Schriftzug Themenauswahl sowie fünf Glühbirnen. Eine davon ist erleuchtet. Eine Hand nimmt diese aus einer Reihe.
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Wegweiser in der Informationsflut Wie Redaktionen ihre Themen auswählen

Was morgens in der Zeitung steht oder mittags im Radio läuft, ist weder eine Bauchentscheidung einzelner Journalist:innen noch die Anordnung der Kanzlerin. Verschiedenste Faktoren wirken sich auf die Themenauswahl redaktioneller Medien aus, etwa die Zusammensetzung der Redaktion, die Berichterstattung anderer Medien – aber auch den Finanzen und Nutzer:innen.

von Nora Frerichmann

Schriftzug Themenauswahl sowie fünf Glühbirnen. Eine davon ist erleuchtet. Eine Hand nimmt diese aus einer Reihe.
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Wie sehr würde es unseren Job erleichtern, wenn jeden Morgen ein Anruf vom Bundeskanzleramt käme. Angela Merkel: „Heute bitte über X, Y und Z berichten!“ Das würde wohl jede Menge Diskussionen, Abwägungen, Recherche und Postfach-Sortiererei ersparen – vor allem angesichts der Informationsflut, mit der Journalist:innen mittlerweile jeden Tag konfrontiert werden.

Porträt von Jana Hahn mit Schriftzug "Im Gespräch mit Jana Hahn" 9 min
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Für MDR-Chefredakteurin Jana Hahn ist entscheidend, dass Redaktionen wieder heterogener werden, "um die Themenvielfalt in den Redaktionen zu gewährleisten.“

Di 19.02.2019 14:04Uhr 08:31 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-jana-hahn-100.html

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Zum Glück telefoniert die Kanzlerin aber nicht jeden Morgen Deutschlands Redaktionen ab und gibt Themenvorgaben oder -verbote durch. Sonst würden die meisten von uns ihren Job sicher ganz schnell an den Nagel hängen. Denn die Entscheidung über die Frage „Was ist heute eigentlich wichtig?“ ist eine der grundlegendsten und spannendsten des Journalistenberufs. Denn sie stellt das eigene Weltbild immer wieder in Frage.

Was letztendlich in der Zeitung, im Radio, TV oder auf einem Online-Portal landet, ist auch abhängig von gewissen Nachrichtenfaktoren, die Journalist:innen einem Ereignis zuschreiben. Bei der Themenfindung spielen aber auch redaktionelle Leitlinien und die Zielgruppe eine Rolle. Eine Lokalzeitung wird etwa andere Auswahlkriterien haben als die Redaktion einer bundesweit ausgestrahlten Nachrichtensendung und Journalist:innen bei einer jungen Radiowelle achten wiederum auf andere Punkte.

Zur Person Jana Hahn

Jana Hahn ist Zweite Chefredakteurin des Mitteldeutschen Rundfunks. Nach einem Journalistik-Studium in Leipzig arbeitet sie seit 1992 beim MDR. Zunächst als Nachrichtenredakteurin, Chefin vom Dienst und Planerin beim Nachrichtenradio MDR Info. Dort wird sie 2012 Programmchefin. Seit 2016 ist sie Vize-Chefredakteurin beim MDR und Vorsitzende der AG Information Arbeitsgemeinschaft der ARD-Radiochefredakteure.

Themenauswahl ist Diskussionsprozess

In Nachrichtenredaktionen findet ein großer Teil der aktiven Themenauswahl in einer morgendlichen Konferenz statt. Hier schlagen die einzelnen Journalist:innen Themen vor, es wird diskutiert, was für das Medium berichtenswert ist und im Laufe des Tages oder der Woche wichtig werden könnte, welche Aspekte davon aufgegriffen werden können, wo es eventuell Lücken in der Berichterstattung gibt, was in den vergangenen Tagen hätte besser gemacht werden können, worauf es besonders zu achten gilt. Auch was Nachrichtenagenturen oder Korrespondenten anliefern, spielt eine Rolle.

In den allermeisten Redaktionen gibt es bestimmte Hierarchien: z.B. Chefredakteur:in, Chef:in vom Dienst, Redakteur:in vom Dienst, Ressortleiter:innen, Redakteur:innen. Natürlich hat die Entscheidung der oder des Höhergestellten Gewicht. Die Themenauswahl ist dennoch ein Aushandlungs- und Diskussionsprozess aller Redaktionsmitglieder, der auch mal in eine Grundsatzdebatte über die Aufgaben des Journalismus ausarten kann, wenn verschiedene Ansichten aufeinanderprallen.

In der News-Bias-Forschung werden Ursachen von einseitiger Berichterstattung und politischen Tendenzen von Journalist:innen untersucht. Demnach neigen Journalisten dazu, sich bei der Nachrichtenauswahl auch nach ihrer eigenen politischen Linie zu richten und unterbewusst solche Informationen und Sichtweisen zu bevorzugen, die den eigenen Annahmen entsprechen. Dieses Phänomen des „Bestätigungsfehlers“ („Confirmation Bias“) beschränkt sich allerdings nicht nur auf Journalist:innen, sondern gilt in der Kognitionspsychologie als grundsätzlicher Ideendefekt des menschlichen Denkens. Um Einseitigkeit zu vermeiden, gilt deshalb der Grundsatz, alle beteiligten Akteure eines Konflikts oder Problems zu Wort kommen zu lassen.

Da der Themenfindungsprozess also von den Grundeinstellungen und Perspektiven der einzelnen Redaktionsmitglieder geprägt ist, gibt es immer wieder Kritik an einer fehlenden Vielfalt in Redaktionen. Denn ein Gros der Journalist:innen kommt beispielsweise aus Akademikerhaushalten und der oberen Mittelschicht, viele der Politikjournalist:innen ordnen sich auf einer rechts‐links‐Skala etwas links von der Mitte ein, Menschen mit Migrationshintergrund oder etwa Behinderungen sind im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung kaum vertreten und die Führungspositionen im Rundfunk wie auch bei den Zeitungsverlagen meist männlich besetzt.

Mehr Zeit für exklusive Recherche

Porträt von Armin Scholl mit Schriftzug "Im Gespräch mit Armin Scholl" 6 min
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In Redaktionen wird häufig zu schnell auf Hypes aufgesprungen. Davon ist Armin Scholl, Professor für Kommunikationswissenschaft, überzeugt. Der Grund: Medien suchen immer das Außergewöhnliche für ihre Berichterstattung.

Di 19.02.2019 14:02Uhr 05:46 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-armin-scholl-100.html

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Bei der Themenauswahl spielen, vor allem in Zeiten des Internets, aber auch Faktoren außerhalb der Redaktion eine Rolle. Nach der Theorie des Intermedia-Agenda-Settings finden in Mediensystemen verschiedene Austauschprozesse statt:

Medien sind gegenseitig Wegweiser in der Informationsflut und beeinflussen sich mit ihrer Themenauswahl. So gibt es in jedem Mediensystem bestimmte Leitmedien: etwa große, überregionale Zeitungen oder Nachrichtensendungen wie die „Tagesschau“, an deren Themen und -interpretation sich andere Medien orientieren. Gleiches kann auch für besonders angesehene Redaktionen oder Journalist:innen gelten. Verstärkend spielen hier auch wirtschaftlicher Druck und die Konkurrenz zu anderen Medienhäusern eine Rolle. Denn Inhalte von direkten Konkurrenten werden von Redaktionen tendenziell eher aufgegriffen, um gegenüber Rezipient:innen nicht im Nachteil zu sein.

Um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, ist es allerdings auch wichtig, selbst exklusive Recherchen zu bringen. Das ist aber in der Regel mit deutlich mehr finanziellem und zeitlichem Aufwand verbunden, als Pressemitteilungen zu verwerten, über Unfälle zu berichten oder zu Pressekonferenzen zu gehen und wird angesichts sinkender Werbeeinnahmen und Personalknappheit nicht unbedingt einfacher.

Zur Person Prof. Dr. Armin Scholl

Armin Scholl ist ein deutscher Kommunikationswissenschaftler und Journalismus-Forscher. Er ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seine Themenschwerpunkte sind: Journalismusforschung, Theorien und Methoden der Kommunikationsforschung sowie alternative Medien/Gegenöffentlichkeit.

Medien als gesellschaftliche Informationsfunktion

Einerseits bieten Strategien wie die Orientierung an anderen Medien eine gewisse Richtschnur in der Informationsflut. Andererseits kritisiert dabei aber z.B. der Kommunikationswissenschaftler Hans Matthias Kepplinger, Journalismus laufe so Gefahr, sehr selbstreferenziell zu werden und den Bezug zur sozialen Realität des durchschnittlichen Bürgers zu verlieren.

Die Kommunikationswissenschaftler Armin Scholl und Siegfried Weischenberg weisen in dem Zusammenhang allerdings auch darauf hin, dass redaktionelle Medien kein genaues Spiegelbild der Wirklichkeit erzeugen, sondern „eingehendes ‚Rohmaterial‘ zu einer medialen Wirklichkeit mit eigener Qualität“ zusammensetzen. Solche systeminternen Regeln und Orientierungen seien ausschlaggebend dafür, dass Medien ihre gesellschaftliche Informationsfunktion erfüllen können. Referenzen innerhalb des Mediensystems und Verbindungen nach außen schlössen sich dabei nicht gegenseitig aus.

Aber was wird eigentlich getan, wenn Rezipienten unzufrieden sind und fordern, ein Thema wegzulassen oder mehr zu beachten? Die Entscheidung wird meist je nach Einzelfall getroffen. So wurde der „Tagesschau“ etwa im Sommer 2018 vorgeworfen, nicht über eine tödliche Messerattacke auf einen Arzt im baden-württembergischen Offenburg berichtet zu haben. ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke nutzte dabei den Blog der „Tagesschau“ um die Hintergründe der Entscheidung zu erklären. Bei einem anderen Mordfall in Freiburg hatte die Redaktion erst ebenfalls nicht berichtet, als ein Tatverdächtiger gefasst wurde. Nach viel Kritik in sozialen Medien und einer großen Berichterstattung auf anderen Sendern entschied die Redaktion sich allerdings um.

Andersherum ist es den meisten Journalist:innen wohl auch schon passiert, dass sie Menschen aus Politik, Wirtschaft oder Medien am Telefon hatten, die sie dazu bewegen wollten, nicht über ein Thema zu berichten. Dabei ist jedem Journalisten das Standing und auch die Unterstützung seitens der Redaktion zu wünschen, trotzdem dabei zu bleiben, ausgewogen zu berichten und alle Seiten einzubeziehen.

Es bleibt zu rekapitulieren: Die Themenauswahl wird nicht nur von einzelnen Journalist:innen aus dem Bauch heraus getroffen, sondern richtet sich nach Redaktion, Medium und Mediensystem inklusive Leser, Hörerinnen, Zuschauer und Nutzerinnen. Das alles wirkt auf die Berichterstatter:innen. Was von redaktionellen Medien letztendlich als Nachricht, Bericht, Reportage oder Hintergrundstück verbreitet wird, ist das Ergebnis eines komplexen, teils aktiven, teils unterbewussten Auswahl- und Produktionsprozesses.

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 09:47 Uhr