GRIMBERG am 25. April 2019 Untersuchung der Otto Brenner Stiftung zu ARD und ZDF

ARD und ZDF haben vor der Bundestagswahl 2017 thematisch überwiegend ausgeglichen berichtet. Damit widerlegt eine Untersuchung der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung (OBS) Behauptungen, die öffentlich-rechtlichen Sender hätten in ihren Talksendungen und Politik-Magazinen Themen wie Flucht, Migration und Zuwanderung überbetont und damit vor allem Parteien wie der AfD in die Hände gespielt.

von Steffen Grimberg

Die beiden Medienwissenschaftler Marc Liesching und Gabriele Hooffacker von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) haben dafür 56 politische TV-Sendungen untersucht, die im Monat vor der Wahl im September 2017 ausgestrahlt wurden. Reine Nachrichtensendungen wie die „tagesschau“ oder „heute“ wurden dabei nicht berücksichtigt.

Arbeit, Familie und Soziales lag thematisch vorn

Laut der Studie habe nicht das Themenfeld „Migration“, sondern insgesamt der Bereich “Arbeit/Familien/Soziales“ mit 15 Prozent an erster Stelle gelegen, "Migration" folgte mit zwölf Prozent knapp vor der "Außenpolitik" mit elf Prozent. 

„Keine Unwucht“ zugunsten von AfD-Lieblingsthemen

Im Interview mit MDR MEDIEN360G sagte Liesching,: „In der Berichterstattung und in den Sendungen zum politischen Zeitgeschehen unmittelbar vor der Bundestagswahl hat es keine Unwucht zugunsten von Themen gegeben, die vielleicht auch eher von rechtsextremistischen Parteien bedient werden.“

Der Sonderfall Kanzlerduell

Allerdings sei in den fünf meistgesehenen Sendungen das Thema Migration deutlich stärker gewichtet worden. Besonders das von den privaten und den öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen gemeinsam veranstaltete „Kanzlerduell“ zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) stach hier mit einem zeitlichen Anteil von rund einem Drittel für das Themenfeld Flucht und Migration heraus. Es sei nicht auszuschließen, dass diese von vielen Zuschauern gesehenen Sendungen auch das Meinungsbild über die Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender besonders geprägt hätten, hieß es in der Studie mit dem Titel "Agenda-Setting bei ARD und ZDF?". Die Analyse aller 56 untersuchten Sendungen ergebe aber "eine insgesamt eher ausgeglichene Themenverteilung", hieß es in der Brenner-Studie.

Kulturrat fühlt sich in seiner Kritik bestätigt

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, hatte seinerzeit vor allem die Polit-Talkshows von ARD und ZDF scharf kritisiert. Diese hätten durch ihre Schwerpunktsetzung bei den Themen „Flüchtlinge“ und „Islam“ dazu beigetragen, „die AfD bundestagsfähig zu machen“.

Zimmermann schlug auch eine eine einjährige Pause für solche Sendungen vor. ARD-Chefredakteur Rainald Becker und sein ZDF-Kollege Peter Frey hatten die Kritik damals zurückgewiesen. Gegenüber epd medien begrüßte Zimmermann jetzt die OBS-Unteruschung. Die Erhebung bestätige "unsere grundsätzliche Kritik bei den fünf meistgesehenen Sendungen im Untersuchungszeitraum", leider hätten die Wissenschaftler aber nur einen Monat vor der Wahl untersucht, seine Kritik habe sich aber auf die Themensetzung speziell der Talkshows von ARD und ZDF seit 2015 bezogen, so Zimmermann.

Haltung der Journalistinnen und Journalisten

Die Studie hat auch mit Redakteurinnen und Redakteuren der Polit-Talks und -Magazine „Maybrit Illner“ (ZDF), Monitor (WDR/ARD)  und Maischberger (ARD) über ihre Haltung und ihre Ziele bei der Auswahl von Sendungsthemen und Talkgästen gesprochen. Demnach sehen sich die Befragten weniger als Themen von sich aus setzende Agenda-Setter, sondern bemühen sich eher, bislang weniger beleuchtete Aspekte und Aussagen Politikerinnen und Politikern heraus zu kitzeln. Wenn nötig, auch durch heftigere und wertende Fragen. „Das ist natürlich ein legitimes journalistisches Mittel“, so Liesching zu MDR MEDIEN360G: „Hier muss man sich die Dynamik der letzte Jahre anschauen:  Politikerinnen und Politiker werden immer vorsichtiger und sind durch Medientrainings geschult. Vor diesem Hintergrund ist es ein sehr legitimes journalistisches Mittel, durch Wertungen und überspitzte Fragen Politikerinnen und Politiker zu klare Statements zu bewegen“.

MEDIEN360G im Gespräch

Auf der rechten Seite ist ein Portrait in schwarz weiß von Marc Liesching abgebildet. Auf der linken Seite steht "Im Gespräch mit Prof. Dr. Marc Liesching". 4 min
Bildrechte: MEDIEN360G

„In der Berichterstattung vor der Bundestagswahl (2017) hat es keine Unwucht zugunsten von Themen gegeben, die vielleicht eher von rechtsextremistischen Parteien bedient werden“, sagt Marc Liesching gegenüber MEDIEN360G.

MDR FERNSEHEN Mi 24.04.2019 09:40Uhr 04:06 min

https://www.mdr.de/medien360g/videokolumne-grimberg/interview-marc-liesching-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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„In der Berichterstattung vor der Bundestagswahl (2017) hat es keine Unwucht zugunsten von Themen gegeben, die vielleicht eher von rechtsextremistischen Parteien bedient werden“, sagt Marc Liesching gegenüber MEDIEN360G.

MDR FERNSEHEN Mi 24.04.2019 09:40Uhr 04:06 min

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Zuletzt aktualisiert: 24. April 2019, 12:02 Uhr