Gregor Gysi
Gregor Gysi in gewohnter Pose. Bildrechte: dpa

Gregor Gysi Der Mann, der mehr als nur mitmoderiert

Gregor Gysi war bereits zu DDR-Zeiten ein hochangesehener Mann: Er war SED-Mitglied und -Kritiker, sogar ihr letzter Vorsitzender. Die Nachfolgepartei Die Linke machte er später zu einer bundesweit erfolgreichen Partei, kurz war er Wirtschaftssenator in Berlin. Die politische Karriere des Gregor Gysi ist so bewegt wie wenige andere, und sie machte ihn zu einem der beliebtesten deutschen Politiker.

Gregor Gysi
Gregor Gysi in gewohnter Pose. Bildrechte: dpa

Im Oktober 2015 hielt Gregor Gysi seine letzte Rede als Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag. Und es war eine denkwürdige Rede: Seit 1990 gehört Gysi dem Bundestag an, er hatte ihn um viele geschliffene Reden bereichert, hatte dort mit der PDS erst der Partei Gehör verschafft, die das Erbe der SED mit sich herumschleppte und mit "Die Linke" später die Partei vertreten, die auch dank seines Wirkens im gesamten Land eine relevante politische Kraft wurde. Der Bundestag ist für Gysi auch das Parlament, das ihm mit dem Immunitätsausschuss schwer zusetzte: Immer wieder sah sich Gysi Vorwürfen ausgesetzt, er habe Mandanten, die er in der DDR als Rechtsanwalt vertrat, für die Stasi bespitzelt.

Gregor Gysi spricht im Bundestag in Berlin
Gregor Gysi bei seiner letzten Rede im Bundestag als Fraktionsvorsitzender der Linken. Bildrechte: dpa

Seine letzte Rede als Fraktionsvorsitzender nutzte Gysi nun dazu, mit denen, die ihn immer wieder angriffen, Frieden zu schließen. Zum ersten Mal adressierte er das Plenum mit den Worten "Liebe Kolleginnen und Kollegen" - eine Formel, auf die er zuvor jahrelang verzichtet hatte, aufgrund der "Verletzungen", die ihm nach eigener Aussage im Immunitätsausschuss zugefügt worden waren. Und überhaupt nutzte er seine Redezeit weniger als einen Angriff auf die Regierung (das war als Oppositionsführer ja seine Hauptaufgabe), sondern er formulierte ein paar Wünsche an die Politik und die Bundesregierung.

Lammert und Gysi: Eine besondere Beziehung

Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert bedankte sich nach Gysis Rede für eben jene - als eine, die Züge einer Regierungserklärung getragen habe. Lammert und Gysi, das sind ja sowieso zwei, die sich im Bundestag auf Augenhöhe begegnet sind - jedenfalls sprichwörtlich, denn meistens beschied Lammert, oberhalb Gysi sitzend, dass dessen Redezeit vorbei sei. Das ging dann zum Beispiel so: "Auch für prophetische Reden gelten die profanen Regeln unserer Geschäftsordnung". (Allen Interessierten sei eine kleine Internet-Recherche zum Thema "Lammert Gysi" empfohlen. Da gibt es haufenweise lustige Zusammenschnitte.)

Gysi in Bildern

Der neugewählte Vorsitzende der SED, Dr. Gregor Gysi (M), wird nach seiner Wahl beim außerordentlichen Parteitag am 10. Dezember 1989 in Ostberlin unter dem Beifall der Delegierten mit einem symbolischen Geschenk zum großen "Saubermacher" gekürt.
10. Dezember 1989: Gregor Gysi wird als neugewählter Vorsitzender der SED-PDS nach seiner Wahl unter dem Beifall der Delegierten mit einem symbolischen Geschenk zum großen "Saubermacher" gekürt. Während seiner Zeit in der SED erwarb sich Gysi, der zuvor schon gegen einen "Staatssozialismus" war, den Ruf eines "Reformkommunisten". Bildrechte: dpa
Der neugewählte Vorsitzende der SED, Dr. Gregor Gysi (M), wird nach seiner Wahl beim außerordentlichen Parteitag am 10. Dezember 1989 in Ostberlin unter dem Beifall der Delegierten mit einem symbolischen Geschenk zum großen "Saubermacher" gekürt.
10. Dezember 1989: Gregor Gysi wird als neugewählter Vorsitzender der SED-PDS nach seiner Wahl unter dem Beifall der Delegierten mit einem symbolischen Geschenk zum großen "Saubermacher" gekürt. Während seiner Zeit in der SED erwarb sich Gysi, der zuvor schon gegen einen "Staatssozialismus" war, den Ruf eines "Reformkommunisten". Bildrechte: dpa
Gregor Gysi (l, PDS) mit seinem Sohn George bei der Stimmabgabe in Ost-Berlin.
Bei den ersten freien Wahlen zur Volkskammer im März 1990 gab Gregor Gysi gemeinsam mit seinem Sohn George die Stimme ab. Bildrechte: dpa
Gregor Gysi (PDS) nimmt am Rande der Sitzung eine Stärkung zu sich.
In die Volkskammer zog Gysi mit der SED-PDS ein. Am Rande der konstituierenden Sitzung gab es eine Stärkung. So sah das damals aus. Bildrechte: dpa
Bundeskanzler Helmut Kohl (M) lacht während der Rede des PDS-Vorsitzenden Gregor Gysi (vorn) aus vollem Halse. Links neben Kohl Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP)
Die Ereignisse überschlugen sich in den folgenden Monaten und schon im Dezember 1990 wurde der erste gesamtdeutsche Bundestag gewählt - in den Gysi für die PDS einzog. Von nun an bekamen es die wechselnden Regierungen und Bundeskanzler mit der berüchtigten Rhetorik und Schlagfertigkeit Gysis zu tun. Helmut Kohl lachte schonmal vor. Bildrechte: dpa
Der PDS-Vorsitzende Gregor Gysi gibt am 04.03.1990 in Berlin in Springermontur Autogramme.
Zwischendrin folgte Gysi noch der Einladung des Ost-Berliner Fallschirmspringer-Clubs. Er willigte ein, einen Tandemsprung zu wagen. Der kam wegen zu heftigen Windes dann aber nicht zu Stande. Bildrechte: dpa
Lothar Bisky und Gregor Gysi
In den Neunzigern zog die PDS auch dank des Direktmandates von Gregor Gysi wiederholt in den Bundestag ein. Das Bild zeigt Gysi mit seinem langjährigen Weggefährten Lothar Bisky. Bildrechte: dpa
Gregor Gysitelefoniert von seinem Platz im Plenarsaal des Bundestages
Gregor Gysi im Bundestag - etwa 1997. Es war die Zeit, in der Vorwürfe gegen Gysi, als Rechtsanwalt Mandanten gegenüber der Stasi verraten zu haben, laut wurden. Ab 1998 widmete sich der Immunitätsausschuss dem Thema. Bis heute hat sich Gysi auch juristisch erfolgreich gegen die Behauptung gewährt, er habe als IM für die Stasi gewirkt. Bildrechte: dpa
Gregor Gysi besichtigt die Baustelle des Stadions des 1. FC Union Berlin
Gregor Gysi besichtigt 2008 die Baustelle des Fußballvereins Union Berlin. Fans haben seinerzeit das Stadion renoviert. Gregor Gysi hat seinen Lebensmittelpunkt in Berlin, 2002 war er kurzzeitig Wirtschaftssenator des Landes Berlin. Bildrechte: dpa
Gregor Gysi in einem zweimotorigen Flugzeug
Den Posten räumte er wie andere politische Ämter in Folge der Bonusmeilen-Affäre. Er hatte damals beruflich und auf Kosten des Steuerzahlers erworbene Bonusmeilen privat verflogen. Bildrechte: dpa
Gregor Gysi und Oskar Lafontaine beim Parteitag der Linken in Göttingen 2012
Sein politisches Comeback wagte er wenige Jahre später, als es zur Zusammenarbeit und später Fusion mit der linken SPD-Abspaltung WASG ("Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit") kam. Damals sein politischer Partner: Oskar Lafontaine. Später stand Gysi allein an der Spitze der neuen Partei "Die Linke", die - anders als die PDS - bundesweit ihre Wähler finden sollte. Bildrechte: dpa
Gregor Gysi spricht im Bundestag in Berlin
Im Oktober 2015 hält Gregor Gysi seine letzte Rede als Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag. Das letzte Mal ergriff er dabei das Wort als Oppositionsführer. Bildrechte: dpa
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Mit Gysi hat eine Identifikationsfigur und ein gewiefter Rhetoriker die erste Reihe der Politik mehr oder weniger verlassen (immerhin ist er noch der Vorsitzende der Europäischen Linken; so ganz kann er es also immer noch nicht lassen), aus der deutschen Öffentlichkeit ist der Politiker aber nicht wegzudenken. Im Herbst etwa erschien seine Autobiografie "Ein Leben ist zu wenig". Darin schaut er auf sein Leben als Politiker zurück, aber auch als Familienvater, Anwalt, Autor und Moderator.

Prägendes Elternhaus

Gysis Eltern stammen aus großbürgerlichen Familien mit jüdischen Wurzeln und machten in der DDR Karriere. Vater Klaus Gysi war Minister für Kultur und später Staatssekretär für Kirchenfragen, loyal und kritisch zugleich. Mutter Irene Gysi war unter anderem Verlagsleiterin. Mit dem Wissen um dieses Elternhaus lässt sich Gregor Gysi zweifelsfrei besser verstehen. In einem 90-minütigen Dokumentarfilm zeichnet der MDR Gysis Weg in der DDR nach, seine Rolle als Verteidiger von Dissidenten und gleichzeitig Chef aller DDR-Anwälte. Sie zeigen seinen Aufstieg zur Leitfigur der Linken aber auch den Hass, der Gysi auf der Straße und auch im Bundestag entgegenschlug. Dabei lenken sie den Blick immer wieder auf das für ihn prägende Elternhaus. Gysi selbst hat zwei Söhne aus erster Ehe (einen von ihnen hatte er adoptiert) sowie eine Tochter aus zweiter Ehe.

Sein aktueller Auftritt beim Riverboat ist sein mittlerweile zehnter. Warum er die Einladung, zu uns zu kommen, so gern annimmt, hatte er uns schon beim letzten Mal im Jahr 2016 verraten: "Weil ich hier mitmoderiere", sagte er damals. Ganz klar, Gregor Gysi wird auch diesmal wieder eine Bereicherung für die Talkrunde sein - bevor er nächste Woche, am 16. Januar, schließlich 70 Jahre alt wird.

Gregor Gysi ist zu Gast im Riverboat | 12. Januar | 22 Uhr | MDR Fernsehen

Dokumentarfilm "Gysi" | 14. Januar | 22 Uhr | MDR Fernsehen

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2018, 22:10 Uhr

Gregor Gysi 2 min
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Im Riverboat erklärt Gregor Gysi, warum er schon sechs verschiedene Leben gelebt hat.

Mo 15.01.2018 12:07Uhr 01:33 min

https://www.mdr.de/riverboat/video-167992.html

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Gregor Gysi 1 min
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Gregor Gysi im Riverboat über Politiker, die sich zu wichtig nehmen und die eigenen Fehler im Leben.

Mo 15.01.2018 12:07Uhr 01:07 min

https://www.mdr.de/riverboat/video-167994.html

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Gregor Gysi, gestikulierend 1 min
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Gregor Gysi 1 min
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Gregor Gysi spricht im Riverboat über den Konkurrenzkampf innerhalb der Parteien.

Mo 15.01.2018 12:08Uhr 01:09 min

https://www.mdr.de/riverboat/video-168002.html

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