Das Altpapier am 13. November 2019

von René Martens :
Von wegen hypersensible Jugend!

Schön wär’s, wenn sich Tagesthemen und Heute-Journal in ihren Schwerpunktsetzungen stärker unterschieden. Schön wär’s auch, keine Märchen über “Meinungsdiktate“ an US-Unis mehr lesen zu müssen. Ein Altpapier von René Martens.

Das Wörtchen Freiheit ist gewiss nicht selten missbraucht worden in der Geschichte der Menschheit, aber die Art, wie es Marion Horn, die gewesene Chefredakteurin der Bild am Sonntag, für ihre Käseblattmacherei in Anschlag bringt, ist schon ziemlich exquisit.

Danke für 20 Jahre Freiheit @axelspringer", twittert sie zum Abschied, denn nun ist es ja vorbei mit der Freiheit, die sie meint. Beziehungsweise: “Eine eigenständige Redaktion ist (…) eine wichtige Basis für meine Art des Journalismus.“ Dieses Horn-Zitat steht in der Verlagsmitteilung - unter anderem die taz hat’s aufgegriffen -, und es bezieht sich auf die von den heutigen Sachwaltern des Heiligen Axel beschlossene Zusammenlegung von Bild und BamS (Altpapier).

Im Podcast des Gewerkschaftsmagazins M - Menschen Machen Medien erwähnt Bildblog-Macher Moritz Tschermack unter anderem, dass die Bild-Zeitung und Bild am Sonntag zwar “stärker als vergleichbare“ Titel an Auflage verliere, bild.de aber “wahnsinnige Abrufzahlen“ habe. Und:

“Ich finde durchaus, dass (…) im Vergleich zu (…) 2010, 2012 die Berichterstattung der Bild-Medien noch einmal an Heftigkeit zugenommen hat. Es gab schon immer, und das darf man auch nicht verklären, unter Kai Diekmann als Chefredakteur (…) eklige, üble Kampagnen. Die Anti-Griechenland-Kampagne fand unter Kai Diekmann statt. Das war ekelhaftester Boulevardjournalismus.“

Die “Frequenz solcher Geschichten“ habe aber unter Julian Reichelt zugenommen, und das dürfte - um nun den Bogen zurück zu schlagen zur eingangs erwähnten Personalie -, angesichts der Fusion der beiden Redaktionen künftig auch für die von Horn verlassene Bild am Sonntag gelten.

Zu den Evergreens deutscher Meinungsdiktats-Heraufbeschwörer gehören Erzählungen von Vorfällen an US-Universitäten. Die FAZ hat nun einen Artikel aus der aktuellen FAS (€) online gestellt, in dem sich Adrian Daub von den USA aus mit diesem medialen Phänomen bzw. der “Legende vom Meinungsdiktat“ befasst. Ihm ist aufgefallen,

“wie sehr die so beliebten Geschichten zu Exzessen politischer Korrektheit (…) auf (…) Anekdoten fußen. Genauer gesagt: auf immer denselben Anekdoten, wiederholungsreich und variantenarm durchgekaut von noch einem, der endlich mal ausspricht, was man nicht mehr sagen dürfe, was aber frappierend dem ähnelt, was jemand letzte Woche schon ausgesprochen hat.“

Es liege der

“Verdacht nahe, dass es sich vor allem um ein mediales Phänomen handelt. Jeder Lehrende begegnet in den Vereinigten Staaten Studierenden, die sich an den Inhalten der Kurse reiben, die sich dreist Sonderprivilegien erstreiten wollen. Aber wir begegnen ihnen in den Medien eigentlich häufiger als in unseren Hörsälen. Vielleicht ist die Frage nicht, wo die neue Hypersensibilität unserer Studierenden herkommt, sondern der Wunsch, ihnen unbedingt Hypersensibilität unterstellen zu wollen.“

Auffällig, so Daub weiter, sei,

“dass immer mit denselben, endlos wieder aufgefrischten Beispielen operiert (…) wird. Am Anfang jedes Texts über 'Snowflakes‘, 'Safe Spaces‘ oder 'politische Korrektheit‘ steht generell immer ein Wust kleinteiligster Episoden, die sich mosaikartig zu einem großen Panorama bedrohter Meinungsfreiheit und hypersensibler Jugend zusammensetzen sollen.“

Es würden letztlich “immer dasselbe Dutzend Mosaiksteine verbaut“, und “angesichts von fünftausend Universitäten und Colleges in den Vereinigten Staaten“ sei die “Konzentration auf einige ikonische Momente“ allemal erstaunlich.

Anlässlich des mit dem gestrigen Start von Disney+ in den USA, Kanada und den Niederlanden langsam beginnenden “Streaming-Kriegs“ (Altpapier von Dienstag) bzw. “Kriegs der Streamer“ (Zeit Online) hat Brigitte Baetz für @mediasres mit DWDL-Mastermind Thomas Lückerath gesprochen. “Wer soll das eigentlich alles anschauen?“, fragt Baetz angesichts der künftigen Konkurrenzsituation. Mit anderen Worten: Wer soll das alles kaufen bzw. abonnieren? Das sei die falsche Frage, meint Lückerath, “kein Mensch“ frage Vergleichbares, wenn es um den “Buchmarkt“ gehe.

Für Sender wie etwa Pro Sieben seien die Folgen von Disneys “Einstieg in die Streamingwelt“, der den “Anfang einer Entwicklung, in der die klassischen Hollywoodstudios ihre eigenen Plattformen aufbauen“ markiere (Oliver Schütte im gerade verlinkten Zeit-Online-Artikel), in ihrer “gesamten Wucht noch gar nicht abschätzbar“, findet Lückerath. Und was - das fragt Baetz auch - hat das Ganze für Folgen für die Öffentlich-Rechtlichen?

“Diese Streamingplattformen sind großes, internationales Entertainment. Das gab es immer schon.“

Für einer Konkurrenz fürs Informationsangebot von ARD und ZDF könne daher keine Rede sein, diese sollten sich also “nicht wahnsinnig machen“ lassen von den “Materialschlachten“ der Streaming-Anbieter.

Ob es nicht zielführend wäre, wenn sich die Öffentlich-Rechtlichen auf dem Feld der Information untereinander ein bisschen mehr Konkurrenz machten - den Gedanken bringt Altpapier-Autor Christian Bartels in seiner zweiten Kolumne für die Medienkorrespondenz ins Spiel. Konkret geht es um die nicht allzu phantasievolle Interviewpartnerwahl von Tagesthemen und Heute-Journal.

Ausgangspunkt der Argumentation ist ein Tag, an dem die von Annegret Kramp-Karrenbauer auf die Agenda gesetzte “internationale Sicherheitszone“ für Nordsyrien durch die Nachrichten rauschte. Kramp-Karrenbauer, die sich dadurch, tja, auszeichnet, in TV-Interviews “beinhart genau das (zu) sagen, was sie sagen möchte, und sich dabei von gestellten Fragen höchstens leicht beeinflussen zu lassen“, zeigte diese Eigenschaft an eben jenem 21. Oktober:

“(E)s war ein Montag, an dem sie ihren Vorschlag zuerst im ZDF-Heute-Journal und dann in den ARD-Tagesthemen der Öffentlichkeit vorstellte (…) Kramp-Karrenbauer sagte in beiden öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen unmittelbar nacheinander weitgehend dasselbe. Das ist ein Problem, zumal so etwas nicht eben selten vorkommt. Eine Woche darauf wurde “der Kevin Kühnert der CDU“, wie Heute-Journal-Moderatorin Marietta Slomka den Junge-Unions-Bundesvorsitzenden Tilman Kuban nannte, ebenfalls am selben Abend im Heute-Journal und in den Tagesthemen interviewt (…) Tags drauf (am 29. Oktober) sprach mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther ein weiterer jüngerer Mann der CDU seine anschließend für kurze Zeit vieldiskutierte Formulierung von “älteren Männern […], die vielleicht nicht ihre Karriereziele erreicht haben“ in dieser Formulierung nur im Heute-Journal aus. In den Tagesthemen (bei Min. 6.00) sagte er so ziemlich dasselbe (“alte Herren“, die “in ihrem politischen Leben das nicht erreicht haben, was sie erreichen sollten“), jedoch nicht zu Moderatorin Caren Miosga, sondern nur in einem Filmbeitrag in ein Reportermikro.“

Hier kommt imho zum Ausdruck, dass die politikjournalistischen Ambitionen dieser Sendungen eher gering sind, es gibt hier kein nennenswertes Interesse an Analysen, man will vor allem die vermeintlichen “Knallerzitate“ (Bartels) des abgelaufenen Tages noch einmal neu serviert bekommen, will also Teil sein der großen Zitat-Zirkulationsmaschine - wobei die “Knallerzitate“, wie bei den eben erwähnten Beispielen Kuban und Günther, ja sehr oft aus der Personaldebattenfolklore stammen, also aus einem von den Parteien mit Blick auf die Journalisten fleißig gepflegten Entertainmentgenre. Falls es eines Belegs für die Misere des öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus noch bedurfte: Dass Marietta Slomka einen analogen Bot wie Tilman Kuban als “Kevin Kühnert der CDU“ bezeichnet, ist kein gar nicht mal so schlechter. Was ich jetzt keineswegs als indirekte Würdigung Kühnerts verstanden wissen möchte.

Die beide heute die FAZ-Medienseite dominierenden Texte beschäftigen sich mit der Geschichte und Gegenwart des öffentlich-rechtlichen Fernsehens - und zwar in den Bereichen Serie, Unterhaltung und Kinderfernsehen.

Zum einen begründet Heike Hupertz (Blendle, 55 Cent), warum es “verdienstvoll ist“, dass 3sat heute ei­nen mehr als fünfstündigen Themenabend der “großen Nachkriegsshow“ widmet. Zum anderen macht dort der frühere BR-Programmmanager Andreas M. Reinhard - er “war 32 Jahre im Geschäft, siebzehn Jahre Unterhaltung, dann fünfzehn Jahre Kinderprogramm“ -, was ehemals öffentlich-rechtliche Redakteure gern tun: Er rechnet mit seinem alten Laden ab. Was natürlich nicht heißt, dass es falsch ist, was Reinhard in dem Interview (ebenfalls für 55 Cent bei Blendle) erzählt, im Gegenteil. Unter anderem sagt er:

“Wir sehen die 'Lindenstraße‘ seit zehn Jahren sterben. Es wird aber drei Jahre dauern, bis etwas Neues kommt. Und auf den neuen Plattformen wird jede Woche eine neue Serie rausgepustet. In der ARD gibt es 'In aller Freund­schaft‘ (1998) und 'Um Himmels Willen‘ (2002) gefühlt seit dreißig Jahren. Es kann doch nicht sein, dass man den Gebührenzahlern (sic! - RM) so wenig Innovatives anbietet.“

Und über das Genre, in dem es noch viel schlimmer aussieht, sagt er:

“Ich kenne kein öffentlich-rechtliches Unterhaltungsformat der letzten zwanzig Jahre, das einen Trend gesetzt hätte.“

Erst recht “traurig“ sei es natürlich, dass “man heute 45 Jahre alte Talkshows aus dem Dritten ins Erste bringt“. Gemeint ist diese.

Wer noch Popcorn übrig hat von der Lektüre der Enthüllungsgeschichte über Umdichtungen des Wikipedia-Eintrags zu Claas Relotius (Altpapier), kann sich freuen, denn jetzt gibt es einen neuen tendenziellen Blockbuster über einen mutmaßlichen Lexikonfälscher. Aufgedeckt hat’s Lars Wienand für t-online, und es geht um die die SPD, also den 1. FC Kaiserslautern des Politikbetriebs - beziehungsweise um “einen tief gestürzten Hoffnungsträger“ der an tief gestürzten Hoffnungsträgern nicht armen Partei, der sich als Wikipedia-Autor “Sciman“ nennt und in dieser Eigenschaft mutmaßlich Einfluss auf den Wahlkampf um den Parteivorsitz zu nehmen versuchte.

Für Leser, denen diese Passage bisher zu launig war, schwenken wir nun ins Trockene:

“In der Wikipedia-Gemeinde und Teilen der SPD wächst der Unmut über Änderungen in den Beiträgen über Kandidaten für den SPD-Vorsitz. Anhänger von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sehen dort Versuche durch einen Nutzer, Porträts in dem Nachschlagewerk einseitig zu verändern (…) Die Einträge zu Scholz und Geywitz wurden um vorteilhafte Details ergänzt. Den Beitrag zu Norbert Walter-Borjans hat er dagegen deutlich kritischer aussehen lassen.“

Und was sagt laut t-online der Politikwissenschaftler Jens Best, “ein Wikipedia-Aktivist der ersten Stunde“, über den Fall?

“(Er) beklagt potenzielle Rufschädigung für Wikipedia durch das Vorgehen und das öffentlich ausgetragene Tauziehen in den Beiträgen. ‚Die 'Umschreibungen' im Artikel Walter-Borjans durch einen Account, der gleichzeitig die Artikel Scholz und Geywitz aufhübscht, zeigen für mich das strukturelle Versagen in der Verantwortungsfähigkeit der Wikipedia.’"  

+++ Zielobjekt einer geplanten NPD-Demonstration in Hannover ist Julian Feldmann, ein Rechtsextremismusexperte von “Panorama“ (Das Erste) und “Panorama 3“ (NDR Fernsehen). Das berichtet die taz Nord. Feldmann war u.a. beteiligt an mehreren Beiträgen über den in NPD-Kreisen bewunderten NS-Verbrecher Karl Münter (siehe Altpapier), der kürzlich verstorben ist. Dass Neonazis nichts von Pressefreiheit halten, ist keine sonderliche Überraschung. Dass sie Demonstrationen ankündigen, die sich gegen einzelne Journalisten richten - die in Hannover hat auch den bereits von Morddrohungen betroffenen Braunschweiger Journalisten David Janzen im Visier -, hat indes eine neue Qualität.

+++ “Über die Neue Rechte wird viel geschrieben, aus unterschiedlichen Perspektiven. Vernachlässigt wird dabei aus meiner Sicht, dass es sich vor allem um ein Phänomen der Ästhetik handelt. Die Frage ist, wie sich diese Bewegung öffentlich präsentiert, etwa auf Kundgebungen und in den Sozialen Medien. Das ist bisher unberücksichtigt geblieben.“ Sagt Daniel Hornuff anlässlich der bevorstehenden, von ihm mitveranstalteten Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung, die von 15. bis 16. November an der Kunsthochschule Kassel stattfindet, gegenüber faz.net. Die These, dass es sich bei der Neuen Rechten “vor allem um ein Phänomen der Ästhetik handelt“, kommt mir vogelwild vor, aber das kann natürlich an meiner eher schwach ausgeprägten Designforschungsaffinität liegen.

+++ Ebenfalls bei faz.net: ein Bericht darüber, dass Evo Morales, bis vor ein paar Tagen noch Präsident Boliviens, das Angebot bekommen hat, eine Show im spanischsprachigen Programm von RT zu moderieren.

+++ Der türkische Schriftsteller und Journalist Ahmet Altan - der gerade erst frei gelassen wurde, nachdem er drei Jahre lang unschuldig im Gefängnis gesessen hatte -, ist schon wieder verhaftet worden (dpa/Spiegel Online, amnesty.org).

+++ In der Rubrik “Hamburger des Tages“, zu sehen im “Hamburg Journal“ des NDR Fernsehens, dürfen Zuschauerinnen und Zuschauern einer würdigenswerten Person der Stadt danken. Aufgrund eines “redaktionellen Abnahmefehlers“ (NDR) ist es kürzlich einem finsteren Gesellen gelungen, ein Lob für einen gewissen “Onkel Ernst“ unterzubringen, der einst für die NS-Marine im Einsatz gewesen war. Übermedien machte den Sender auf diese Peinlichkeit aufmerksam.

+++ “Ab 18!“, die anregende Autorendokumentarfilmreihe über das Leben junger Erwachsener, lief in diesem Jahr zum siebten Mal - und zwar ausnahmsweise ausschließlich mit weiblichen Protagonisten, die sich unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen die Frage “Wer bin ich?“ stellen. Ich habe vier der sechs neuen Folgen - die bis November 2020 in der 3sat-Mediathek abrufbar sind - gesehen und für die Medienkorrespondenz meine Eindrücke aufgeschrieben.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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Autor René Martens von Das Altpapier

Der Autor
René Martens

Als freier Autor arbeitet er mit dem Schwerpunkt Medienjournalismus in Hamburg. Er schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die taz, die Stuttgarter Zeitung und die Medienkorrespondenz.

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