Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 04.12.2018 | 20:45 Uhr Seiffen – kleines Weihnachtsparadies im Erzgebirge

Ein Film von Jutta-Valeska Hinz

Am östlichen Rand des Erzgebirges liegt ein ganz besonderer Ort: Seiffen – das Dorf der Spielzeugmacher. In ihren Werkstätten entsteht bezauberndes Kunsthandwerk, das hierzulande und überall auf der Welt die Herzen der Menschen erfreut.

Seiffen – Kleines Weihnachtsparadies im Erzgebirge      2 min
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Fr 23.11.2018 12:20Uhr 01:30 min

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Nirgendwo sonst soll die Weihnachtszeit schöner und gemütlicher sein als in Seiffen. Bis zu 15.000 Touristen pro Tag besuchen in der Adventszeit das kleine Dorf am äußersten Rand des Erzgebirges, um die Vorweihnachtszeit zu feiern und sich mit all den großen und kleinen Dingen einzudecken, die seit Jahrhunderten die Herzen der Menschen erfreuen: Nussknacker und Räuchermännchen, Weihnachtspyramiden, Schwibbögen, Engel oder Bergmann.

Familien-Tradition

Rund 130 Handwerksbetriebe sind das ganze Jahr über damit beschäftigt, wunderbares Holzspielzeug und weihnachtliches Kunsthandwerk herzustellen. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele Familienbetriebe eines Gewerks wie in Seiffen. Die meisten Spielzeugmacher-Manufakturen sind seit Generationen in Familienhand. So auch bei den Werners.

Christian Werner ist Reifendreher. Ein einzigartiges Handwerk, das es nur noch in Seiffen gibt. Kurz vor der Wende hat er sich selbständig gemacht – ein Wagnis, das er nicht bereut.

Ich habe das Reifendrehen aus dem Museum geholt und es wieder marktfähig gemacht. Und wie man sieht, kann man davon leben. Aber vom Himmel kommt es nicht geflogen: man muss schon etwas dafür tun.

Christian Werner
Seiffen – Kleines Weihnachtsparadies im Erzgebirge
Die Brüder Werner Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Sein Bruder Wolfgang Werner ist Spezialist für mechanisches Spielzeug aus Holz. Sein Geheimrezept: er interpretiert altes Spielzeug nach historischen Vorlagen neu. Der Jüngste im Bunde - Siegfried Werner - hat seine historische Spielzeugmacher-Manufaktur vom verstorbenen Vater übernommen.

Mein Vater war schon immer selbständig. Er hat sich als privater Handwerksmeister in Seiffen einen besonders guten Ruf gemacht.

Siegfried Werner

Wie der Vater, so setzt auch Siegfried Werner auf Tradition. Eine bewährte Arbeitsweise in den Seiffener Manufakturen. Im renommierten Spielzeugmuseum finden sich die schönsten Figuren und Dioramen zur Seiffener Geschichte. Und die reicht weit zurück.

Aus Bergleuten werden Kunsthandwerker

Seiffen – Kleines Weihnachtsparadies im Erzgebirge
Aus Bergleuten wurden Kunsthandwerker mit ganz besonderen Fähigkeiten Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Zisterzienser-Mönche entdecken um 1300 Zinnvorkommen in der Region, die aus dem namenlosen schwarzen Wald zwischen Böhmen und Sachsen das Erzgebirge machen. Sie gründen den Ort "Seiffen", dessen  Name vom "Zinn seifen", dem Zinn waschen kommt. Doch irgendwann rentiert sich der Erzabbau nicht mehr. Die Familien sind gezwungen, auf einen anderen Rohstoff umzusatteln: auf Holz.  Und so wird die erzgebirgische Volkskunst zum Markenzeichen einer ganzen Region. Drechseln, schnitzen, Reifen drehen – was vorher Hobby war, wird jetzt zum Beruf.

Doch leicht haben es die Spielzeugmacher in Seiffen nie. Heute stehen viele Werkstätten leer, es ist schwer, Nachwuchs zu finden. Auch Siegfried Werners Sohn Samuel - Geselle in der Werkstatt des Vaters - weiß schon jetzt, dass er sich beruflich anders orientieren will.

Ich habe nicht so die Geduld dafür, die filigranen Arbeiten. Auch die Bezahlung ist für mich nicht gut genug. Wenn ich meinen Vater immer so rennen sehe und letztendlich kommt nicht viel dabei raus, da will ich einen neuen Job ausprobieren und was anderes machen.

Samuel Werner

Angst vor Verstaatlichung in der DDR

Noch bis in die 1930er-Jahre in bitterer Armut lebend, müssen sich die selbständigen Handwerker zu DDR-Zeiten gegen die Vereinnahmung durch den Staat zur Wehr setzen. Die Repressalien für die Spielzeugmacher beginnen in den 1950er-Jahren: die Betriebe sollen nicht mehr in Familien, sondern in Produktionsgenossenschaften zusammenarbeiten. Die Drohung der Zwangskollektivierung hängt über den Handwerksbetrieben wie ein Damoklesschwert.

Seiffen – Kleines Weihnachtsparadies im Erzgebirge
Die Verstaatlichung in der DDR bedrohte die Existenz vieler Handwerksbetriebe Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Angst vor der Verstaatlichung, die unsere Eltern hatten, die haben wir ja täglich mitbekommen. Am Mittagstisch, beim Abendbrot, da haben wir als Kinder mitgebangt, wie soll das jetzt mal weiter gehen? Schlägt der Staat hier wirklich zu, dass unsere Eltern in Schwierigkeiten kommen, das hat mich schon sehr geprägt.

Christian Werner

Heute sind nicht nur herausragende handwerkliche Kenntnisse, sondern auch unternehmerische Fähigkeiten gefragt, um sich gegen die harte Konkurrenz – zum Beispiel aus Fernost – zu behaupten.

Ich bin nicht einfach nur ein Handwerker sondern auch ein Unternehmer geworden. Das unterscheidet sich von der Zeit meiner Gewerbegenehmigung bis heute am meisten.

Christian Werner

Wie haben es die selbständigen Seiffener Handwerksbetriebe trotzdem geschafft, sich gegen alle Widrigkeiten über die Jahrhunderte zu behaupten? Dieser Frage geht der Film "Seiffen – kleines Weihnachtsparadies im Erzgebirge" nach.   

Seiffen – Kleines Weihnachtsparadies im Erzgebirge
Seiffen in der Vorweihnachtszeit Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - entdecke, wo Du lebst | 04. Dezember 2018 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2018, 09:31 Uhr

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