GRIMBERG am 27. März 2019 Zeitungen fordern Rücktritt von Theresa May

Die großen Londoner Zeitungen sind wichtige Mitspieler beim Poker um den Brexit. Anders als in Deutschland sind die Blätter in Großbritannien politisch deutlich meinungsfreudiger.

von Steffen Grimberg

Zeitungen geben Wahlempfehlungen ab

Bei Wahlen ist es in Großbritannien üblich, dass die Zeitungen eine ganz klare Wahlempfehlung, das so genannte "Endorsment", abgeben. Damit legen sie sich entsprechend politisch fest. Dies geschieht in den Leitartikeln, den "Leading Articles". Bei denen werden, anders als in Deutschland, nicht die Autorin oder der Autor namentlich genannt. Sie stellen vielmehr die Meinung der Redaktion als Ganzes dar - oder in Wirklichkeit wohl eher die der Chefredaktion und/oder der Verlagsspitze.

The Sun und The Times fordern Mays Kopf

In einem solche "Leading Articel" hat jetzt die Boulevardzeitung The Sun den Rücktritt von Premierministerin Theresa May gefordert, um so den Brexit-Deal doch noch hinzubekommen. "Time’s up, Theresa"  ("Deine Zeit ist vorbei, Theresa!") lautet die wenig schmeichelhafte Schlagzeile des Kommentars. Und auch die seriöse Times hat sich für einen Rücktritt von Theresa May ausgesprochen: "Go, Prime Minister!"

Konservativ und anti-europäisch

Die Londoner Times - nicht zu verwechseln mit der New York Times, der Johannesburg Times, der Irish Times oder der Times of India - gilt immer noch als bekannteste Zeitung Großbritanniens. Sie erscheint seit 1785, gilt als Zeitung des Establishments und veröffentlicht immer noch täglich den Terminkalender ("Court Circular") des britischen Königshauses. Politisch ist sie eher konservativ und anti-europäisch.

Murdoch mischt mit

Die im gleichen Verlag wie die Times erscheinende Sun hat bislang ebenfalls meistens treu für die konservative Partei - die "Torys" - getrommelt. Zwischendurch hat sie aber auch mal den Premierminister Tony Blair von der Labour-Partei unterstützt. Beide Zeitungen erscheinen beim Medienhaus News International, das dem aus Australien stammenden Medienzaren Rupert Murdoch gehört.

Guardian und Independent halten den Brexit für einen Fehler

Zur Qualitätspresse gehören in Großbritannien noch der sehr konservative Daily Telegraph, der für den Brexit ist, und die liberalen Blätter The Guardian und The Independent. Diese beiden halten den Brexit für einen Fehler. Sie unterstützen die Forderung nach einem zweiten Referendum, ob es überhaupt einen EU-Austritt geben soll. Neben der Sun gibt es noch zwei andere Boulevardzeitungen: Den Labour-nahen Daily Mirror und den eher unpolitischen Daily Star, der vor allem auf Klatsch, Tratsch und Sport setzt.

Financial Times trommelt für die Interessen der Wirtschaft

Außerdem gibt es auf der Insel noch die einflussreiche Daily Mail und den Daily Express. Beide gehören zum so genannten "Mid Market". So werden in Großbritannien Titel bezeichnet, die zwischen Boulevard und seriöser Presse angesiedelt sind. Beide sind eher konservativ und unterstützten bislang den Kurs von Premierministerin Theresa May. Außerdem bekannt ist noch die Wirtschaftszeitung Financial Times. Sie macht sich aktuell vor allem Sorgen, was ein ungeregelter "harter" Brexit für die Wirtschaft bedeutet und fordert, das Parlament solle dafür sorgen, dass in die Debatte wieder "etwas Vernunft einzieht".

Boris Johnson möchte Nachfolger von Theresa May werden

Falls Theresa May übrigens wirklich zurücktritt, läuft sich ein alter Bekannter für ihre Nachfolge warm: Es ist der ehemalige Außenminister Boris Johnson, der letztes Jahr zurückgetreten ist, weil er Mays Brexit-Politik nicht mittragen wollte. Auch journalistisch ist er kein Unbekannter: Vor seiner Politik-Karriere hat er für den euroskeptischen Daily Telegraph gearbeitet. Als Korrespondent in Brüssel.

Zuletzt aktualisiert: 18. September 2018, 11:43 Uhr