GRIMBERG am 5. März 2019 Türkei verweigert deutschen Korrespondenten Akkreditierung

Auch wenn die de facto-Ausweisung der deutschen Korrespondenten aus der Türkei eine deutliche Sprache spricht, hofft die Bundesregierung noch auf ein Einlenken der türkischen Behörden.

von Steffen Grimberg

Teaserbild für GRIMBERG – Die Kolumne am 5. März 2019: Schriftzug "05/03". 2 min
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Di 05.03.2019 11:32Uhr 01:59 min

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Bereits in der vergangenen Woche gab es Gespräche mit dem türkischen Botschafter in Berlin. Auch Außenminister Heiko Maas (SPD) hat mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu gesprochen. Und auch von Abgeordneten der regierenden AKP-Partei von Präsident Erdoğan gibt es Protest gegen die Entscheidung des türkischen Informationsamts.

NDR, ZDF, und „Tagesspiegel“ betroffen

Das hatte bis zum Wochenende Journalisten des Norddeutschen Rundfunks, des ZDF und des Berliner „Tagesspiegel“ die so genannten „Pressekarten“ und damit  eine Verlängerung ihrer Akkreditierungen verweigert. Diese Pressekarten gelten als offizielle Arbeitsgenehmigung und müssen jährlich erneuert werden. Angaben, warum die Akkreditierungen nicht verlängert werden, machte das Informationsamt bislang nicht. Betroffen sind der „Tagesspiegel“-Korrespondent Thomas Seibert, der seit 22 Jahren aus der Türkei berichtet, der ZDF-Büroleiter in Istanbul, Jörg Brase und der für die ARD arbeitende TV-Journalist Halil Gülbeyaz, der selbst aus der Türkei stammt und ebenfalls seit Jahren von dort berichtet.

Dem NDR-Medienmagazin ZAPP sagte Gülbeyaz, er vermute, dass seine Berichte über Menschenrechte, Pressefreiheit und den Umgang mit Minderheiten in der Türkei Grund für die Maßnahmen seien.

Platz 157 im Pressefreiheits-Ranking

Die Türkei belegt in der Pressefreiheits-Rangliste der Hilfsorganisation Reporter ohne Grenzen (ROG) Platz 157 von 180 ausgewerteten Ländern. Nach aktuellen ROG-Angaben sitzen in der Türkei derzeit mindestens 31 Medienschaffende in Haft. Allerdings dürfte die Dunkelziffer deutlich höher sein, da laut ROG in Dutzenden weiterer Fälle ein direkter Zusammenhang der Haft mit der journalistischen Tätigkeit wahrscheinlich sei, sich aber derzeit nicht nachweisen lasse, da die türkische Justiz die Betroffenen und ihre Anwälte oft für längere Zeit über die genauen Anschuldigungen im Unklaren ließe.

Viele Journalistinnen und Journalisten in Haft

Laut ROG gehört die Türkei  damit zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit: „Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalisten stehen unter Generalverdacht. Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in ständiger Angst.“ Daneben erstickten die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen vieler wichtiger Medienbesitzer eine kritische Berichterstattung im Keim.

ZEIT ONLINE dokumentiert seit März 2017 bekannt gewordene Fälle inhaftierter Journalistinnen und Journalisten in der Türkei sowie Angaben, warum sie im Gefängnis sitzen.  Den meisten von ihnen wird nach Zeit-Angeben die Mitgliedschaft in oder die Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen.

Zuletzt aktualisiert: 18. September 2018, 11:43 Uhr