Digital Immigrants Smartphonesucht

Das Smartphone ist aus vielen Kinderzimmern nicht mehr wegzudenken. Mit den kleinen Geräten kann man schließlich auch so ziemlich alles machen: Telefonieren, chatten, surfen, spielen und Fotos knipsen können sie wirklich alle. Kein Wunder, dass Kinder und Jugendliche viel Zeit mit ihren Allroundern verbringen. Allerdings machen sich immer mehr Eltern sorgen um die exzessive Handynutzung ihres Sprösslings: Ist mein Kind süchtig nach seinem Smartphone?

von Katharina Pritzkow für MEDIEN360G

Smartphonesucht
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08:42 min

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Immer mehr Eltern stellen Tag für Tag fest: Ihre Kinder sind kaum noch ansprechbar. Das mit dem Zuhören klappt unter anderem nicht so gut, weil sie permanent Kopfhörer in den Ohren haben. Ihr Blick ist starr auf ihre Hand gerichtet, denn darin liegt das Smartphone. Immer und überall ist es dabei: Schule, Bett oder Bad – ganz egal. Hand und Handy scheinen regelrecht verwachsen zu sein. 

Sie sind nicht allein!

Für diesen Zustand gibt es ein Wort: Wer so rumläuft, ist ein Smombie – also Smartphone-Zombie. Solche willenlosen Dauer-Handy-Nutzer sind schon lange keine Einzelfälle mehr, weiß Medienpädagoge Martin Müsgens von der Landesanstalt für Medien NRW.

Das Problem haben im Moment alle Eltern. Sie merken: Mein Kind spielt gefühlt nur noch, es chattet nur noch, es ist nicht mehr präsent.

Für das Familienleben kann das problematisch sein, denn Eltern haben oft wenig Verständnis für das ständige Tippen, Chatten und Videos gucken. Wer so einen Jugendlichen zu Hause hat, erzählt Freunden und Familienmitgliedern schnell, dass das eigene Kind eine regelrechte Smartphonesucht entwickelt habe. Dabei gibt es im Moment noch gar nicht so viele Kinder und Jugendliche, die wirklich abhängig sind – schon gar nicht von Smartphones.

Sucht oder exzessive Nutzung?

Laut Medienpädagoge Müsgens wird der Suchtbegriff zwar schnell gewählt, aber weder Handy- noch Social-Media-Sucht sind als offizielle Süchte anerkannt. Trotzdem gebe es unterschiedliche Studien dazu und die zeigten, dass vor allem jüngere Kinder stärker zu einer Abhängigkeit bei Social Media und Handy neigen, als andere Nutzer.

Dr. Iren Schulz von der Initiative Schau Hin ist aber weiterhin vorsichtig, wenn es um den Begriff der Handysucht geht. Ihrer Meinung nach, sind die Menschen vor allem in Deutschland immer skeptisch gegenüber neuen Medien.

Frau lacht
Dr. Iren Schulz, Schau Hin! Bildrechte: Schau Hin

Sobald ein neues Medium auftaucht, ist es erstmal der Buhmann für allerlei negative Phänomene bei Kindern und Jugendlichen. Das hat damals angefangen mit den Kinos, das war auch bei den Büchern so, dann waren es lange Jahre die Computerspiele. Und jetzt sind es eben die digitalen Anwendungen. Und ich warne immer sehr davor, den Suchtbegriff so inflationär zu verwenden.

Auch dem Psychologen Jürgen Wolf vom evangelischen Beratungszentrum München geht die Hysterie um die angebliche Smartphonesucht der Jugend zu weit. Obwohl in seine Sprechstunde immer mehr Eltern kommen, die sich sorgen um das exzessive Medien-Nutzungsverhalten ihrer Kinder machen. 

Als Psychologe gucke ich mir das natürlich unter dem Aspekt an, was tatsächlich eine Sucht bedeutet. Und dann sind viele Kinder, von denen Eltern sagen, ihre Kinder sind handysüchtig eben nicht handysüchtig – nach den Kriterien der Sucht.

Suchtkriterien Damit man überhaupt von Sucht sprechen könne, müssten unterschiedliche Kriterien erfüllt sein, erklärt der Psychologe. So drehe sich bei einer Sucht alles um das Suchtobjekt. Das heißt, ein normales Leben wird um die Sucht herum organisiert. Wenn man das Objekt entziehen würde, käme es zu Entzugserscheinungen. Wegen der Gewöhnung braucht es außerdem eine Dosissteigerung. Allerdings – so die Experten – ist eben nicht nur die Zeit entscheidend, die man mit dem Medium verbringt, sondern ein unangemessen hoher Stellenwert im Leben eines Menschen.

Wie tatsächliches Suchtverhalten aussehen kann, zeigt ein Blick auf das Verhalten spielsüchtiger Jugendlicher: Sie spielen die ganze Nacht, vernachlässigen sich selbst, essen nicht mehr, schwänzen die Schule und gehen im Extremfall nicht mal mehr ins Bad. Davon sind die meisten Kinder und Jugendlichen, die viel Zeit mit ihrem Handy verbringen, weit entfernt – sagt Psychologe Wolf.

Was wir normalerweise im Bereich mit dem Handy sehen, ist noch keine Sucht. Die Schülerinnen gehen ganz normal in ihre Schule und machen das Handy dann auch hoffentlich aus. Sie treffen auch noch Freunde. Es läuft nebenbei, aber das Leben wird nicht um das Handy organisiert. Das Handy ist immer noch ein Teil ihres Lebens.