GRIMBERG am 24. Juli 2018 Alarmierender Anstieg

Die Pressekonzentration ist in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren so rasant gestiegen wie schon lange nicht mehr. Wie der Medienwissenschaftler Horst Röper vom Dortmunder Formatt-Institut berechnet hat, vereinigen mittlerweile die zehn größten deutschen Zeitungsverlagsgruppen über 60 Prozent aller in Deutschland erscheinenden Titel auf sich.

von Steffen Grimberg

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Deutschlands Presse gehört immer noch zu der vielfältigsten in Europa – daran hat bislang auch die Verschiebung durch die sich verändernde Mediennutzung im digitalen Zeitalter nichts geändert. Während in der öffentlichen Debatte dabei zumeist die überregionalen Titel wie „Bild“, „Süddeutsche Zeitung“, „FAZ“, „Welt“ oder „taz“ vorkommen, sind in Wirklichkeit aber die Regional- und Lokalzeitungen das Rückgrat der deutschen Presselandschaft. Von den knapp 16 Millionen Zeitungsexemplaren, die im zweiten Quartal 2016 noch täglich verkauft wurden, entfallen rund 1,5 Millionen auf Deutschlands größtes Boulevardblatt, die „Bild“-Zeitung – und keine weitere Million auf alle anderen Überregionalen. Der Rest – und damit weit über 90 Prozent der deutschen Presse – ist regional oder lokal.

Sprunghafter Anstieg seit 2016

Gerade hier hat sich in den vergangenen Jahren ein besonders starker Konzentrationsschub bemerkbar gemacht: Verlage wurden verkauft oder schlossen sich zusammen. Den „Startschuss“ gab im Sommer vor mittlerweile fünf Jahren Axel Springer: Deutschlands bis heute dank „Bild“ und „Bild am Sonntag“ größtes Zeitungshaus verkaufte seine Regionalzeitungen an die Funke-Gruppe aus Nordrhein-Westfalen („WAZ“). Seitdem haben viele der großen deutschen Regionalzeitungsgruppen massiv zugekauft. Einen so sprunghaften Anstieg wie im Vergleich von 2016 auf 2018 gab es dabei bislang aber nicht. In den letzten Jahren sei der Konzentrationsgrad jeweils nur um Zehntelprozentpunkte gestiegen, schreibt Röper im Fachblatt „Media Perspektiven“, das aus dem Rundfunkbeitrag finanziert wird.

Springer weiter die Nummer 1

Die größte Zeitungsgruppe ist dabei immer noch Springer, gefolgt vom Südwestdeutschen Medienholding/Rheinpfalz-Verbund (u.a. „Süddeutsche“, „Stuttgarter Zeitung“, „Rheinpfalz“, „Freie Presse“ Chemnitz und seit wenigen Monaten auch die „Lausitzer Rundschau“), Funke (neben der „WAZ“ auch „Thüringer Allgemeine“, „TLZ“, „OTZ“, „Berliner Morgenpost“, „Hamburger Abendlatt“), die Ippen-Gruppe (die vor kurzem die „Frankfurter Rundschau“ und die „Frankfurter Neue Presse“ übernahm) und Madsack (u.a. „Hannoversche Allgemeine“, „Leipziger Volkszeitung“, „Ostsee-Zeitung“, „Torgauer Zeitung“).

Neben Aufkäufen und Fusionen sogt noch ein weiterer Trend für zunehmende Konzentration und abnehmende Vielfalt: Viele der großen Regionalverlage haben für die internationale und bundesweite Berichterstattung Zentralredaktionen gegründet. Diese sitzen zumeist in Berlin und koordinieren von dort aus die Inhalte aller Blätter der Zeitungsgruppe mit Ausnahme der Lokal- und Regionalnachrichten. Die meisten dieser Zentralredaktionen bieten ihre Inhalte außerdem auch für Dritte an, die nicht direkt zum eigenen Presseverbund gehören. Im Mai kündigte beispielsweise die Kölner DuMont-Gruppe („Kölner Stadtanzeiger“, „Berliner Zeitung“) an, künftig mit dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, der Zentralredaktion des Madsack-Konzerns, gemeinsame Sache zu machen.

Marktkonzentration bedeutet Meinungskonzentration

Damit bleibt die beeindruckende Zahl der deutschen Zeitungen – immer noch über 300 verschiedene Titel mit insgesamt und 1.500 unterschiedlichen regionalen und lokalen Ausgaben – zwar erhalten: Allerdings steht immer häufiger das gleiche drin. „Bei einer zunehmenden Konzentration im Bereich der Presse verengt sich auch das Meinungsbild. Das war schon immer zu beobachten. Der ökonomischen Konzentration folgt die publizistische Konzentration.“, hat Röper dazu dem Online-Dienst „Heise“ gesagt. Für eine Demokratie, die von einer größtmöglichen Vielfalt lebt und auf diese angewiesen ist, sei das eine beunruhigende Entwicklung.

Zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2018, 09:47 Uhr