Digital Immigrants E-Sports - Die Lust am Zocken

Computer- und Videospiele gehören schon seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Hobbys von Kindern und Jugendlichen. Was sich über in den vergangenen Jahren geändert hat, ist vor allem die Bandbreite an Spielen – natürlich auch, weil heute technisch so viel mehr möglich ist als noch vor 20 Jahren. So hat die Jugendstudie JIM herausgefunden, dass zwei von drei Jugendlichen mindestens mehrmals pro Woche Onlinespielen spielen. Die Nutzung von PC und Konsole wird nur durch das Handy getoppt.

von Katharina Pritzkow für MEDIEN360G

Ein Mädchen spielt Tennis mit einem Controller 8 min
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07:53 min

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Immer realistischere Grafiken, immer ausgefeiltere Geschichten und immer mehr Effekte – das verleitet Kinder, Jugendliche aber auch viele Erwachsene dazu, sich stundenlang vor Computer oder Konsole zu setzen. Auch Bela aus Markkleeberg gehört zu ihnen. Den Achtklässler hat vor rund einem halben Jahr das Spielfieber gepackt: League of Legends – ein kostenloses Online-Strategiespiel – ist seitdem seine Leidenschaft.

Ein Jugendlicher steht in einem Garten
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Ein Freund von mir hat das immer gespielt und ich fand das am Anfang extrem langweilig. Und dann habe ich es selber mal ausprobiert und fand es eigentlich relativ cool. Er hat mir viele Sachen beigebracht, hat mich in eine Gruppe gebracht und jetzt sind wir ein Squad und spielen immer zusammen.

Der Begriff Squad kommt eigentlich aus dem Militärwesen. Er bezeichnet eine Gruppe, eine militärische Teileinheit. Im Fall des Online-Spiels League of Legends lässt sich Squad aber auch einfach mit Team übersetzen. Wie sich so ein Team zusammensetzt, ist ganz unterschiedlich. Spieler können mit Menschen über das Internet zusammen spielen oder ein festes Team haben. Immer gilt aber: In jedem Squad gibt es fünf Mitglieder und die treten wiederum gegen ein anderes Team an - mit ebenfalls fünf Spielern. Ziel ist es, in die gegnerische Basis einzudringen und deren "Nexus" zu zerstören.

Jeder Spieler hat einen Champion. Und jeder hat seine eigenen Fähigkeiten, jeder hat die eigene Aufgabe im Team. Der eine richtet sehr viel Schaden an, ein anderer fängt sehr viel Schaden ab. Der nächste ist der Supporter. Der andere ist dafür da, das Spiel zu kontrollieren. Sobald ein Mitglied schlecht ist oder für sich alleine spielen will, ist das schlecht fürs Team. Man braucht das Team, um das andere Team zu knacken.

Alles für das Team

Zwischen 30 und 50 Minuten dauert ein Spiel und bei dem wird man besser nicht unterbrochen. Denn pausieren lässt sich so ein Match nicht. Schlecht ist, wenn ausgerechnet dann Mama und Papa zum Essen rufen. Das passiert regelmäßig, erzählt Bela:

Es ist natürlich schlecht fürs Team, wenn man sagt: Ich muss jetzt raus. Dann ist es ein vier gegen fünf. Das ist eigentlich schon entschiedene Sache. Aber ich kann es auch verstehen, dass wenn meine Mutter gekocht hat, dann will sie natürlich, dass ich jetzt essen komme. Man muss da auch ein bisschen Transparenz zeigen als Spieler.

Transparent sein, das heißt, mit den Eltern reden und erklären, welchen Stellenwert das Spiel hat. Denn obwohl Computer- und Konsolenspiele populär sind und in allen möglichen Altersklassen gespielt werden, gelten sie auch heute noch bei vielen als sinnloser Zeitvertreib. Dass gerade bei Teamspielen Konzentration, strategisches Denken, Kampfgeist und Zuverlässigkeit gefragt sind, sehen Außenstehende oft gar nicht.

Von Killerspielen und der Steigerung kognitiver Fähigkeiten

Immerhin hat sich die Diskussion in den vergangenen 20 Jahren in Bezug auf Computerspiele deutlich gewandelt, meint MedienSpielPädagoge Jürgen Sleegers:

Wir sind jetzt im Jahr 2018, zehn Jahre nachdem der Deutsche Kulturrat gesagt hat, dass Computer- und Videospiele ein Kulturgut sind. Und wir haben so ein bisschen diese Diskussion verlassen, dass es immer wieder nur um Killerspiel-Debatten und Sucht-Debatten geht. Und für alles Böse die Games und die Gamerinnen und Gamer verantwortlich gemacht werden.

Natürlich beschäftigt sich auch heute noch die Forschung mit der Frage, ob Ego-Shooter aggressiv machen und Konsolenspiele die Hirntätigkeit negativ beeinflussen. Mittlerweile geht es aber auch um die positiven Effekte, die Action- oder Lernspiele haben können. Zu denen forscht unter anderem Daphne Bavelier, Professorin für Kognitive Neurowissenschaften an der Universität Genf. Sie hat in 17 Jahren Forschung herausgefunden, dass Zocker von Action-Spielen im Vergleich zu Nicht-Spielern Vorteile haben, was die Kognition und Konzentration angeht. Vom Dauerspielen rät die Expertin aber ab:

Mit Videospielen zu lernen ist nicht anders als mit allen anderen Medien. Das bedeutet: kleine, verteilte Übungen. Was wir empfehlen, um die Effekte zu bekommen, die wir gesehen haben, sind rund 30 Minuten am Tag, vier bis fünf Tage die Woche über eine Zeit von zehn bis zwölf Wochen. Es gibt sogar Daten, die belegen, dass massives Üben kontraproduktiv ist.

Pay to win oder üben, üben, üben

Wobei Eltern klar sein sollte: Auf jede Studie zu einem sinnvollen Einsatz von Computerspielen kommt mindestens Um die Steigerung von kognitiven Fähigkeiten wird es ihren Kindern wohl eher nicht gehen, wenn sie StarCraft, League of Legends, World of Warcraft oder GTA spielen. Der Spielspaß steht im Vordergrund und die stetige Verbesserung der eigenen Spielleistung - inklusive Sieg. Um das zu erreichen, muss investiert werden. Das geht entweder mit Zeit und viel Spielpraxis oder in sehr vielen Spielen auch mit realem Geld, erklärt Bela:

Bei vielen Spielen ist nicht so gut, dass es da heißt: Pay to win. Also wenn du viel Geld reinsetzt, dann wirst du besser. Bei LoL ist das nicht so. Ich selber habe noch keinen einzigen Cent investiert.

Bleibt also nur die Option, viel Zeit ins Spiel reinzustecken. Außerdem helfen auch Videos von anderen Spielern. Am besten von denen, die professionell dabei sind - sogenannte eSportler.

eSport ist Sport im Spielen. Da gibt es verschiedene Ligen. Man kann weiter aufsteigen. Es gibt Weltturniere. Und von diesen Profispielern kann man sich sehr viel abschauen. Das sind Leute, die sagen: Ich möchte jetzt richtig viel Zeit da rein stecken - die haben Coaches, die ihnen alles erklären. Und mit welcher Reaktionszeit die da manchmal Sachen machen, das ist schon wirklich sehr faszinierend.

Die Stars an der Tastatur

Mit Computerspielen Geld verdienen – das gibt es tatsächlich schon seit vielen Jahren. Einen regelrechten Boom hat die E-Sports-Szene aber vor allem in den vergangenen fünf Jahren erlebt.

Auf der Plattform Twitch schauen sich Millionen Fans die Spiele-Livestreams ihrer Idole an. Wichtige Matches werden auch vor echtem Publikum in Hallen ausgetragen. Im Grunde unterscheidet sich also E-Sport kaum vom klassischen Sport – weiß der ehemalige E-Sportler Giacomo Thüs. Er ist auch bekannt als einer der besten StarCraft II-Spieler: Socke.

Es gibt sehr viele Parallelen: Es geht darum, zu gewinnen. Man trainiert vor einem Spiel, damit man gut ist und das Spiel gewinnen kann. Es gibt Zuschauer, die das Spiel verfolgen. Es gibt Preisgelder. Also ich sehe da keinen großen Unterschied. Die klassische Definition als Sport - als Leibesertüchtigung - das ist es eher nicht so. Wobei ja auch körperliches Geschick gefordert ist.

Spieler sitzen beim Finale des internationalen Computerspielturniers des Spiels «League of Legends» in Warschau vor Monitoren.
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Wer das hat und blitzschnell an Tastatur und Maus reagieren kann, wird ein Pro - also professioneller Spieler. Die können im Falle eines Sieges mit einer ordentlichen Gewinnsumme rechnen. Was von außen wie ein zeitintensives Hobby aussieht, ist tatsächlich intensiv geplant und strukturiert:

Es gibt jetzt nicht wie beim Fußball mit FIFA, dem Weltverband, und dem DFB einen übergreifenden Verband. Es ist eher wie beim Boxen, dass es verschiedene Verbände gibt. Und da gibt es in der Regel auch nicht den einen Weltmeister, sondern jeweils verschiedene Weltmeister - je nachdem, bei welchem Verband oder Turnierveranstalter man das Turnier spielt und gewinnt.

Wer wirklich gut spielt, kann davon leben. Das schaffen aber nur die wenigsten. Und E-Sportler sein, ist ein Vollzeit-Job: Trainieren, Bewegung, Coaching, Fanpflege. Viel Zeit für Anderes bleibt da nicht. Für den 14-jährigen Bela also keine Option. Der Schüler muss viel für die Schule lernen und kommt in normalen Schultagen auf etwa zwei Stunden am Tag. Am Wochenende kann es auch mehr sein. Ein Grund dafür ist nicht nur die wenige Zeit. Sein Hobby artet auch manchmal in Arbeit aus.

Nach so einem 50-Minuten-Spiel ist man dann auch wirklich K.O., weil man dann wirklich die ganze Zeit konzentriert ist. Da muss man schauen: Wer ist jetzt wo auf der Karte. Wer könnten die Gegner sein? Jetzt muss ich hier aufpassen, dass da niemand rauskommt. Dann braucht man auch sehr viel Kommunikation mit dem Team. Man darf keine Fehler machen - das kann einen das Spiel kosten, wenn man etwas falsch macht.

Ein Wunsch an die Eltern

Durchgeschwitzt und fertig sei man nach so einer Partie und dann müsse es erstmal eine längere Pause geben. Hört sich also auch nach Leistungsdruck und Stress an. Aber die Spielfreude – vor allem bei langen Matches – steht für Bela nach wie vor ganz weit oben:

League of Legends ist nicht einfach nur ein Spiel, sondern gerade durch diese vielen verschiedenen Champions ist auch eine gewisse Geschichte dahinter. Die Entwickler denken sich für jeden einzelnen Champion auch noch eine Geschichte aus. Ich finde das schon ziemlich interessant. Das ist, wie ein Buch zu lesen - eher wie ein Buch zu spielen.

Es ist und bleibt aber ein Hobby für den Schüler aus Sachsen – wie Handball spielen oder Freunde am See treffen. Nur dass die Freunde sich eben in einer anderen Welt sehen. Einen Wunsch hätte Bela dann aber doch noch: Er möchte ein bisschen mehr Verständnis von den Erwachsenen, die sonst eher Abstand von den Spielen ihrer Kinder halten:

Setz dich mit deinem Kind hin, dein Kind erklärt dir das. Für mich gibt’s nichts cooleres als wenn meine Eltern mal mitspielen würden. Ich kann Zeit mit meinen Eltern verbringen und gleichzeitig das machen, was mich fasziniert und was mich glücklich macht.