Der Osten – Entdecke wo du lebst | 03.09.2019 + Mediathek Das Traumschiff der Oberlausitz – Haus Schminke in Löbau

Es sieht aus wie ein Ozeandampfer, gestrandet in der Oberlausitz, und steckt voller Geschichten: von der Familie des architekturverrückten Nudelfabrikanten Fritz Schminke und seinem genialen Baumeister Hans Scharoun – seit den 1920er-Jahren war er einer der Vorreiter der Architektur der Moderne in Deutschland. Sein Haus Schminke gilt als eins der vier wichtigsten Wohnhäuser des Modernismus weltweit. Am Tag des offenen Denkmals am 8. September kann man Haus Schminke und die Nudelfabrik besuchen!

Haus Schminke Löbau
Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter

Das Haus Schminke im sächsischen Löbau sieht aus wie ein Ozeandampfer, gestrandet in der Oberlausitz. Es ist ein Haus voller Geschichten: von Kindern, die durch Bullaugen schauen, von leidenschaftlichem Tanz, vor allem von der Familie eines architekturverrückten Nudelfabrikanten. Ihm verdankt es auch seinen Namen.

Bildergalerie Zeugnis der Moderne

Das Haus Schminke in Löbau gilt als Leitbau der Moderne. Werfen Sie einen Blick in das 1933 fertiggestellte Haus des Architekten Hans Scharoun.

Haus Schminke Löbau
Das Haus Schminke von Hans Scharoun zählt zu den weltweit vier herausragenden Beispielen der Stilrichtungen "Neues Bauen" und "International Style". Neben dem Löbauer Haus Schminke gelten das Haus Tugenhat von Mies van der Rohe in Brünn, die Villa Savoye von Le Corbusier in Poissy bei Paris sowie das Haus Kaufmann "Fallingwater" in Mill Run in Pennsylvania von Frank Lloyd Wright zu den herausragenden Zeugnissen moderner Architektur. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
Das Haus Schminke von Hans Scharoun zählt zu den weltweit vier herausragenden Beispielen der Stilrichtungen "Neues Bauen" und "International Style". Neben dem Löbauer Haus Schminke gelten das Haus Tugenhat von Mies van der Rohe in Brünn, die Villa Savoye von Le Corbusier in Poissy bei Paris sowie das Haus Kaufmann "Fallingwater" in Mill Run in Pennsylvania von Frank Lloyd Wright zu den herausragenden Zeugnissen moderner Architektur. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
Alle vier Häuser wurden exakt auf die Bedürfnisse ihrer Bauherren zugeschnitten und beziehen die umgebende Natur ein. 26 Jahre nach seiner Fertigstellung wurde das Haus Schminke als revolutionär geltendes Architekturwerk der Moderne denkmalrechtlich erfasst und 1978 schließlich unter Denkmalschutz gestellt. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
Hans Scharoun entwarf das Haus 1930 für den Löbauer Nudelfabrikanten Fritz Schminke, der sich "ein modernes Haus für zwei Eltern, vier Kinder und gelegentlich ein bis zwei Gäste" wünschte. Die Umsetzung ist extravagant und funktionell zugleich. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
Weite und Transparenz sowie vielfältige Gestaltungselemente prägen das Raumerlebnis. Sie wurden eigens für das Haus entwickelt und setzen durch Form und Farbe besondere Akzente. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
Im Wohnbereich gehen die Räume fließend ineinander über. Großzügige Glasflächen beziehen den Garten als erweiterten Wohnraum mit ein. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
Die Gartenanlage gestaltete Herta Hammerbacher als ein dynamisches Verbindungsglied zwischen Architektur und Landschaft. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
Architekt Hans Scharoun war ein Verfechter der sogenannten Organform. Er sah darin die Möglichkeit, dass der in dem Haus lebende Mensch seine individuellen Kräfte besser entfalten kann. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
Die Wirtschaftsräume mit Frankfurter Küche und der Schlafbereich sind im Gegensatz dazu bewusst spartanisch gehalten - mit leicht zu reinigenden Oberflächen und platzsparenden Einbauschränken. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
Der gebogene Korpus mit Terrassen, Außentreppe und zahlreichen runden Bullaugenfenstern weckt die Assoziation zu einem Schiff. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
Haus Schminke Löbau
In den vergangenen Jahren hat das Haus Schminke immer mehr Besucher aus aller Welt angezogen. Nun soll es ein internationales Informationszentrum für Gebäude des "Neuen Bauens" werden. Dabei sollen international bedeutende Gebäude des "Neuen Bauens" von deutschen und tschechischen Forschungseinrichtungen gemeinsam untersucht und als touristische Bausteine grenzübergreifend vernetzt und erlebbar gemacht werden. Bildrechte: Stiftung Haus Schminke/ Ralf Ganter
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Seit 1920 leitet Fritz Schminke eine Teigwarenfabrik und produziert Nudeln der Marke "Anker". In unmittelbarer Nachbarschaft zur Fabrik lassen sich Fritz und Ehefrau Charlotte von 1932 bis 1933 ein Wohnhaus errichten, das für ihre vier Kinder zu einem riesigen Abenteuerspielplatz wird. Die heute 88jährige Fabrikantentochter Helga Zumpfe – geborene Schminke – erinnert sich noch heute sehr gut an ihre Kindheit, an die Weite des Hauses und die vielen Spielmöglichkeiten.

Die Weite, dass man von einem Zimmer ins andere kann. Dass man einen weiten Blick haben kann und nicht in irgendwelchen engen Räumen ist. Das hab' ich hier erlebt und mit meinen Schwestern genossen.

Helga Zumpfe
Haus Schminke im Grünen. 44 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wechselvolle Geschichte

Eine Frau und ein Mann sitzen an einem Tisch vor einem Fenster. 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als im Mai 1945 die Rote Armee Löbau besetzt, wird Haus Schminke zum provisorischen Sitz der örtlichen Militärkommandantur. Nach der Enteignung der Nudelfabrik im Jahr 1946 gehen die Schminkes Anfang der 1950er-Jahre in den Westen, ab 1963 dient die Villa als Pionierhaus. Dort treffen sich nicht nur Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit, seit 1974 beherbergt das Haus außerdem den Tanz-Turnier-Club "Metropol". Das erfolgreichste Paar des Clubs, Griseldis Hantsch und Henry Genenncher, erinnert sich noch heute gern an den ungewöhnlichen Trainingsort:

Es war anders als alles, was man so kannte: Die typischen Bauwerke in der damaligen DDR sahen anders aus. Hier war alles sehr futuristisch, modern.

Griseldis Hantsch

Meisterfälscher Kujaus "Wirkungsstätte"

Was kaum noch jemand weiß: Konrad Kujau, der 1983 mit gefälschten Hitler-Tagebüchern die Illustrierte "Stern" und ihren Starreporter bis auf die Knochen blamiert, stammt aus Löbau und verbringt im Haus Schminke einen Teil seiner Jugend. Nach eigenem Bekunden hat er dort sein erstes abstraktes Bild gemalt. Doch dann verlässt er die DDR in Richtung Westen, fluchtartig und mit der Einnahmekasse der FDJ aus dem Haus. Nach der Wende, 1998, kehrt er noch einmal für eine Ausstellung nach Löbau zurück, um im Haus Schminke seine Kunstfälschungen ganz offiziell an die Käufer zu bringen.  

Stiftung rettet das Haus, das ein Ort für Kinder bleiben soll

Seit 2009 hat eine Stiftung die Trägerschaft übernommen und sorgt seitdem dafür, dass das Denkmal ein lebendiges bleibt. Ein Museum zum Anfassen. Mehr noch, wer will, darf sogar übernachten – dort, wo einst Charlotte und Fritz Schminke schliefen. Das Haus kann angemietet werden, steht offen für Veranstaltungen – und natürlich für Kinder, Fünftklässler beispielsweise, die als Mini-Bauforscher unter Anleitung von Denkmalpflegerin Julia Bojaryn das Haus entdecken und ihren Projekttag mit einer selbst organisierten Führung abschließen. Sie haben herausgefunden, dass Architekt Hans Scharoun in Bremerhaven mit direktem Blick auf den Hafen und die Schiffe aufgewachsen ist und dass sich das Schiffsmotiv durch sein ganzes Werk zieht.

Auch in Zukunft soll Scharouns Meisterwerk ein Haus für Kinder bleiben – die einzige Bedingung übrigens, unter der die Schminke-Nachfahren auf ihre Eigentumsrechte verzichtet haben.

Tag des offenen Denkmals am 8. September: Haus Schminke & Nudelfabrik besichtigen Haus Schminke - Förderprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Kirschallee 1b
02708 Löbau

Geöffnet von 15:00 bis 18:00 Uhr
Führungen stündlich, Kinder können das Haus mit "Entdeckerbogen" erkunden.


Anker-Teigwarenfabrik
Äußere- Bautzner- Straße 30
02708 Löbau

Geöffnet von 15:00 bis 17:00 Uhr
Zu sehen sind Exponate, Fotos, Schriftgut zur Aufarbeitung der Geschichte der Nudelfabrik, zu hören sind Vorträge zur Nudelproduktion in Löbau und zum Wirken von Hans Scharoun in Löbau.

Haus Schminke - DDR- und Wendezeitgeschichte Das Ehepaar Schminke verpachtet das Haus an die Stadt Löbau, die im Mai 1951 ein Klubhaus für die Freie Deutsche Jugend (FDJ) einrichtet.

1952 Enteignung

1963 Klubhaus der FDJ aufgelöst, Haus Schminke nun "Haus der Pioniere"

1978 Haus Schminke wird unter Denkmalschutz gestellt.

1990 Die Stadt Löbau richtet im Haus Schminke ein Freizeitzentrum für Kinder und Jugendliche ein.

1993 Die Familie Schminke verzichtet darauf, ihr Eigentum zurückzufordern, um es für eine öffentliche Nutzung bereitzustellen.

1997 Die Wüstenrot-Stiftung und die Stadt Löbau machen einen Vertrag zur Sanierung und Instandsetzung.

1999-2000 Sanierung und Instandsetzung für 3,2 Mio. DM, Wiedereröffnung im Beisein der Schminke-Töchter Helga Zumpfe und Erika Inderbiethen. Originalgegenstände kehren auf deren Veranlassung an ihren Ursprungsort zurück, u.a. Ehebett, Schlafzimmersofa, Schreibsekretär sowie private Bilder.

Seit 2015 können Gäste das Haus Schminke nicht nur besuchen, sondern auch darin übernachten. Finanzielle Engpässe brachten den Verein auf die Idee.

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Haus Schminke in Löbau
Bildrechte: MDR/Viola Simank
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Zuletzt aktualisiert: 05. September 2019, 11:05 Uhr