

Do 31.01.2019 15:36Uhr 01:58 min

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Es war angeblich ein Musikvideo der Sängerin Rihanna, das den Ausschlag zu dieser Studie gab: Elisabeth Furtwängler, die Tochter der Schauspielerin Maria Furtwängler und Mitbegründerin der MaLisa-Stiftung, war verstört von der sexualisierten Darstellung von Frauen in derartigen Filmen. Und sie fragte sich, ob ihr Eindruck lediglich subjektiv sei oder sich belegen lasse. Das erschreckende Ergebnis der daraufhin beauftragten Studie: Weder in Musikvideos noch in sozialen Netzwerken wie Youtube und Instagram zeigt sich ein Geschlechterbild, das den Namen "modern" verdient hätte.

Frauen ohne Kopf

Um die Geschlechterdarstellungen in Musikvideos zu untersuchen, analysierte das Internationale Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) unter der wissenschaftlichen Leutung von Dr. Maya Götz mehr als 300 beliebte Musikvideos und befragte über 700 Jugendliche zu ihrer Rezeption dieser Filme.

Ins Auge stach zunächst das ungleiche Geschlechterverhältnis: Ähnlich wie im linearen Fernsehprogramm (siehe Vorgängerstudie der MaLisa-Stiftung zur "Audiovisuellen Diversität") sind auch in den angesagtesten Musikvideos Frauen deutlich unterrepräsentiert. Auf zwei männliche Sänger kommt lediglich eine weibliche Sängerin. Darüber hinaus werden Frauen in den Videos sehr häufig sexualisiert und als dem Mann untergeordnet dargestellt. Dazu kommt nicht nur die überwiegend sexualisierte Kleidung der Frauen, sondern auch die Kameraeinstellung: Während Männer meist als Ganzes gezeigt werden, kommt der Frauenkörper häufig nur in Ausschnitten vor: Brüste, Beine, Po - über die Hälfte der Videos zeigen Frauen ohne Kopf.

Doch Anlass zur Revolution in der Zielgruppe gibt das nicht - im Gegenteil: 75% der Jugendlichen finden solche Musikvideos völlig normal und orientieren sich sogar daran. "Mädchen wollen so aussehen, wie die Frauen in den Videos und Jungs wollen eine Freundin haben, die so ist" fasst Dr. Maya Götz ihre Befragungsergebnisse zusammen.

Überkreuzte Beine, s-förmige Körper

Während hinter Musikvideos meist Produktionsfirmen stecken, die die Menschen bildlich in Szene setzen, findet in sozialen Netzwerken wie Instagram in erster Linie eine Selbstinszenierung statt. Wie vor allem Mädchen ihre Posts dort gestalten, worauf sie achten und woran sie sich maßgeblich orientieren, wurde ebenfalls von Dr. Maya Götz und den Wissenschaftlern des IZI untersucht. Mit Hilfe von Einzelfallstudien, Bildanalysen und Rezeptionsbefragungen fanden sie unter anderem heraus, dass sich in der Selbstinszenierung sogenannter Influencerinnen (also Mädchen, die über eine sehr große Anzahl von Followern verfügen) immer wiederkehrende Muster und Posen finden lassen. Typisch seien laut Götz zum Beispiel: das zufällig überkreuzte Bein (liebenswürdig), der s-förmig gebogene Körper (sexy), der vermeintlich zufällige Blick über die Schulter (unschuldig) oder der angewinkelte Arm mit der Hand wie beiläufig im Haar (sinnlich).

Gerade Mädchen, die solchen Influencerinnen folgen, legen den Wissenschaftlern zufolge großen Wert darauf, auf ihren eigenen Bildern möglichst gut gelaunt, schlank und "natürlich" auszusehen. Um das zu erreichen, verwenden viele Mädchen auf Instagram Filter oder bearbeiten ihre Bilder nachträglich, um ihre Brüste größer (21%), Taille oder Hüfte schlanker (19%) oder ihre Beine länger zu machen (14%). Mit solchen Optimierungstricks wird eine scheinbare Normierung geschaffen, der ein großer Teil der Mädchen nacheifert. Damit kommt es "zu einer Verzerrung des Verständnisses von 'natürlich' und 'spontan'", heißt es in der Studie.

Männer haben Ahnung, Frauen haben Hobbies

Und auch die Analyse von Youtube zeigt deutliche Unterschiede im Selbsinszenierungsverhalten von Männern und Frauen. Durchgeführt von der Universität Rostock und der Filmuniversität Babelsberg unter der Leitung von Prof. Elizabeth Prommer und Prof. Claudia Wegener, zeichnet die Studie ein bekanntes Bild: Mal wieder viel mehr Männer als Frauen. In fast 70% der untersuchten 1000 Youtube-Kanäle waren Männer als Hauptakteure auszumachen, während Frauen nur in 29% der Videos im Vordergrund agierten.

Die Themen der Youtube-Kanäle orientieren sich größtenteils an klassischen Rollenbildern: Während Frauen fast ausschließlich im "How-to-Genre" anzutreffen sind, also sich auf beratende Videos über Schönheitsoptimierung, Mode, Ernährung, Haushalt und Beziehungen konzentrieren, zeigen Männer in ihren Themen eine deutlich größere Vielfalt: von Musik und Film, über Comedy und Politik, bis hin zu Technik und Sport scheinen sich die Interessen männlicher Youtuber weit zu verteilen. Und: während Frauen eher von ihrem Hobby oder ihrer Passion erzählen und ihre Inhalte sich überwiegend im privaten Bereich abspielen (71% der Frauen zeigen sich in ihrer Wohnung), präsentieren Männer selbstbewusst ihre Kompetenz und deklarieren ihre Tätigkeit als professionelles Handeln. Außerdem bewegen sie sich deutlich häufiger als Frauen im öffentlichen Raum. Ein Geschlechterbild "fast wie in den 50er Jahren" - wie Elizabeth Prommer erklärt.

Warum sich Mädchen auf ein solch enges Themenfeld zu beschränken scheinen, ist den befragten Jugendlichen zufolge ebenfalls eine Reaktion auf gesellschaftliche Stereotype. Mädchen empfinden "Beauty" als sicheren Bereich und haben Angst auf negative Reaktionen zu stoßen, wenn sie diesen Themenbereich verlassen. Werbepartner könnten abspringen, wenn junge Frauen sich zu für sie unpassenden Themen äußerten oder allzu divers ihre Meinung sagten. Eine finanzielle Absicherung, um von Werbepartnern unabhängiger zu sein und die größere Sichtbarkeit alternativer Rollenvorbilder würde nach Aussage der befragten Youtuberinnen helfen, mehr Vielfalt zu zeigen.

Wer fängt an mit Ehrlichkeit?

Doch so richtig damit anzufangen, das trauen sich bislang erst wenige. Eine von denen, die es zumindest versuchen, ist (Germanys Next Top)-Model Stefanie Giesinger. Auch wenn sie als Model zahlreiche bearbeitete Fotos von sich selbst in inszenierten Posen veröffentlicht, gibt sie in ihren Instagram-Stories viel Privates von sich preis und spricht offen über Krankheiten, Pickel und Peinlichkeiten. Sie möchte damit ihren Followern zeigen, dass es okay ist, nicht perfekt zu sein. "Ich bekomme für meine privaten Stories viel mehr Likes als für professionelle Bilder. Das zeigt mir, dass die Leute echte Menschen sehen wollen."

Trotzdem sei es für Menschen wie Stefanie Giesinger, die einem klassischen Schönheitsideal entsprechen, relativ einfach, sich im Internet zu präsentieren, weil sie ohnehin im Allgemeinen postives Feedback bekommen, findet Tarik Tesfu, Moderator des funk-Formats Jäger & Sammler. "Die Frage ist, wer darf sich überhaupt selbst inszenieren. Zu sagen 'Liebe dich selbst!' ist ein Privileg, wenn man groß und schlank ist."

Dass einem im Netz schnell Vorurteile entgegenschlagen, wenn man nicht so ist oder sich so verhält, wie es die meisten erwarten, hat auch die Rapperin Eunique erlebt. Als sie als Frau zum ersten Mal ein Freestyle-Rap-Video auf Youtube hochstellte, blieben die Kommentare nicht aus. "Die haben gesagt, du sollst nicht rappen, du sollst kochen! Und ich dachte nur: Hä? Ich kann doch gar nicht kochen!" erzählt Eunique, die in ihren Songtexten die Welt aus einer weiblichen Perspektive beschreibt und Sexismus den Kampf ansagt. Sie findet es gut, dass Künstler dank sozialer Netzwerke eigentlich die Möglichkeit haben, ihr Image selbst zu bestimmen, statt immer nur von Produktionsfirmen oder Kamerateams inszeniert zu werden und damit vielleicht ein Bild aufgedrängt zu bekommen, das gar nicht zu ihnen passt. Man müsse diese Möglichkeit aber auch nutzen.

Wünschenswert, da sind sich die Wissenschaftler und Aktivisten einig, wären mehr Kanäle mit diverseren Menschen, diverseren Themen und diverseren Meinungen. So wie das funk-Format "Auf Klo" zum Beispiel, das auf Youtube und Instagram regelmäßig Themen und Menschen bespricht, die aus dem Muster fallen.

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2019, 16:37 Uhr