GRIMBERG am 24. April 2019 Endel-Vorläufer Muzak ist fast 100 Jahre alt

Mit der Verpflichtung von Endels Musikalgorithmus beschreitet Warner Music Neuland im Musikmarkt. Warner Music ist eines der drei weltweit größten Labels im internationalen Geschäft und gehörte bis 2004 zum Medienkonzern Time Warner. Seit 2011 ist Warner Music Teil der Investfirma Access Industrie des britisch-amerikanischen Investors Leonard Blavatnik, der als einer der reichsten Männer Großbritanniens gilt.

von Steffen Grimberg

Teaserbild für GRIMBERG – Die Kolumne am 24. April 2019: Schriftzug "24/04". 2 min
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Start 2018

Endel ging 2018 an den Start und ist unter anderem in Amazons digitale Assistentin Alexa integriert. Endel verspricht auf die Stimmung und die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer zugeschnittene Klangwelten - zum Beispiel als Begleitung zur Arbeit oder um „runter zu kommen“ und zu entspannen.

Easy Listening als Trendsetter

Anscheinend ist gerade Hintergrundmusik - so genanntes „easy listening“ - besonders offen für technische Innovationen. Und so hat auch Endel de facto Vorfahren - die berühmte Muzak. Bis heute ist „muzak“ in den USA ein Synonym für Hintergrundmusik in Fahrstühlen, Kaufhäusern und öffentlichen Gebäuden. Die gleichnamige, in den 1950er Jahren gegründete Firma Muzak ging 2011 im Unternehmen Mood Holdings auf. Die Gemeinsamkeiten mit Endel sind verblüffend: Die Hintergrundmusik sollte und soll ihre Hörerinnen und Hörer nicht bloß mit einem gefälligen Klangteppich versorgen und unterhalten, sondern ganz direkt ihre Emotionen und ihre Laune („Mood") ansprechen.

Musik soll Stimmung verbessern

Entwickelt wurde das Konzept in den 1920er Jahren und nutzte zunächst Aufnahmen mit angesagten Künstlerinnen und Künstlern. Später ging es neben der Hintergrundmusik für öffentliche Orte und Geschäfte darum, in Fabriken die Stimmung und Produktivität während der Arbeit zu befördern. Dazu wechselten sich ein 15-minütiger, schneller und lauter werdender Musikblock mit einer ebenfalls 15-minütigen stillen Phase ab, die Langeweile und Ermüdung bei oft monotoner Industriearbeit entgegenwirken sollten. In den 1940er und 1950er Jahren wurden dann die individuellen Künstlerinnen und Künstler durch eigene Orchester mit Studiomusikerinnen und -musikern ersetzt, um der Firma die komplette Kontrolle über den Klang ihrer Muzak zu geben. Algorithmen gab es schließlich noch nicht.

Vorwurf: Gehirnwäsche

Was von Muzak - übrigens die Entwicklung eines Ex-Militärs - als  „effiziente, günstige Methode“ gepriesen wurde, um steril-eintönige Umgebungen humaner und freundlicher zu gestalten, geriet später in Verruf: In den 1950er Jahren führte die als manipulativ empfundene strategische Musik zu Vorwürfen wie „Gehirnwäsche“. Dem Erfolg tat das höchstens vorübergehend Abbruch. Bis in die 1970er Jahre erschienen die „Stimulus Progression“-Alben - gerne mit Motti wie „Music at Work“ (Musik bei der Arbeit). Laut Wikipedia beschallte US-Präsident Dwight D. Eisenhower (Amtszeit 1953-1961) so den West Wing des Weißen Hauses mit Muzak, und die NASA setzte es zur Beruhigung und Entspannung bei Weltraum-Missionen ein.

Technisches Neuland

Auch technisch betrat Muzak-Gründer Generalmajor George Owen Squier (1865-1934) Neuland: Weil in den 1920er Jahren Radioapparate noch sehr teuer und störanfällig waren, nutze er zunächst den so genannten Drahtfunk über die Srom- bzw. Telefonleitung für seine - nennen wir sie einfach mal - Streaming Dienste. Und wer kaufte 1937 Muzak von der North American Company und Gründer Squier? Na klar: Warner Bros., die Film- und Medienfirma, aus der später auch die heutige Warner Music hervorging.

Zuletzt aktualisiert: 24. April 2019, 12:02 Uhr