"Fußball-Flüchtling" & Dynamo-Legende Frank Lippmann wird 60

Als torgefährlicher Außenbahnspieler beim DDR-Oberligisten Dynamo Dresden wollte sich Frank Lippmann auch in der Bundesliga beweisen. 1986 floh er in den Westen, wo ihm eine große Karriere aber nicht gelingen wollte. Anlässlich seines 60. Geburtstages blickt er nicht nur auf seine spektakuläre Flucht in die BRD zurück.

Frank Lippmann
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Dynamos überraschende 3:7-Niederlage im Europapokal-Rückspiel 1986 bei Bayer Uerdingen war die letzte Partie für Frank Lippmann im Dynamo-Trikot. Noch am Abend setzte sich der Stürmer über die Hotelgarage in den Westen ab und heuerte nur wenig später beim 1. FC Nürnberg an. "Eine Planung gab es aber nicht. Es war eine 50:50-Entscheidung", sagt er rückblickend. "Ich war 24, habe mich bei Dynamo gut weiterentwickelt und mir einen gewissen Namen gemacht, auch international. Dann war das der Zeitpunkt, an dem ich mir dachte: Wenn du es jetzt nicht machst, dann wohl nie."

Ich habe Frank die Flucht nie übelgenommen und damals schon zum Trainer Klaus Sammer gesagt: Wenn wir nach Hause kommen, schmeißen sie uns eh raus. Wir könnten auch gleich hier bleiben.

Dieter Riedel, damaliger Co-Trainer bei Dynamo Dresden dpa
Frank Lippmann (1986)
Frank Lippmann 1986 als Spieler von Dynamo Dresden Bildrechte: IMAGO

Dennoch bereut Frank Lippmann inzwischen seine Entscheidung. "Mit der Erfahrung, die ich jetzt habe, würde ich es als Fehler bezeichnen", gibt er zu. Grund dafür ist seine damalige Lebensgefährtin und heutige Frau Annett sowie die damals nur wenige Monate alte Tochter. Beide sah er rund drei Jahre nicht mehr. "Damals war ich etwas naiv. Ich hatte mir eingebildet, meine Familie schnell auch in den Westen zu bekommen. Das war ein Trugschluss. Ich hatte mir das einfacher vorgestellt."

Aus seiner knapp 1.200 Seiten langen Stasi-Akte geht zudem hervor, dass der "fahnenflüchtige" Volkspolizist gewaltsam in die DDR "zurückgeführt" werden sollte. Eine Person hatte sich dafür angeboten, galt der Staatssicherheit letztlich aber als zu "halbseiden". Name und Adresse sind Lippmann bekannt. "Ich bin aber kein nachtragender Mensch und nie auf die Idee gekommen, die Person aufzusuchen. Wenn man sich zu lange mit sowas beschäftigt, tut das der Seele nicht gut."

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Frank Lippmann, der frühere Mittelfeldspieler des DDR-Fußballoberligisten Dynamo Dresden am Ball am 16.11.2003 im heimatlichen Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden.
Frank Lippmann bei einem Benefizspiel 2003 Bildrechte: dpa

Erst 1989 konnte sich die kleine Familie wieder in die Arme schließen. Über Ungarn gelangten Freundin und Tochter nach Österreich, wo der Fußball-Profi inzwischen unter Vertrag stand. Sportlich konnte der Außenstürmer nicht mehr an seine erfolgreiche Zeit bei Dynamo anknüpfen. Nur 22 Spiele absolvierte Lippmann für den 1. FC Nürnberg und Waldhof Mannheim in der Bundesliga. Schuld war vor allem eine schier nicht enden wollende Verletzungsmisere. Zurück in Sachsen, beim Dresdner SC in der Landesliga, zog er sich 1993 zu allem Übel einen Knöchel-, Schien- und Wadenbeinbruch zu. "Das ist höhere Gewalt. Oft ist es in Zweikämpfen im Training passiert. So ist Fußball", sagt Lippmann. Mit dem Schicksal hadert er nicht.

Nach Stationen beim Dresdner SC, Dynamo Dresden, dem Bischofswerdaer FV und SV Pirna-Süd ist Lippmann seit 2017 beim sächsischen Siebtligisten Königswarthaer SV tätig. Zunächst als Trainer, seit einem Jahr als sportlicher Leiter und Koordinator für Sponsorenangelegenheiten. "Im Freizeit- und Breitensport wird die Spitze entwickelt", sagt Lippmann. Er hofft nicht nur deswegen, "dass ich dem Fußball auch bis ins hohe Alter noch erhalten bleibe."

Quelle: dpa

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: Sport im Osten | 27.03.2021 | 14:00 Uhr