GRIMBERG am 31. Mai 2018 Angebliches Hitler-Tagebuch unter dem Hammer

Das Los hat die Nummer 344, im klassischen Sinne zu gewinnen gibt es allerdings nichts. Denn es handelt sich nicht um ein Lotterie-Los, sondern um eine Preziose aus dem Katalog zur Frühjahrsauktion "Ausgewählte Objekte" des Berliner Auktionshauses Griesebach, die heute ab 11.00 Uhr unter den Hammer kommt.

von Steffen Grimberg

In guter Nachbarschaft einer "Pentagon-Lampe (Dodekaeder)" aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert des KuK-Designers Adolf Loos (Brünn 1870–1933 Kalksburg bei Wien) und der "Buchstütze in Hellblau mit konstruktiver Komposition (um 1930, Schwarzblech, lackiert)" – ein Werk der aus Chemnitz stammenden Designerin Marianne Brandt, Hersteller: Metallwarenfabrik Ruppelwerk, Gotha – findet sich "Der letzte Band der sog. Hitler-Tagebücher (ab 15. April 1945) – 144 Seiten, davon 57 beschrieben".

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In Berlin wird der letzte Band der angeblichen Hitler-Tagebücher versteigert. Der Fake aus den 1980er Jahren ist heute ein Lehrstück, wie Medien funktionieren.

Mi 30.05.2018 16:48Uhr 01:29 min

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Experten hielten die Tagebücher zunächst für echt

Wir erinnern uns: Im April 1983 hatte das Magazin "Stern" begonnen, eine vermeintliche Weltsensation zu veröffentlichen: Die bislang völlig unbekannten persönlichen Tagebücher Adolf Hitlers. Hochrangige Experten, darunter der deutsche Historiker Eberhard Jäckel (1929–2017) und sein britischer Kollege Hugh Trevor-Roper (1914–2003), Autor des Standardwerks "The last days of Hitler", hatten die Echtheit der Aufzeichnungen zunächst bestätigt. Dabei hätte der Eintrag schon damals lauten müssen: "Hersteller: Konrad Kujau, Bietigheim-Bissingen".

Das moderne Papier entlarvt den Fälscher

Der Kunstmaler hatte die angeblichen Tagebücher des Menschenrechtsverbrechers Hitler selbst geschrieben. Eine Analyse des Bundeskriminalamts und des Bundesamts für Materialprüfung ergab im Mai 1983 zweifelsfrei, dass das für die schwarzen Kladden im Format Lexikon-Oktav verwendete Papier erst nach 1945 hergestellt wurde.

Ausstellung im Archäologischen Museum Herne

Grund genug für die sehenswerte Ausstellung "Irrtümer und Fälschungen der Archäologie" im Archäologischen Museum Herne (bis 9. September 2018), auch zwei Exemplare der angeblichen Hitler-Tagebücher als Beispiele aus der eher modernen Archäologie der Irrtümer zu präsentieren. Anhand spektakulärer Betrugsfälle wie dem Fall Kujau und vielen anderen zeigt die Ausstellung mit rund 200 Exponaten, "dass für den Erfolg einer Fälschung nicht nur ihre Qualität, sondern immer auch die Erwartungen von Forschern und Museen entscheidend sind". Und die Erwartungen der Medien beziehungsweise der Öffentlichkeit, ließe sich ergänzen. Denn auch im Fall der angeblichen Hitler-Tagebücher war der Druck von außen enorm.

Band 63 entstand im Knast

Mit dem 63. Band, dem "letzten Band der sog. Hitler-Tagebücher (ab 15. April 1945)", wie es im Auktionskatalog heißt, hat es selbst in der Kategorie "echte Fälschungen" noch so seine besondere Bewandtnis: Das jetzt versteigerte Objekt gehört nicht zu den dem "Stern" seinerzeit untergeschobenen Exemplaren. Kujau schrieb es erst 1989, als er bereits seine Haftstrafe wegen Betrugs absaß, zu der er 1985 verurteilt worden war. Der Schätzwert für die 57 beschriebenen Seiten ausgedachter Hitler liegt übrigens bei 5.000 bis 7.000 Euro.

Zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2018, 09:29 Uhr