GRIMBERG am 13. März 2019 Kein Maulkob, sondern Empfehlungen für die virtuelle Welt

Zunächst sah alles nach einem großen Aufreger aus: Der Österreichische Rundfunk (ORF), so berichteten im vergangen Sommer zahlreiche Medien, wolle so genannte Social Media Guidelines einführen, die seinen MitarbeiterInnen zukünftig untersagten, sich in sozialen Medien wie Facebook oder Twitter politisch zu äußern. Dies solle auch und vor allem für private Accounts von ORF-MitarbeiterInnen gelten.

von Steffen Grimberg

Teaserbild für GRIMBERG – Die Kolumne am 13. März 2019: Schriftzug "13/03". 3 min
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Diese Leitlinien seien "als Dienstanweisung von allen journalistischen und programmgestaltenden Mitarbeiter/innen des ORF zu befolgen", hieß es damals in einem heiß diskutierten Entwurf. Der medienpolitische Sprecher der österreichischen Sozialdemokraten Thomas Drozda sprach von einem "Maulkorberlass". ORF-Chef Alexander Wrabetz wies die Kritik zurück und kündigte an, die Richtlinien gemeinsam mit dem ORF-Redakteursrat zu diskutieren.

10-Punkte-Plan

Ein Dreivierteljahr später liegen die Social Media Guidelines jetzt als Papier der Redakteursvertretung im ORF vor.

Sie gliedern sich in zehn Punkte und taugen auch für den allgemeinen, verantwortlichen Umgang im Netz: Darin heißt es:

  • Du bist im Internet nicht nur als Privatperson, Du wirst auch als ORF-MitarbeiterIn wahrgenommen.
  • Achte auf Deinen Ruf – und den des ORF!
  • Tue nichts, was an Deiner Glaubwürdigkeit und Objektivität als JournalistIn Zweifel auslösen könnte!
  • Zeige Fingerspitzengefühl bei politischen und wirtschaftlichen "Freundschaften"!
  • Schreibe und zeige nichts, von dem Du nicht willst, dass es morgen oder in ein paar Jahren über Dich verbreitet oder gesagt wird!
  • Soziale Netzwerke sind Werkzeuge und nicht Spielzeuge!
  • Interagiere mit unseren UserInnen, HörerInnen und SeherInnen!
  • Kümmere Dich um Deine "privacy settings"!
  • Bleibe höflich!
  • Eigentum bleibt Eigentum – auch im Netz!

„Empfehlungen für alle, die sich im virtuellen Raum bewegen“

Man werde im Netz nun einmal nicht nur als Privatperson, sondern immer auch als ORF-Repräsentant wahrgenommen, schreibt die Redakteursvertretung im Vorwort: "Wer seine (politischen) Ansichten in sozialen Netzwerken verbreitet, läuft Gefahr, dass die journalistische Unabhängigkeit und Unparteilichkeit in Frage gestellt werden könnte." Die Social Media Guidelines seien "Empfehlungen für alle, die sich im virtuellen Raum bewegen – beruflich und privat. Diese Empfehlungen, die wir als Redakteursvertretung ausgearbeitet haben, sollen nicht als Maulkorb missverstanden werden. Sondern im Gegenteil: Sie sollen dazu ermuntern, sich aktiv, aber mit Vernunft in sozialen Netzwerken zu präsentieren."

Armin Wolf hält Guidelines für unproblematisch und unnötig

Armin Wolf, Moderator des mit den ARD-"Tagesthemen" vergleichbaren ORF-Nachrichtenmagazins "ZiB 2", kommentierte auf Twitter: "Weil mich etliche nach den neuen Social Media-Guidelines des ORF fragen: Ich habe sie nicht für notwendig gehalten (Ich bin da beim Standard: Leuten, denen wir zutrauen, dass sie unsere wichtigsten Geschichten machen, können wir wohl auch Twitter zutrauen.)"

Er halte die Guidelines in der neuen Form aber für durchaus lebbar und meinte: "Denke, dass ich mich auf Twitter seit zehn Jahren ziemlich genauso verhalte." Anders als den im vergangenen Sommer diskutierten Entwurf solcher Guidelines, halte er die jetzt in Kraft getretene Fassung "für nicht sehr problematisch". Wolf fragt aber: "Es gibt keine Guidelines für Podiumsdiskussionen, Vorträge oder Interviews mit ORF-Journalist*innen. Warum dann unbedingt welche für Social Media?"

Spezialist für politische Interviews

Armin Wolf ist einer der in den sozialen Medien aktivsten Journalisten in Österreich und hat über 400.000 Follower - längst nicht nur im Inland. Der profilierte TV-Anchorman ist auch für seinen reflektierten Umgang mit Populisten im Netz und auf dem Bildschirm und seine Interviewtechnik berühmt.

Für seine Arbeit wurde er 2018 mit der besonderen Ehrung beim Grimme-Preis, Deutschlands wichtigstem Fernsehpreis, ausgezeichnet.

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 14:25 Uhr