Der Osten - Entdecke wo du lebst | 09.01.2018 Das Wunder vom Göltzschtal

Sie gilt als Wahrzeichen des Vogtlandes und auch Touristen kommen, um die größte Ziegelsteinbrücke der Welt zu bestaunen. Errichtet wurde sie zwischen 1846 und 1851 in Handarbeit! Kein Wunder, dass manch Einheimischer auch 170 Jahre später immer noch vom achten Weltwunder schwärmt.

Das Wunder vom Göltzschtal
Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN

Der Osten - Entdecke wo du lebst Di 09.01.2018 20:45Uhr 01:37 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

So nah wie Andreas Ketzel lebt sonst niemand an der Göltzschtalbrücke. Er wächst auf am Fuße des gigantischen Bauwerks, im Tal der Göltzsch, wo sein Urururgroßvater einst eine Mühle betrieb. Er soll die Familientradition weiterführen. Doch 1972 - gerade als er seine Ausbildung zum Müller abgeschlossen hat - wird die Mühle verstaatlicht. Nach der Wende wird sie seiner Familie rückübertragen.

Leben am Fuße der Brücke: Die Ketzels und ihre Mühle

Das Wunder vom Göltzschtal
Aufgewachsen am Fuße der Brücke: Andreas Ketzel Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN

Andreas Ketzel richtet dort mit seiner Frau ein Museum ein - und einen kleinen Imbiss für die Touristen, die immer noch kommen, um das "achte Weltwunder" zu bestaunen. So tritt er doch noch in die Fußstapfen seines Urururgroßvaters, bei dem sich damals vor rund 170 Jahren die Schaulustigen aus der Umgebung stärken. Sie kommen anfangs, um die riesige Baustelle in Augenschein zu nehmen. Die Bauarbeiten bedeuten das Aus für die Mühle, die Göltzsch, die sie mit Wasser versorgt hat, wird in ein neues Bett umgeleitet. Doch mit dem Erwerb der Schankrechte kommen die Ketzels gut über die Runden.

Die Brücke sieht jeden Tag anders aus, ist jeden Tag auf ihre Art und Weise faszinierend.

Andreas Ketzel, gelernter Müller und Museumsbetreiber im Göltzschtal
Das Wunder vom Göltzschtal
Schaulustige während des Brückenbaus Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN

Damals im Jahr 1846 gilt es, die größte Lücke für die Eisenbahnlinie zwischen Leipzig in Sachsen und Fürth in Bayern zu schließen: Das Göltzschtal im bergigen Vogtland, 78 Meter tief und 700 Meter lang. Baumeister und Arbeiter stehen vor der ungekannten Herausforderung, dieses Tal mit einer Brücke zu überspannen. Was hier geschieht, nennen viele das achte Weltwunder. Bald werden hier von den 1.000 Bauleuten rund 150.000 Ziegelsteine pro Tag verbaut. Auf Eisenbahnwaggons und Pferdewagen wird unaufhörlich Nachschub angekarrt. Unterhalb der Brücke stehen riesige Mischstationen, in denen Arbeiter - nur mit Schaufeln ausgerüstet - gigantische Massen von Mörtel anrühren.

Einst Bahnerin, heute Fremdenführerin: Christa Trommer

Eine Frau, im Hintergrund eine Brücke
Für Christa Trommer ist die Brücke das achte Weltwunder. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Die Rezeptur stammt von dem Apotheker Heinrich Karl aus Reichenbach", erzählt Christa Trommer den Touristen von heute. Dem Gemisch aus Sand, Wasser und Kalk mengen sie Alaunschieferschlacke bei. Nur so können sie diese enorme Zahl vermauern, ohne dass alles ins Schwimmen gerät, erklärt Trommer, die 30 Jahre bei der Eisenbahn in Reichenbach gearbeitet hat, ihrem staunenden Publikum. Zur Wende verlor sie ihren Job, heuerte als Fremdenführerin an, doch ein vollwertiger Arbeitsplatz wurde daraus nie. Heute ist sie Rentnerin und führt die Touristen ehrenamtlich. Die Freude daran kann ihr nichts und niemand nehmen.

Also diese Brücke, so wie sie hier vor Ihnen steht, ist in drei Jahren Handarbeit errichtet worden! Wie beim BER? Genau!

Christa Trommer im Gespräch mit Touristen
Bau einer Brücke
Bau mit Hindernissen: Unsicherer Grund und viele Unfälle Bildrechte: Andreas Ketzel

Die Göltzschtalbrücke zieht bis heute die Menschen in ihren Bann. 1851 eingeweiht, ist das Wahrzeichen des Vogtlandes nach wie vor die größte Ziegelsteinbrücke der Welt. 26 Millionen Steine werden damals vor Ort gebrannt und verbaut. Über die Zeiten müssen nur wenige ersetzt werden. Das Bauwerk gilt sogar als erdbebensicher. An kalten Tagen ist gefrierendes Wasser der größte Feind.

Brückenmeister und Bauleute zeigen Respekt

Ein Mann
Brückenmeister Falk Kertscher kennt jeden Stein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Brückenmeister Falk Kertscher wacht seit langem über das Bauwerk und staunt noch immer über die gelungene Symbiose aus Ingenieurs- und Handwerkskunst. Die Brücke steht nicht nur wie ein Fels in der Brandung, sondern wird schließlich auch befahren. Das bringt Lasten mit sich, an die bei der Einweihung nicht zu denken gewesen ist. Damals hat der schwerste Zug 200 Tonnen, heute sind es 2.000.

Man kann sich nur in die Brücke verlieben.

Falk Kertscher, Brückenmeister

Das Wahrzeichen des Vogtlandes

das Wunder vom Göltzschtal
Eine Brücke um das Göltzschtal zu überspannen, in einer Höhe von 78 Metern und rund 600 Metern Länge? Vor rund 170 Jahren versuchten Baumeister und Arbeiter das scheinbar Unmögliche durch technischen Verstand und in Handarbeit! Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
das Wunder vom Göltzschtal
Eine Brücke um das Göltzschtal zu überspannen, in einer Höhe von 78 Metern und rund 600 Metern Länge? Vor rund 170 Jahren versuchten Baumeister und Arbeiter das scheinbar Unmögliche durch technischen Verstand und in Handarbeit! Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
Das Wunder vom Göltzschtal
Eng verwoben mit dem Bau der Brücke ist auch das Schicksal der Müllersfamilie Ketzel, die im Tal der Göltzsch ansässig war. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
das Wunder vom Göltzschtal
und vom Geheimrezept des Mörtels mit Alaunschieferschlacke, die für den ungeheuren Halt bis heute sorgen soll. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
das Wunder vom Göltzschtal
Über die ganzen rund 170 Jahre mussten nur wenige tausend der 26 Millionen Ziegel ersetzt werden. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
Das Wunder vom Göltzschtal
Die Göltzschtalbrücke zieht bis heute und zu allen Jahreszeiten die Menschen in ihren Bann. 1851 eingeweiht, ist das Wahrzeichen des Vogtlandes nach wie vor die größte Ziegelsteinbrücke der Welt. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
Das Wunder vom Göltzschtal
Andreas Ketzel hält die Erinnerung an die Geschichte der Brücke und der Mühle in einem Museum wach. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
Ein Kind auf einem alten Foto
Andreas Ketzel wuchs auf am Fuße des gigantischen Bauwerks. Wie sein Urururgroßvater lernte er das Müllershandwerk. Bildrechte: Andreas Ketzel
Bau einer Brücke
Damals mit dem Beginn des Baus der Göltzschtalbrücke 1846 wurde der Lauf der Göltzsch umverlegt. Bildrechte: Andreas Ketzel
Alte Aufnahme von einem Mann
Für die Mühle der Ketzels bedeutete die Umverlegung des Flusses das Aus. Der Urururgroßvater lebte fortan von den Schaulustigen, die sich fortan bei ihm bei Speis und Trank stärken konnten. Bildrechte: Andreas Ketzel
Eine Frau, im Hintergrund eine Brücke
Ehrenamtlich gibt Christa Trommer ihre Begeisterung für die Göltzschtalbrücke an die Besucher weiter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Schwarzweiss-Bild einer Schaffnerin
Einst war Christa Trommer Bahnerin in Reichenbach, mit der Wende verlor sie ihren Job, ein richtiger Arbeitsplatz wurde aus ihrer Tätigkeit als Fremdenführerin nie. Als Rentnerin macht sie trotzdem weiter, erzählt den Touristen die Geschichten rum um das "achte Weltwunder" aus 26 Millionen Ziegeln .... Bildrechte: Christa Trommer
Ein Zug fährt über eine Brücke
Erdbebensicher ist die Göltzschtalbrücke und befahren wird sie auch noch, die Züge verkehren bis ins böhmische Vogtland nach Karlsbad oder in bayerische Vogtland nach Hof. Und das zweigleisig und mit Lasten, die damals noch nicht vorauszusehen waren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann
Als Ingenieur hat Professor Jürgen Stritzke selbst etliche große Brücken gebaut. An der TU Dresden bildete er Generationen von Ingenieuren aus. Er bewundert die Leistung von Chefplaner Johann Andreas Schubert. Er gilt als einer der Gründungsväter der TU, in deren Archiv Stritzke auch Schuberts Originalzeichnungen entdeckte. Sie faszinieren ihn bis heute. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
das Wunder vom Göltzschtal
An kalten Tagen ist gefrierendes Wasser der Brücke größter Feind. Zuletzt überstand sie auch die Elektrifizierung der Strecke im Jahr 2011. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
das Wunder vom Göltzschtal
Für die Strommasten musste das Gleisbett verbreitert werden. Während nebenan die Züge rollten, wurde der alte Untergrund mit riesigen Sägen abgetragen. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN
Ein Mann
Brückenmeister Falk Kertscher wacht seit langem über das Bauwerk und staunt noch immer über die gelungene Symbiose aus Ingenieurs- und Handwerkskunst. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Alle (17) Bilder anzeigen
das Wunder vom Göltzschtal
Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN

Auch Wilfried Kessler, der 2011 als Bauleiter dabei war, als die Strecke über die Brücke elektrifiziert und das Gleisbett für die Strommasten verbreitert wurde, zollt seinen Kollegen von einst Respekt und meint, heute würde so eine Brücke in 20 Jahren noch nicht fertig. Es fehlten die fähigen Arbeiter und Handwerker:

Hier gab es einen Bauleiter und der hieß Ferdinand Dost. Der hatte da unten im Tal seine Hütte mit einer Schreibkraft. In Spitzenzeiten koordinierte er bis zu 1.723 Leute. 1.723! Und alle haben eigenverantwortlich gearbeitet und dieses wunderschöne Bauwerk geschaffen. Das geht heute nicht mehr. Heute haben wir zehn Arbeiter und 25 Ingenieure, die die zehn überwachen.

Wilfried Kessler, Bauleiter während der Elektrifizierung 2011

Ein Bau mit Hindernissen und einem hohen Preis

das Wunder vom Göltzschtal
Chefplaner Johann Andreas Schubert, anders als seine Kollegen, Bauleiter Ferdinand Dost und Oberingenieur Robert Wilke, findet sich seine Name nicht an der Brücke. Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN

Dass das "Wunder vom Göltzschtal" seinen Preis hatte, weiß Kessler. In der Nähe von Mylau wird damals ein Lazarett eingerichtet. Denn beim Bau gibt es tausende Verletzte. Am Ende lassen 31 Menschen ihr Leben. Allein bei der Einrüstung des großen Korbbogens stürzen mit dem Gerüst neun Zimmerleute in die Tiefe. Die Unfälle aber auch der teilweise unsichere Grund, der beim Graben der Fundamente für Pfeiler 26 entdeckt wird, scheinen den Gegnern des Brückenbaus Recht zu geben. Zeitgenössische Medien verspotten die Baumeister und die Investoren, die ihr Geld in den Abgrund über der Göltzsch würfen. Am Ende verstummen sie.

Bis heute gelten die Entwürfe von Johann Andreas Schubert als Maßstäbe setzend und sind sogar Lehrstoff für künftige Bauingenieure an der TU in Dresden. Dort sind sie stolz auf den Mann, der nicht nur das "Wunder vom Göltzschtal" konstruierte, sondern 1838 mit der Saxonia auch die erste funktionstüchtige Dampflokomotive hierzulande sowie das erste deutsche Dampfschiff entworfen hat.

Kommen und Staunen

Wer wie zu Zeiten von Andreas Ketzels Urururgroßvater bei einem kleinen Imbiss den Blick auf das achte Weltwunder genießen will, sollte bald kommen. Denn den wird das Rentnerpaar bald schließen. Aber es gibt ja noch das Museum, die Führungen von Christa Trommer, den Eisenbahnverein Glauchau, der Dampflokfahrten organisiert und nicht zuletzt den Modellbahnverein ganz in der Nähe in Netzschkau, wo das achte Weltwunder im Maßstab von 1:87 zu bewundern ist.

das Wunder vom Göltzschtal
In immer neuem Licht Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / MDR FERNSEHEN

Stichwort: Die Göltzschtalbrücke und ein Gerücht Nach nun bald  170 Jahren ist die Brücke nach wie vor ein Vorzeigeprojekt. An der TU Dresden ist sie in Vorlesungen und Seminaren immer wieder Thema für künftige Bauingenieure. Im Jahre 2009 wird die Brücke von der Bundesingenieurkammer in die Liste der Ingenieurbaukunst aufgenommen.

Doch bis heute hält sich das Gerücht, dass der erste Chefplaner Johann Andreas Schubert vor der Einweihung 1851 von der Brücke gesprungen sei. Dagegen spricht schon allein die Tatsache, dass der geniale Ingenieur 18 Jahre nach der Einweihung doch noch für seine Leistungen gewürdigt wird. Zum Ende seiner beruflichen Laufbahn an der Technischen Versuchsanstalt, der heutigen TU Dresden, wird ihm eine Vase aus Meißner Porzellan mit einer Abbildung der Brücke überreicht. Dass er zur Einweihung 1851 abwesend war, hängt mit seinen Verwicklungen in den 1848er-Aufstand zusammen. So findet sich sein Name auch nicht auf einer Ehrentafel oberhalb der Brücke, wohl aber der von Bauleiter Ferdinand Dost und Oberingenieur Robert Wilke.

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2018, 12:05 Uhr