Jenaer Stadtgeschichte Der Jentower – der Turm der Visionäre

Mit seinen 159 Metern Höhe ist er das höchste Bürogebäude Mitteldeutschlands und das wohl prägnanteste Wahrzeichen der Stadt: der Jentower. Er ist jedoch auch ein ungeliebtes Wahrzeichen. Viele Menschen aus Jena haben bis heute ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Solitär, wird er doch als Grund für die Zerstörung ihrer Innenstadt gesehen. Doch der Turm ist bis heute auch ein Ort für Visionäre, die Jena weit über die Landesgrenzen bekannt machen.

Der Osten entdecke wo du lebst: Jentower 45 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Der Berliner Architekt Hermann Henselmann entwirft 1968 den Turm, als Prestigebau der DDR-Regierung und Symbolarchitektur des Sozialismus. Der Preis dafür ist die Zerstörung historischer Bausubstanz. Mitten im Zentrum von Jena, wo gerade die Kriegstrümmer beseitigt wurden und die Menschen ihr altes Jena wiederaufbauen, müssen Teile der Altstadt, dem gigantischen Bauwerk weichen.

Grundsteinlegung ist am 30. April 1970. Doch das, was dann tatsächlich in Jenas Zentrum entsteht, hat mit der schillernden Vision des Architekten Henselmann nicht mehr viel gemeinsam. Der Henselmann´sche Entwurf ist auf seine Weise visionär, sprengt aber jegliche Dimension an Größe und Finanzierbarkeit.

Henselmann verfolgte die Idee, sozialistische Stadtkronen in Zentren erbauen zu lassen. Die konvex gekrümmten Fenster des Turms, die an die Linsen der feinmechanisch optischen Industrie erinnern sollten - so genannte Bullaugen - wurden nicht verwirklicht, denn eines hätte schon allein 6,5 Millionen Mark der DDR gekostet.

Dr. Rüdiger Stutz, Stadthistoriker

Tatsächlich wächst ein schlichter Stahlbetonturm in Jenas Mitte, in den eigentlich das Carl Zeiss Kombinat einziehen soll. Doch der Turm ist als Forschungshochhaus baulich ungeeignet und so ist es am Ende die Friedrich-Schiller-Universität, die den Turm bezieht.

Wie der Verlust von Heimat

Das Elternhaus von Thomas Röher stand genau an jener Stelle, an der 1970 der Turm errichtet wird. Unten führen seine Eltern ein florierendes Optikergeschäft, oben wohnt die Familie. Nachdem die Eltern ihr geliebtes Häuschen gerade aus den Kriegstrümmern der zerbombten Jenaer Innenstadt wiederaufgebaut haben, kommt die Anweisung zur Sprengung.

Ein Mann während eines Interviews.
Thomas Röher Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mein Vater kam sehr deprimiert und wütend nach Hause und meine Eltern haben erst einmal versucht, es von uns fern zu halten. Irgendwann mussten sie uns reinen Wein einschenken und das war für meine Schwester und mich unvorstellbar. Mein Fahrrad war dann das Allerletzte, was sich aus dem Haus holte.

Thomas Röher

Die Familie wird umgesiedelt. Bis heute ist dieser Heimatverlust, den Thomas Röher als Kind erlebt hat für ihn traumatisch. Seine Eltern haben den Turm zeitlebens nie betreten.

Schatten des Turms

Auch Roland Jahn – ehemaliger Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen – ist als gebürtiger Jenenser mit dem Turm aufgewachsen und geht dort als Student der Wirtschaftswissenschaften ein und aus. Die Hörsäle seiner Fakultät befinden sich direkt im Jentower.

Für Roland Jahn liegt hier der schicksalhafte Beginn seiner Zwangsausweisung aus der DDR. Der junge Student ist ein wacher Geist und setzt sich kritisch mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann auseinander.

So eine Ausbürgerung, gerade eines Liedermachers, der unser Idol ist, der das singt, was wir denken und fühlen, das ist etwas, was nicht unwidersprochen hingenommen werden kann. Und so haben die verschiedensten Leute bei Zeiss, bei mir an der Uni und in anderen Betrieben gesagt: So geht es nicht weiter. Das Ergebnis war, dass fast alle, die da aktiv waren, Folgen zu tragen hatten.

Roland Jahn
Der Osten entdecke wo du lebst: Jentower 4 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Roland Jahn wird dafür von der Universität exmatrikuliert - wenige Jahre später verhaftet und gefesselt über die Grenze in den Westen gebracht.

Der Ausschluss vom Studium hat dazu geführt, dass ich ganz bewusst Oppositioneller geworden bin, dass ich ganz bewusst diesen Staat abgelehnt habe. Und in dem Sinne kann man sagen, als Staatsfeind wird man nicht geboren, zu dem ist man in der DDR erzogen worden.

Roland Jahn

Zentrum des E-Commerce

Der Jentower ist trotz seiner umstrittenen Geschichte seit jeher auch ein Magnet für Freigeister und Visionäre. Nach der deutschen Einheit kommt der Turm für eine symbolische D-Mark unter den Hammer. Drei Studenten ohne Kapital, dafür aber mit einer Vision, gründen die Intershop AG und ziehen ein. Die verschlafene Stadt Jena wird plötzlich zum Zentrum des E-Commerce und der Erfolg der Intershop AG geht durch die Decke.

Im Frühjahr ´98 geht die Firma an die Börse. Innerhalb kürzester Zeit ist Intershop elf Milliarden Euro wert und beschäftigt 1.200 Mitarbeiter. Doch trotz des internationalen Durchbruchs bleiben die drei Gründer ihrer Heimat treu und vorerst auch dem Jentower.

Ein Mann während eines Interviews.
Karsten Schneider Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Freund - selbst Jenenser - hatte irgendwie rumgemeckert: Was für ein hässlicher Klotz das denn sei. Und da ich immer zum Widerspruch neige, habe ich gesagt: Überleg doch mal, gibt es irgendwo in der Welt eine 100.000-Einwohner-Stadt, die so ein Gebäude hat? Das macht überhaupt keinen Sinn, ein so teures Gebäude hier hinzusetzen. Das alleine ist schon eine Story für sich.

Karsten Schneider, Mitgründer der Intershop AG

Höchste Kochkunst

Der Osten entdecke wo du lebst: Jentower
Christan Hempfe in seinem Restaurant Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch Andreas Machner ist vom Jentower magisch angezogen. Er eröffnet 2001 ein exklusives Restaurant auf der Spitze des Turms, das heute Gäste aus der ganzen Welt nach Jena lockt. Ein gewagtes Projekt, das damals Unglauben und Spott provoziert. In ganz Jena kann zu jener Zeit niemand etwas mit gehobener und hochpreisiger Küche anfangen. Doch Andreas Machner hält an seinem Traum fest und hat Erfolg.

Nach 20 Jahren gibt Andreas Machner sein Lebenswerk in die Hände eines Nachfolgers - an Christan Hempfe – seinen einst jüngsten Chefkoch, der das Restaurant komplett umgestaltet und eine ganz neue Art von Menü anbieten will. Wieder einmal Zeit für Veränderung, im Jentower.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo du lebst | 12. Oktober 2021 | 21:00 Uhr