Der Osten - Entdecke wo du lebst | 04.05.2021 | 21:00 Uhr Framo und Barkas - Vom Arbeitstier zum Kultobjekt

In der Garage: Ein umgangssprachlich als "Framo" bezeichneter Kleintransporter. 45 min
In der Garage: Ein umgangssprachlich als "Framo" bezeichneter Kleintransporter. Bildrechte: MDR/Daniela Posern

Im Sommer 2020 trifft ein Gespann mit Anhänger auf dem Rittergut Kauschwitz in Plauen ein. Die Fuhre ist ein Haufen alter Fahrzeugteile. "Oh, das sieht spannend aus!" - Jens Scheunert alias "Framo-Jens" betrachtet das, was für viele wohl ein Fall für den Schrottplatz wäre, mit anderen Augen. Der Framo aus Haldensleben, komplett zerlegt, ist das Familienerbstück von Bernd Schulze. "Meine Großeltern sind mit dem Auto noch gefahren, ich saß als Steppke drin", erzählt er und zeigt alte Fotos.

Jens Scheunert vor "Framo"
Jens Scheunert vor einem "Framo" Bildrechte: MDR/Daniela Posern

Jens Scheunert braucht keine Fantasie, um sich das fertige Fahrzeug vorzustellen. Der 52-Jährige gilt als der Framo-Experte in Deutschland. Seine Kunden kommen aus ganz Europa. Denn keiner baut die alten Kleinlaster so originalgetreu und detailverliebt wieder auf wie er. Keiner hat so eine Logistik rund um das Kultauto, das heute als Liebhaberstück gilt. Auf drei Etagen befinden sich Werkstatt, Ersatzteillager, Teileproduktion und Museum.

Ein Mann in Latzhose vor alten Autos
Jens Scheunert Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das war keine Entscheidung von heute auf morgen. Das hat sich durch Zufall ergeben. Und 1995 hatte ich dann 200 Framo-Freunde und -Kunden gehabt [...] Und so ging das langsam los. Und jetzt haben wir ne Liste, da stehen 5.000 Framos drauf. Und wenn man bedenkt, dass nur 33.000 offiziell hergestellt wurden, ist das noch ne gute Quote, was da erhalten ist.

Jens Scheunert | "Framo-Jens"
Jens Scheunert und Bernd Schulze neben diversen Bauteilen eines "Framo". 2 min
Jens Scheunert und Bernd Schulze Bildrechte: MDR/Daniela Posern

Di 04.05.2021 12:48Uhr 01:37 min

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Der Kult um "Framo"

Framo - das steht für Frankenberger Motorenbau. Gegründet 1923 als "Metallwerke Frankenberg GmbH" von DKW-Patriarch Jørgen Skafte Rasmussen. Damals arbeitete der Betrieb noch für das Zschopauer Motorenwerk und stellte nur Motorradteile her. Mit wachsendem Erfolg produzierte man schließlich auch einen Personenkraftwagen der untersten Klasse - einfach, billig und doch leistungsfähig. Der Framo war geboren. Er verbindet  die Einfachheit des Motorrads mit den breiteren Einsatzmöglichkeiten des Autos. Ein echtes Arbeitstier und der Vorgänger des bekanntesten Kleintransporters der DDR, dem Barkas B 1000. Der lief 1961 erstmals vom Band und galt für damalige Verhältnisse als absolut moderner Lieferwagen, der sich locker mit dem VW-Bus messen konnte. Doch die Plan- und Mangelwirtschaft der DDR tat ihr Übriges. Der B 1000 verlor den Anschluss, nach der Devise "ausbessern statt weiterentwickeln".

Ein Mann mit Bart in grauem Jackett
Jürgen Rehm Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es kam ein Schreiben von Berlin, dass die Entwicklung des B 1100 einzustellen ist. Ohne Begründung. Als dieses Thema abgebrochen wurde, hat es ein paar Konstrukteure gegeben, die gesagt haben: Beim Fahrzeugbau sehen wir keine Perspektive, wir suchen uns was andres. Wenn man weiß, dass man was Gutes geschaffen hat und es dann nicht in die Serie eingeht - das zu verkraften, das ist schon nicht ganz einfach.

Jürgen Rehm | Barkas-Werker

Doch wie die ehemaligen Barkas-Werker Horst Klautke und Jürgen Rehm erzählen, ist das nur der eine Teil der Geschichte. Sie erinnern sich an ein hochspannendes und sehr geheimes Projekt aus dem Jahr 1968: Die Modernisierung des B 1000 mit Viertaktmotor und neuem Design. Leider ging der Wagen nie in Serie. Die Gründe dafür und wie die einzigen drei Prototypen an der Parteiführung vorbei heimlich gerettet wurden – auch davon erzählt dieser Film.

Eine kühne Truppe hatte gemeint, das müssen wir der Nachwelt erhalten.

Horst Klautke | Barkas-Werker

Das Ende einer Ära

Mit Siegfried Bülow, dem letzten Leiter der Barkas-Werke, wird an das Ende dieser Ära erinnert. Der spätere Chef des Leipziger Porsche-Werks schildert seinen Aufstieg vom Werkzeugmacher zum Betriebsleiter und erzählt vom schmerzlichsten Tag seiner Karriere: Als er vor 1.000 Mitarbeitern das Aus des Betriebes und hunderter Jobs verkündet. Die überraschende Reaktion seiner Belegschaft rührt ihn noch heute zu Tränen.

Ein Mann mit grauem Haar steht vor einem roten Fahrzeug.
Siegfried Bülow Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich hab in freier Rede den Kolleginnen und Kollegen erklärt, was wir alles getan haben ... und am Ende der Sozialplan steht ... und (wir) am Ende trotzdem 2.300 Mitarbeiter entlassen müssen. Wenn ich das erzähle, läuft es mir eiskalt den Rücken runter ... Eisiges Schweigen ... Das kam mir ewig vor. Und dann wurde applaudiert. Das wirkt bis heute nach.

Siegfried Bülow | Letzter "Barkas"-Chef

Die Geschichte von Framo und Barkas ist also nicht nur ein Stück deutsche Automobilgeschichte. Sie ist eine Geschichte voller Emotionen. Daniela Posern trifft Menschen, denen die Gefährte echte Gefährten fürs Leben wurden. Menschen, denen beim Anblick ihres neuen Oldtimers die Tränen in die Augen steigen.

Neu seit 3. März 2020: "Der Osten – Entdecke wo du lebst" wird mit Audiodeskription gesendet

Viele Millionen Menschen in Deutschland sind entweder blind oder sehbehindert. Mit dem neuen Service können auch Menschen mit Sehbehinderung den interessanten Reportagen aus den drei Bundesländern folgen. In der Audiodeskription werden in den Dialogpausen alle wichtigen Bildinformationen - inklusive der Handlung - für diese Zuschauer beschrieben. Das MDR FERNSEHEN sendet bereits durchschnittlich jeden Tag etwa vier Stunden mit Audiodeskription und liegt damit auf einem Spitzenplatz unter den Landesrundfunkanstalten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo du lebst | 04. Mai 2021 | 21:00 Uhr

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