Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR-Fernsehen | 18.05.2021 | 21:00 Uhr + Online first Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg

500 Jahre hat der Kalk den Menschen der Region Brot und Lohn gegeben. Seit 2015 ist Schicht im Schacht von Lengefeld im Erzgebirge. Doch noch immer ranken sich viele Geschichten um den weißen Berg. Die Legende um das Kunstversteck der Nazis im Schacht gehört dazu, von der einst sogar ein DEFA-Film erzählte. Die Reportage von Katja Herr begleitet ehemalige Bergleute auf ihrer Abschiedstour unter Tage. Sie zeigen, dass die Bergbau-Tradition durchaus Zukunft hat.

Lang ist es her, dass sie gemeinsam in die Tiefe gefahren sind. Nun steht für die ehemaligen Bergmänner Hardy Wenzel, Wolfgang Schilka und Heiko Biedermann die letzte Grubeninspektion an. Es heißt Abschied nehmen. Denn es ist Schicht im Schacht von Lengefeld. Eigentlich seit 2015 schon. Seitdem werden die großen Bagger und Kipplader mit schweren Seilwinden aus der Grube geholt. Schließlich haben die tiefsten Sohlen von Lengefeld keine Zufahrt. Und alles, was raus soll, muss über den Wetterschacht. Auch die Lok der alten Grubenbahn. Vieles, was als nicht umweltgefährdend gilt, etwa die alten Gleise, bleibt vor Ort.

Welterbe: Stollen bis zur 12. Sohle, Marmorkathedralen

Licht und Schatten im weißen Berg
Knapp 100 Meter tief befindet sich die letzte begehbare Ebene: Wolfgang Schilka, Hardy Wenzel und Heiko Biedermann auf Abschiedstour. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kalk ist eigentlich nur ein Bauzusatzstoff, um den man andernorts nicht viel Aufhebens macht. Hier in der Region hat der weiße Marmor den Menschen über 500 Jahre Arbeit, Lohn und Brot gegeben. Ein riesiges Labyrinth mit kilometerlangen Straßen entstand beim Abbau unterhalb des ländlich-idyllischen Ortes Pockau-Lengefeld: Mit Stollen, die bis zur 12. Sohle tief in den Berg hineinreichen und mit Marmor-Kathedralen gut 20 Meter mächtig. Ein geologisches Wunder und ein technisches Meisterwerk.

Seit 2019 gehören die historischen Anlagen zum UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge.

Museumsreif schon zu DDR-Zeiten

Licht und Schatten im weißen Berg
Unterwegs in der siebenten Sohle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Museumsreif sind sie freilich schon zu DDR-Zeiten, als das kleinste Bergwerk des Landes finanziell am Tropf der Wismut hängt. Mit der Wende brechen die Absatzmärkte weg. Doch punkten können die Lengefelder mit einer besonderen Eigenschaft ihres Produkts. Anders als Marmore aus Italien oder Spanien ist es kältebeständig, wie der studierte Geologe Wolfgang Schilka erklärt. So interessiert sich 1992 doch ein Investor. Noch im Jahr der Übernahme passiert ein Unglück. Ein großer Tagesbruch, der beinah das Aus der Grube bedeutet hätte. Doch noch 23 Jahre holen die Bergmänner Marmor aus der Tiefe. Dann gilt die Lagerstätte als nicht mehr rentabel. Schilka bedauert das, er vermutet noch große Vorräte.

Die Grube ist stillgelegt. Doch oben im Kalkwerk werden in der Aufbereitungsanlage immer noch feine Marmormehle für die Bauindustrie gesiebt. Heikos Sohn Steve arbeitet dort. Das Material kommt heute aus einer neuen Grube in Hammerunterwiesenthal.

Keine Extra-Butter, kein Bergmannsschnapps

Licht und Schatten im weißen Berg
Kein Bergbau in Lengefeld? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei der Abschieds-Tour durch den Lengefelder Untergrund kommen Erinnerungen hoch. 26 Jahre ist Heiko Biedermann als Steinhauer unter Tage gewesen. Immer der erste im Berg, sobald der Staub der Sprengung verflog. Dabei gelten die Lengefelder Kalkwerker zu DDR-Zeiten nicht mal als Bergleute. Sie werden dem VEB Naturstein zugeschlagen und sind damit von allen Untertage-Vorzügen ausgeschlossen. Keine extra Butterration, kein Budget an Bergmannsschnaps und auch keine finanziellen Sonderzulagen. Trotz der harten Arbeitsbedingungen mit überalterter Technik und ohne Atemschutz.

Mit Sinn für schwarzen Humor sagt Biedermann:

Ich bin mit 60 in Rente gegangen: jung, dynamisch, mittellos.

Heiko Biedermann Steinhauer

Legende ums Nazi-Kunstversteck

Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
Kunsthistorikerin Irina Alter in der Sächsischen Gemäldegalerie vor Tizians "Der Zinsgroschen" Bildrechte: promovie / Katja Herr

Und noch ein anderes Geheimnis jenseits des weißen Steines wäre unter Tage zu erkunden, meinen manche. Jeder in der Gegend kennt die Geschichte vom Lengefelder Berg als Kunstversteck der Nazis: 189 wertvolle Kunstwerke der Dresdner Gemäldegalerie werden am Ende des Krieges auf Befehl des sächsischen Gauleiters Martin Mutschmann in den Schacht gebracht, damit sie dem nahenden Feind nicht in die Hände fallen. Dass die Nazis sie zerstören wollen, sowjetische Soldaten sie 1945 aber retten, davon erzählt später sogar ein DEFA-Film: "Fünf Tage, fünf Nächte" mit Annekathrin Bürger. Als "Trophäenkunst" gelangen die Bilder in die Sowjetunion. Anders als ursprünglich geplant werden deutsche Kunstschätze nach Stalins Tod restituiert. So kehrt beispielsweise Tizians "Zinsgroschen", der nach Lengefeld ausgelagert wurde, nach Dresden zurück. Doch nicht alle aus Lengefeld abtransportierten Bilder tauchen wieder auf.

Fledermaus- und Orchideen-Revier

Licht und Schatten im weißen Berg
Orchideen im Flächennaturdenkmal Lengefeld Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vieles, was zum Kriegsende geschehen ist, weiß Riccardo Sachse von seinem Vater. Oder aus zweiter Hand von Bergleuten, die dabei gewesen sind, als die Kunstwerke erst in den Berg hinein und dann wieder hinaus geschafft wurden. So hält er die geplante Zerstörung der Werke ebenso für eine Mär wie die DEFA-Geschichte von der heroischen Rettung. Als Vereinschef der Knappschaft Lengefeld gibt er über seine Sicht auf die Legende Auskunft. Vor allem kümmert er sich um die Pflege des Altbergbaus. Vom Experten Harald Tippmann weiß er, dass der Weiße Ofen heute das größte Winterquartier für Fledermäuse in Sachsen ist, mit acht verschiedenen Arten!

Überhaupt gilt das Kalkwerk Lengefeld als wichtiges Naturdenkmal. Auf den kalkhaltigen Böden wachsen Knabenkraut oder das in Sachsen eigentlich als ausgestorben geltende Kreuzblümchen Bodigella Amarella. Auf der sonnig geschützten Bruchsohle gedeihen Orchideen.

Perspektive unter Tage

Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
Hardy Wenzel mit Bergbau-Azubis Bildrechte: promovie / Oliver Kaufmann

So ist und bleibt das Revier am alten Kalkwerk wohl selbst nach der Verwahrung ein sehr lebendiger Ort. Dank der Aktivisten, die übrigens nicht nur aus dem jüngsten Kapitel der 500jährigen Bergbau-Geschichte zu erzählen haben. Nachdem die Ausbildung bis 2004 ruhte, gibt es im nahen Schneeberg, am Traditionsstandort des Erzbergbaus, heute wieder junge Bergbau-Azubis. Dass keiner davon mehr in Lengefeld landen wird, schmerzt den ehemaligen Grubenleiter Hardy Wenzel zwar, der inzwischen Frührentner ist.

Sein Know How gibt er dennoch als Prüfer an die jungen Leute weiter. Bohrlöcher setzen im Minutentakt. Fahrten stellen, also Leitern errichten wie zu Ur-Opas Zeiten. Genau das scheint sie zu faszinieren, denn sie erzählen Wenzel oft von Urgroßvätern, die im Bergbau waren.

Man lockt, indem man auf die Tradition schwört. Aber man kann auch locken, indem man auf die Perspektive schwört. Bergbau wird es geben müssen, Leute brauchen Rohstoffe, um ihren Lebensstandard zu halten, weltweit. Immer mehr Bauten kommen unter Tage. Wer weiß, vielleicht wohnen in ein paar Jahren die Leute untertage, weil es über Tage zu warm ist. Insofern sehe ich da eine Riesenperspektive.

Hardy Wenzel Bergmann

Hardy Wenzel meint, dass die Tradition der Region durchaus eine Zukunft hat.

Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
Das Museum beansprucht einen Superlativ für sich: Es ist die bedeutendste historische Anlage der Bindemittel-Industrie in Europa. Bildrechte: promovie / Oliver Kaufmann