Ausflugstipp Weltkulturerbe und "Ufo-Landeplatz": Die Greifensteine im Erzgebirge

Eine besonders reizvolle Landschaft findet man unweit der erzgebirgischen Orte Geyer und Ehrenfriedersdorf: ungewöhnlich anmutende Felsen, wie von Riesenhand erschaffen, ragen hier in die Lüfte. Die sagenumwobenen Greifensteine sind heute Kletterparadies, Kulisse für eine der schönsten Naturbühnen Europas und gehören außerdem als Teil der Montanregion Erzgebirge zum Unesco-Weltkulturerbe.

 Felsenensemble 45 min
Felsenensemble Bildrechte: MDR/Joerg Weimann

Es ist der wandernde Pfarrer Christian Lehmann, der die Greifensteine schon 1699 als "natürliche Merkwürdigkeiten" durchaus treffend beschreibt. Ihren Namen verdankt die ungewöhnlich anmutende Felsformation wohl einer Burg, von der nichts erhalten geblieben ist und deren Existenz lange bezweifelt wurde.

Dass sich viele Sagen um die Steine ranken, verwundert bei ihrem Anblick nicht. Sie reichen vom Geist eines wehklagenden Mädchens, über einen Goldschatz, bewacht von einem zotteligen Hund bis zur Legende vom Wilderer und Räuber Stülpner-Karl – dem Volkshelden der Region. Der soll in einer in einer Höhle unweit der Felsen gehaust haben.

Die Legende vom Stülpner-Karl

Jagen, die Nächte in Wäldern verbringen, das ist das Leben von Carl Heinrich Stilpner, genannt Stülpner-Karl. Zumindest in den Legenden, an denen er in seiner angeblichen Autobiographie "Carl Stülpner's merkwürdiges Leben und Abenteuer" kräftig mitstrickt.

In Wahrheit ist es mehr ein phantasievolles romantisches Lebensgemälde, als biographische Wahrheit. Denn Ärger mit der Obrigkeit, den hat Stülpner-Karl ein Leben lang. Stülpner wächst in bitterer Armut auf. Das Militär verspricht geregeltes Einkommen und Essen. Doch immer wieder eckt Stülpner an und desertiert schließlich. Verfolgt und vogelfrei haust er in den Wäldern.

Wie die Räuber von heute entzieht sich Stülpner dem polizeilichen Zugriff durch Flucht über die Grenze ins nahe Böhmen. Heimlich kehrt er nächtens zurück, um bei der Mutter die Wäsche zu wechseln oder seine Geliebte zu schwängern. Hinterhalten entkommt er immer wieder und soll – so die tolldreisteste seiner Geschichten – mutterseelenallein die Burg Scharfenstein belagert haben.

Eine Amnestie nutzt er, um wieder ins bürgerliche Leben zurückzukehren, heiratet, arbeitet als Zwirnhändler und Schmuggler. Viel Erfolg hat er offenbar nicht. Lahm und fast blind muss er von der Gemeinde Scharfenstein unterstützt werden. Reihum muss ihn jeder Hausbesitzer acht Tage lang beköstigen und beherbergen. Genug Zeit, um sich die phantasievoll ausgeschmückten Geschichten des einstigen Wilddiebes anzuhören.

Die Greifensteine: Mythen und Impressionen

Greifensteine nach Lehmann
Die Greifensteine: Sieben ungewöhnlich anmutende, wie von Riesenhand.... Bildrechte: Joerg Weimann
Greifensteine nach Lehmann
Die Greifensteine: Sieben ungewöhnlich anmutende, wie von Riesenhand.... Bildrechte: Joerg Weimann
Greifensteine
... in die erzgebirische Landschaft gestellte Granitfelsen, die.... Bildrechte: Kerstin Holl
Archivbild einer Felsenformation
...schon der wandernde Pfarrer Christian Lehmann 1699 als „natürliche Merkwürdigkeiten“ – durchaus treffend beschrieb. Bildrechte: GAK_1228_Frank Spallek
Ein Apatit
Die Greifensteine sind beliebtes Ziel von Hobby-Mineralogen, denn viele Minerale sind in der Geschichte hier erstmals gefunden und beschrieben worden. So gibt es hier u.a. Turmalin, Rauchquarz, Topas oder auch Granat. Bildrechte: Frank Spallek
Blick vom Zuschauerraum zur Naturbühne Greifensteine
Noch heute erfreut sich das Theater unter freiem Himmel größter Beliebtheit. Bildrechte: Eduard-von-Winterstein-Theater
Bergsteiger in den Greifensteinen
Deutschlandweit gibt es wohl wenig bizarrer anmutende Kletterfelsen als die Greifensteine. Außer langen Kamin- und Reibungswegen bieten die Greifensteine fast alles und das in jedem Schwierigkeitsgrad. Bildrechte: Peter Seibt
Klettern an einem der Felsen.
Selbstverständlich gibt es neben Kreuzfelsen, Gamsfelsen, Seekofel, kleinem Brocken und Turnerfelsen auch eine "Stülpnerwand". Bildrechte: MDR/Joerg Weimann
Greifensteine
Das ungewöhnliche Aussehen verdanken die Steine ihrer als "Wollsackverwitterung" oder auch "Matratzenverwitterung" bezeichneten Küftung. Bildrechte: Kerstin Holl
Archivbild einer Versammmlung vor einer Felsenformation
Auch die Naturbühne/Felsenbühne entstand – wie die meisten Sehenswürdigkeiten der Region - aus einem stillgelegten Steinbruch, dem sogenannten Kandlerbruch. Bereits 1846 begann man, an den Greifensteinen Theater zu spielen und nur zehn Jahre später wurde das erste Berggasthaus eröffnet. Bildrechte: Frank Spallek
Greifensteine
Und vielleicht werden auch Sie - bei einem Besuch - von der Schönheit der Natur verzaubert werden. Bildrechte: Joerg Weimann
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Das wertvolle Gestein

Der Granit der Greifensteine ist viel älter, als die Legende des berühmten Räubers. Die Felsen und seine in ihm eingeschlossenen Schätze entstehen im Zuge der sogenannten Variszischen Gebirgsbildung, die auch das Erzgebirge vor mehreren hundert Millionen Jahren hervorbringt. In diesem Granit ist das Erz eingeschlossen, dass die Region über Jahrhunderte prägen wird.

Bis zum späten Mittelalter ist das schwer passierbare Waldgebiet rund um das Erzgebirge kaum besiedelt. Erst mit dem Fund der reichen Erzvorkommen setzt seine Erschließung ein. Im Raum Ehrenfriedersdorf und Geyer sind es Zinnvorkommen, die Bergleute magisch anziehen. Bereits um das Jahr 1210 wird in Ehrenfriedersdorfs das Erz abgebaut.

Eine bahnbrechende Erfindung hiesiger Bergbau-Ingenieure, die Ehrenfriedersdorfer Radpumpe befeuert den Abbau zusätzlich – durch sie wird die Wasserhebetechnik revolutioniert und macht die Zinngrube am Sauberg weit über die Region hinaus bekannt.

Lange währt der Bergbau und so fördert man dort noch in DDR-Zeiten tonnenweise das begehrte Erz. 1990 ist der Abbau von Zinnerz in der Region nicht mehr rentabel: Nach 800 Jahren wird die Grube geschlossen und nach deren Sicherung in ein Schaubergwerk umgebaut.

Die Berggrabebrüderschaft Ehrenfriedersdorf ist der vermutlich älteste Bergmannsverein Europas. Gegründet wird sie bereits 1338. Heute kümmert sich die Brüderschaft um die Hinterlassenschaften des Bergbaus, wie den 600 Jahre alte Ehrenfriedersdorfer Röhrgraben und die Mundlöcher rund um die Greifensteine, die seit 2018 zum Unesco-Weltkulturerbe Montanregion Erzgebirge gehören. Auch das Andenken an die Geschichte des Bergbaus vor Ort zu bewahren, ist ein wichtiges Ansinnen der Brüderschaft.

Damit auch Außenstehenden wissen, was hier alles so los gewesen ist. Denn im Laufe der Zeit verblasst die Erinnerung immer mehr und das ist eigentlich mein Anliegen, dass das nicht in Vergessenheit gerät.

Thomas Jäger, Berggrabebrüderschaft Ehrenfriedersdorf

Begehrter Granit

Auch über Tage gibt es im Laufe der Jahrhunderte reichlich Aktivitäten: Der Greifenstein-Granit ist als Baumaterial sehr gefragt. 500 Jahre lang wird er in den Steinbrüchen rund um die Felsen abgebaut. So verschwinden im Laufe der Jahre sechs der ehemals 13 Felsen. Erst in den 1950er Jahren endet dieser Raubbau.

Greifensteine
Der Greifenstein-Granit Bildrechte: Kerstin Holl

Mit großer Wahrscheinlichkeit findet dieser Greifenstein-Granit als Baumaterial für die sagenumwobene Burg auf den Felsen Verwendung. Dass die verschwundene Burg keine Erfindung ortsansässiger Mythendichter ist, belegen Funde bei Ausgrabungen, die Heimatforscher aus der Region machen. Diese beweisen zweifelsfrei die Existenz der sagenumwobenen Burg.

Nach unserem archäologischen Funden ist die Burg um 1200 errichtet worden. Das ist die Zeit des sogenannten großen Landesausbaus. Eine Zeit, da man in Gebirgsgegenden ging, die bis dahin völlig unbesiedelt waren.

Volkmar Geupel, Archäologe und Burgenkundler

Und erst mit der Besiedlung bekommen die steinernen Riesen ihren Namen, denn Burg und Steine sind geschichtlich eng miteinander verbunden.

Der Osten - Greifensteine
So könnte die legendäre Burg ausgesehen haben Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Greifenstein ist ein typischer Burgenname, er wird mit dem Vogelnamen Greif gebildet und den gibt es im deutschsprachigen Raum überall. Sogar in Frankreich und in Polen gibt es einen Greifenstein. So haben die Greifensteine ihren Namen von der Burg, denn die Burg ist das erste, was dort errichtet wird.

Volkmar Geupel

Ein Jahrhundert bleibt die Burg Mittelpunkt einer Rodeherrschaft des Kaisers. Mit der Entdeckung der Zinn- und Silbererzvorkommen erfährt auch die Bedeutung der Burg einen Wandel. Die Burg wird nun zum Sitz eines Bergmeisters, der den Bergbau beaufsichtigt. Und das schlägt sich dann auch in den archäologischen Funden nieder.

Da es keine weiteren Burg-Funde aus dem 15. Jahrhundert oder später gibt, lässt Experten davon ausgehen, dass die Burg spätestens um 1400 aufgegeben wird und anschließend verfällt.

Wenn es an den Greifensteinen spukt

Regisseur Günter Meyer ist seit jeher ein Fan der Greifensteine. Aufgewachsen ist er in Thum, einem Ort, der nur zehn Fahrradminuten von seinen Lieblingsfelsen entfernt liegt. Schon früh zeigen sich seine Liebe zur Fotografie und sein Sinn für Komik. Seinen ersten Film dreht er 1969.

Der Osten - Greifensteine
Szene aus dem Film "Spuk von draußen" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Günter Meyers größter Erfolg gilt jedoch die mehrteilige Spuk-Reihe des DFF-Kinderfernsehens, die noch heute Kultstatus genießt. Und so kommt es 1987 in "Spuk von draußen"- an den Greifensteinen erstmals zu einem extraterrestrischen Zwischenfall, als ein UFO zwischen den Granitfelsen landet. Die phantasievolle Episode ist auch eine Hommage an seine erzgebirgische Heimat.

Der Witz dieser 'Spuk von draußen'- Geschichte war ja, dass die Außerirdischen vom Planeten Obscura auf die Erde kommen, um ihren Roboter, der dreihundert Jahre schon am Greifenstein lebte, zurückzuholen. Doch das wollte der aber nicht. Er wollte hierbleiben.

Regisseur Günter Meyer

Theater mit bizarrer Kulisse

Die bizarren Felsen der Greifensteine liefern nicht nur für den Film die passende Kulisse. In dieser Spielzeit werden sie Teil eines dunklen alten Schlosses, des Anwesens der "Addams Family". Die Felsenbühne gilt heute als eine der schönsten Naturbühnen Europas, auf der schon seit hundert Jahren Theater gespielt wird.

Archivbild einer Versammmlung vor einer Felsenformation
Historische Aufnahme der Felsenbühne Bildrechte: Frank Spallek

1931 wird die Felsenbühne feierlich eröffnet. Das Programm reicht von Musikaufführungen, über klassische Stücke bis hin zu Passionsspielen. Auch nach dem Krieg bleibt die Bühne ein Zuschauermagnet. Bespielt wird die Bühne seit den 1950er-Jahren durchgehend vom Ensemble des Eduard-von-Winterstein-Theaters in Annaberg-Buchholz, die jedes Jahr ihr Theater räumen, um unter freien Himmel zu spielen. Und da kann das Wetter schon mal eine Aufführung durcheinanderwirbeln.

Ein Paradies für Kletterer

Auch die Kletterer an den Felswänden der Steine sind die Urgewalten des Wetters gewöhnt. Sommers wie winters sind sie hier aktiv. Auf eine gewisse Tradition schaut man auch hier zurück: Schon im 19. Jahrhundert sind die Greifensteine beliebtes Ziel Chemnitzer Klettervereine.

Obwohl Klettern weltweit als eine Männerdomäne gilt, dürfen in der Chemnitzer Sektion des Deutschen Alpenvereins bereits mit seiner Gründung auch Frauen klettern. Eine Chemnitzer Pionierin des Frauenkletterns ist Ruth Raschig. Zu groß ist ihre Liebe zu diesem Sport, als sich von Zeitgeist und frauenfeindlicher Engstirnigkeit beeinflussen zu lassen.

Klettern an einem der Felsen.
Die Greifensteine sind auch Kletter-Paradies. Bildrechte: MDR/Joerg Weimann

Viele konnten das ja auch nicht nachvollziehen. Schwierigkeiten hatte ich dann eher mit den Schwiegerleuten, die das absolut nicht akzeptieren wollten, dass ich Klettern ging. Als die beiden Kinder dann kamen, da war bei ihnen immer die Hoffnung, jetzt hört sie auf. Die wollten mich nur in der Küche sehen.

Ruth Raschig, Kletterin

Heute haben Mädchen und Frauen am Felsen längst aufgeholt. Außer langen Kamin- und Reibungswegen finden sich an den Greifensteine fast alles, was das Klettererherz höher schlagen lässt: Selbstverständlich gibt es neben Kreuzfelsen, Gamsfelsen, Seekofel, kleinem Brocken und Turnerfelsen auch eine "Stülpnerwand".

Und mit etwas Glück kann man bei einer Wanderung seltene Mineralien finden, denn auch dafür ist die Gegend rund um die "natürlichen Merkwürdigkeiten" bekannt.

 Felsenensemble 45 min
Felsenensemble Bildrechte: MDR/Joerg Weimann

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo du lebst | 07. September 2021 | 21:00 Uhr

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