MEDIEN360G im Gespräch mit... Prof. Dr. Marc Liesching

„In der Berichterstattung vor der Bundestagswahl (2017) hat es keine Unwucht zugunsten von Themen gegeben, die vielleicht eher von rechtsextremistischen Parteien bedient werden“, sagt Marc Liesching gegenüber MEDIEN360G.

Auf der rechten Seite ist ein Portrait in schwarz weiß von Marc Liesching abgebildet. Auf der linken Seite steht "Im Gespräch mit Prof. Dr. Marc Liesching". 4 min
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„In der Berichterstattung vor der Bundestagswahl (2017) hat es keine Unwucht zugunsten von Themen gegeben, die vielleicht eher von rechtsextremistischen Parteien bedient werden“, sagt Marc Liesching gegenüber MEDIEN360G.

MDR FERNSEHEN Mi 24.04.2019 09:40Uhr 04:06 min

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MEDIEN360G: Herr Liesching, der Tagesspiegel hat heute schon über die Studie berichtet mit der Schlagzeile „Haben ARD und ZDF den Erfolg der AfD herbeigesendet?“ Belegt Ihre Studie das? Ist diese Aussage überhaupt zulässig?

Marc Liesching: Also es ist ja erst mal keine Aussage des Tagesspiegels, sondern eine Frage. Und eine Frage ist in journalistischer Überspitzung selbstverständlich so zulässig. Die Antwort ist natürlich ganz klar, dass ARD und ZDF nichts herbeigesendet haben. Unsere Studienbefunde sind da eigentlich recht eindeutig und zeigen zumindest bei den ausgewerteten Sendungen auf eine eher ausgewogene Themensetzung.

MEDIEN360G: Was sind denn die wesentlichsten Ergebnisse? Sie haben 56 Sendungen unmittelbar vor der Bundestagswahl 2017 untersucht.

Marc Liesching: Ja wir haben uns jetzt beschränkt auf den Zeitraum einen Monat vor der Bundestagswahl, also so zwischen der Sommerpause, die ja üblicherweise auch in den Öffentlich-Rechtlichen immer stattfindet und der Bundestagswahl und haben fokussiert die Sendungen zum politischen Zeitgeschehen, also auch Nachrichtensendungen rausgenommen. Das betrifft in erster Linie Polit-Talk-Sendungen aber auch alle Wahl-Sondersendungen, allen voran etwa das TV-Duell Merkel-Schulz, an das sich die meisten noch erinnern, aber auch sonstige Talkrunden. Dazu haben wir Dokumentationen noch angeschaut, insgesamt waren es 56 Sendungen. Die haben wir dann eben nach Themenkategorien zugeordnet. Wie viele Minuten wurde über was gesprochen. Die Auswertung ergibt dann nach verschiedenen Sujets wie Außenpolitik, Migration, innere Sicherheit, Gesundheit, Umwelt, dass es insgesamt doch eher für alle 56 Sendungen eine sehr ausgewogene - aus unserer Sicht - sehr ausgewogene Themenverteilung ist, die jedenfalls Kritik dahingehend, dass es gesteuert oder einseitig gewesen ist hinsichtlich einer Themensetzung, etwa zu Gunsten der sogenannten Flüchtlingskrise, eher nicht gegeben hat. Das ist ein Befund.

Der andere (Befund) sieht ein bisschen anders aus. Wenn man sich die fünf Sendungen anschaut, die am meisten gesehen worden sind, also von den Marktanteilen. Dann hat man doch eine gewisse Themen-Dominanz was Migration angeht. Die Sendungen, die am häufigsten gesehen worden sind, da haben wir schon eine starke Gewichtung beim Thema Migration. Möglicherweise ist da dann auch die Kritik entstanden an ARD und ZDF, dass man einfach genau diese Sendungen besonders wahrgenommen hat und dann auch hier der Eindruck der Fehl-Gewichtung entstanden sein mag. Wie gesagt die Gesamtanalyse der untersuchten 56 Sendungen ergibt das eigentlich nicht. Damit wäre - um Ihre Eingangsfrage aufzugreifen – wäre die Frage des Tagesspiegels, die etwas provokante, eigentlich klar mit „Nein“ zu beantworten.

MEDIEN360G: Können Sie da auch Olaf Zimmermann überzeugen? Er ist Vorsitzender des Deutschen Kulturrats, der seinerzeit auch diesen Vorwurf vehement erhoben hat und der jetzt ihre Studie begrüßt, weil er sagt: „Na ja, irgendwie gibt sie mir ja doch Recht“.

Marc Liesching: Naja das liegt vielleicht an der Ambivalenz der Ergebnisse, je nachdem, welche Sendungen und welche Kuchendiagramme man sich anschaut, kann man das vielleicht dann so und so interpretieren. Ich würde jetzt, was diese Einzelkritik angeht, ohnehin sagen, dass die Studie keine direkte Antwort nur auf diese Einzelkritik gibt, weil sie sicher nicht nur diese Kritik, nur diesen einen Monat vor der Bundestagswahl und das Programm im Blick hatte, sondern eher langfristige Effekte. Also wie oft wurde in den letzten zwei Jahren in Polit-Talk-Sendungen das Thema Migration in den Mittelpunkt gestellt. Was wir sagen können auf jeden Fall ist, dass in der unmittelbaren Bundestagswahl-Berichterstattung und Programmpolitik in den Sendungen zum politischen Zeitgeschehen, es eher nicht eine Unwucht gegeben hat zugunsten von Themen, die vielleicht auch eher von rechtsextremistischen Parteien bedient werden.

MEDIEN360G: Sagt Marc Liesching. Er ist Autor der Studie „Agenda-Setting bei ARD und ZDF - eine Analyse der politischen Sendungen vor der Bundestagswahl 2017“. Herzlichen Dank.