Auf schmaler Spur | MDR Fernsehen | 25.12.2020 | 14:20 Uhr Von Rettern und Geretteten - Mit Ferkeltaxe und Schienenbus durch die Lande

Zunächst hört es sich fast wie ein Schimpfwort an: Ferkeltaxi! Kenner wissen aber, dass damit ein alter Eisenbahntriebwagen gemeint ist. Ein roter Schienenbus, der vor rund 60 Jahren auf die Gleise kam und vor allem im ländlichen Raum unterwegs war. Wie das Ferkeltaxi zu seinen Spitznamen kam und wie Schienenbusse zum Retter der Nebenbahnen wurden, davon erzählt "Auf schmaler Spur".

Auf schmaler Spur Mit Ferkeltaxe und Schienenbus durch die Lande
Der Schienenbus verlässt das Depot Bildrechte: news.doc

Samstagmorgen im thüringischen Schleiz: Michael Rauchfuß vom Förderverein Wisentatalbahn öffnet die Tore eines Lokschuppens. Die rund 60 Jahre alten Schienenbusse sollen heute wieder zum Einsatz kommen. Sie sind Garant für Zuverlässigkeit.

Wir sind stolz darauf, dass wir noch keinen Fahrtag ausfallen lassen mussten, weil die Technik versagt hat. Die Schienenbusse laufen seit September 2014, seit sie zu uns gekommen sind zuverlässig und ohne Störung der Technik.

Michael Rauchfuß
Auf schmaler Spur Mit Ferkeltaxe und Schienenbus durch die Lande
Michael Rauchfuß vor seinem Uerdinger Schienenbus Bildrechte: news.doc

Das frühe Aufstehen an den Wochenenden - wenn Fahrtag ist - nehmen Rauchfuß und seine ehrenamtlich tätigen Kolleginnen und Kollegen gerne in Kauf. Denn es ist alles andere als selbstverständlich, dass hier noch Züge fahren.

Die Nebenstrecke Schleiz - Schönberg, die sogenannte Wisentatalbahn, war schon einmal komplett stillgelegt - zwischen 2009 und 2011. Doch die Bahnenthusiasten wollten dies nicht hinnehmen. Sie hatten eine Idee, um ihre Strecke zu retten. Und letztlich haben ihnen die Schienenbusse dabei geholfen.

Rentable Retter

Schon in den 1950er und 1960er-Jahren sollten Nebenstrecken stillgelegt werden Der Druck war damals riesig, Bahnen rentabel zu betreiben. Viele Bahnlinien auf dem Lande -insbesondere im Westen Deutschlands - wären dicht gemacht worden, hätte es sie nicht gegeben: Die Schienenbusse waren damals die Retter!

Weil es letztendlich diese Schienenbusse ermöglicht haben, den Dampflokbetrieb auf Nebenbahnen einzustellen. Das heißt, man brauchte nicht mehr diese aufwendigen Arbeiten an den Dampfloks durchzuführen und auch keinen Heizer mehr, denn dieses Fahrzeug fährt nur mit einem Lokführer.

Michael Rauchfuß

Die Ost-Variante

Ende der 1950er-Jahre kam dann der Schienenbus-Ost. Ingenieure im VEB Waggonbau Bautzen entwickelten ihn - später wurde er auch in Görlitz gebaut.  Die Ostvariante war in der Form etwas bauchiger als das Westpendant, der Uerdinger Schienenbus. Und sie hatte bald seinen Spitznamen weg: Ferkeltaxi.

Sylvio Köstner hat den Namen aufgegriffen und seinen Verein "Traditionsgemeinschaft Ferkeltaxi“ benannt. Der Chemnitzer ist einer der größten Fans der ostdeutschen Schienenbusse. Er weiß aber auch, wer hier wen kopiert hat.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Uerdinger schon als Vorbild für das Ferkeltaxi, für den "Ostdeutschen Schienenbus" gedient hat. Die ersten Ferkeltaxen bei uns hatten ja noch einen Westmotor von Büssing und ein Westgetriebe.

Sylvio Köstner

Rüttelplatte, Blutblase oder Sandmännchen

Mit weniger als 200 PS Leistung ging es auf die Nebenstrecken - das reichte, um rund 50 Fahrgäste vom Dorf in die Stadt und wieder zurück zu bringen. Und fast alles wurde in den Zügen transportiert:

Auf schmaler Spur Mit Ferkeltaxe und Schienenbus durch die Lande
Sylvio Köstner am Führerstand seiner Ferkeltaxe Bildrechte: news.doc

Die Bauern und andere Gewerbetreibende hatten halt ihre Ferkel, Hühner, Gänse, auch ihr Gemüse und Obst immer regelmäßig zu den Wochenmärkten gefahren. Das erfolgte natürlich nicht wie heute im Auto, sondern im Ferkeltaxi. Und so kam es, dass insbesondere in den Traglastabteilen Kiepen mit kleinen Ferkeln standen, und da war dann der Name Ferkeltaxi geboren.

Sylvio Köstner

Rüttelplatte - so hießen die Schienenbusse auch. Und es gab noch mehr Bezeichnungen:

Sandmännchen in der Ferkeltaxe.
Sandmännchen in der Ferkeltaxe Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Weitere Spitznamen für unseren schönen Schienenbus sind beispielsweise Blutblase. Ich denke, dass erklärt sich von selbst, das ist wegen der roten Farbe und der Form des Fahrzeugs. Aber ein sehr bekannter Spitzname ist auch noch das Sandmännchen. Warum? Weil unser Sandmännchen mal vor vielen Jahren mit so einem Schienenbus über den Bildschirm gefahren kam.

Sylvio Köstner

Hierzulande haben längst moderne Dieseltriebwagen die Nachfolger der Schienenbusse auf den Nebenstrecken übernommen: Ferkeltaxe und Co. sind nur noch bei Sonderfahrten unterwegs. Aber es gibt sie nicht nur in Originalgröße.

Nur eine Nummer kleiner

Bei Uwe Siebert im Erzgebirge drehen sie als TT-Modell im Maßstab 1:120 ihre Runden. Als Kind ist der Crottendorfer nur ein einziges Mal im Urlaub selber mit dem roten Schienenbus gefahren.

Erst nach der Wende, seit hier die Erzgebirgische Aussichtsbahn zwischen Schwarzenberg und Annaberg fährt, sind wir mehrfach mitgefahren. Und dann kam auch erst die Liebe zur Ferkeltaxe und deshalb gehört die auch jetzt zu meiner Sammlung.

Uwe Siebert
Auf schmaler Spur Mit Ferkeltaxe und Schienenbus durch die Lande
Das Ferkeltaxi in verschiedenen Farbvariationen Bildrechte: news.doc

Und das in allen Formen und Farben. Auf Sieberts Gleisen geht es in punkto Ferkeltaxi ziemlich bunt zu. Uwe Siebert hat sich in den letzten Jahren alle möglichen Ferkel-Varianten zugelegt. Zum Beispiel eine, in einer ungewöhnlich stahlblauen Lackierung. Selbst viele Fans dürften nicht wissen, was es damit auf sich hat.

Die stahlblaue ist die Messelackierung. Das ist der zweite Prototyp, der überhaupt gebaut worden ist. Und so stand er auf der Messe in Leipzig, 1959 war das. Steht ihm eigentlich sehr gut, wurde leider nicht so weiter verfolgt.

Uwe Siebert

Uwe Siebert hat weitere markante Ferkeltaxi-Modelle und andere seltene Triebfahrzeuge auf seiner Anlage. Auch in Annaberg-Buchholz, beim "Modelbahnland Erzgebirge", drehen Ferkeltaxen ihre Runden - auf Europas größter Spur-1-Anlage.

Und schließlich gehen auch Astrid und Michael Rauchfuß wieder mit ihrem Schienenbus im Maßstab 1:1 auf Tour. Die Wisentatalbahn hat Eisenbahnfreundinnen und -freunde aus Bayern zu Gast.

"Auf schmaler Spur" stellt Menschen vor, die Ferkeltaxe, Schienenbus und Co. in ihr Herz geschlossen haben und sie, im Großen wie im Kleinen, wieder auf die Schiene bringen. 

Bonusmaterial:

Auf schmaler Spur Schienebusse 1 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
Auf schmaler Spur Schienebusse 1 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
Auf schmaler Spur Schienebusse 1 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

 

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