Panorama der Stadt Dessau-Roßlau mit Rathausturm, Marienkirche und Rathaus-Center
Mit einem Durchschnittsalter von fast 50 Jahren ist Dessau-Roßlau die Stadt mit der ältesten Bevölkerung in Deutschland - das stellt die Bewohner vor Herausforderungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Reportage-Serie Dessau – Aufgeben oder Aufgabe?

Keine Stadt in Deutschland hat einen höheren Altersdurchschnitt als Dessau. Überalterung und Abwanderung stellen die Bauhausstadt vor Herausforderungen – und ermutigen die Bewohner, neue Wege zu gehen.

von Sabine Cygan, Martin Hoferick, Simon Köppl, Konstantin Kumpfmüller, Alexander Polte

Panorama der Stadt Dessau-Roßlau mit Rathausturm, Marienkirche und Rathaus-Center
Mit einem Durchschnittsalter von fast 50 Jahren ist Dessau-Roßlau die Stadt mit der ältesten Bevölkerung in Deutschland - das stellt die Bewohner vor Herausforderungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Stadt Dessau ist bekannt für das Bauhaus. Hier revolutionierte Walter Gropius Anfang des 20. Jahrhunderts Architektur, Design und Kunst. Es begann als Experiment. Mutige Leute schlugen neue Wege ein, um die moderne Gesellschaft mitzugestalten – und sowohl das Bauhaus als auch Dessau wurden weltbekannt. Auch heute braucht Dessau mutige Leute, die sich trauen, zu experimentieren. Leute, die etwas verändern wollen, die anpacken und die Stadt zu einer lebenswerten Heimat machen. Das unterstützt auch Brigitte Hartwig, Professorin für Kommunikationsdesign an der Hochschule Anhalt:

Ich denke in so einer besonderen Situation sollte man sehr mutig agieren. Man sollte ganz viel Experiment zulassen, weil das nur in so einer Situation möglich ist.

Brigitte Hartwig, Professorin für Kommunikationsdesign an der Hochschule Anhalt

Stimmen aus der Stadt

Leerstand, Abwanderung, Überalterung - und nun? Wie weiter? Diese Dessauer sehen die Herausforderungen der Stadt als Chance.

Person vor dem Bauhaus in Dessau
"Hier in Dessau zu bleiben ist etwas vor zu machen. Es ist möglich, dass ich in Dessau Design studiere und das Design umzusetzen nicht nur in größeren Städten möglich ist, sondern auch im nächsten Dorf." - Alexander Lech, Designer Bildrechte: Simon Köppl
Person vor dem Bauhaus in Dessau
"Hier in Dessau zu bleiben ist etwas vor zu machen. Es ist möglich, dass ich in Dessau Design studiere und das Design umzusetzen nicht nur in größeren Städten möglich ist, sondern auch im nächsten Dorf." - Alexander Lech, Designer Bildrechte: Simon Köppl
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Die besondere Situation: Dessau-Roßlau hat den höchsten Altersdurchschnitt in Deutschland. Fast jeder dritte Einwohner ist hier älter als 64 Jahre. Abwanderung und Überalterung befeuern die Stagnation. 

Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Bauhausstadt wandern junge Menschen ab. Tizian Steffen ist 28 Jahre alt, in Dessau geboren und geblieben - als einziger seines Abiturjahrgangs. Er arbeitet als Regieassistent und Abendspielleiter am Anhaltinischen Theater und engagiert sich in der Kirche und im VorOrt Verein. Für ihn gibt es hier viel zu tun. Doch er weiß, dass es für viele anders ist:

Dessau wird ja von den Studenten gerne 'Depressau' genannt. Natürlich kann es so einsam sein, aber trotzdem kann man sich hier auch vielseitig ausleben.

Tizian Steffen, Mitglied im "VorOrt"-Verein

Zwar studieren in der Hochschulstadt rund 1.200 junge Menschen. Doch viele von ihnen pendeln von hipperen Städten wie Leipzig oder Berlin nach Dessau und ziehen gar nicht erst in die Stadt. Und nach dem Studium kehren viele von ihnen Dessau wieder den Rücken. Nur wenige der gut ausgebildeten jungen Leute entscheiden sich, ihre berufliche Zukunft in Dessau zu beginnen. 

Der Stadtgestalter – Designer Alexander Lech sieht Dessau als Experimentierfeld

Anders Alexander Lech. Er ist in der Stadt geblieben. Der gebürtige Bernburger hat an der Hochschule Anhalt in Dessau Design studiert und mit dem Master abgeschlossen. Danach hat er sich selbstständig gemacht und das Design-Studio "Büro Hallo" gegründet. Dabei helfen ihm günstige Mieten. Außerdem unterrichtet er an der Hochschule. Für den 37-Jährigen ist Dessau ein Experimentierfeld, um neue Ideen zu testen.

Eine Gruppe von Studierenden hält Plakate hoch und läuft durch die Stadt
Designer Alexander Lech unterrichtet internationale Studierende der Hochschule Anhalt. Sie sollen in der Innenstadt mit Dessauern ins Gespräch kommen. Bildrechte: Simon Köppl

Schon während des Studiums hat er mit einer Projektgruppe in einem leerstehenden Laden in der Innenstadt versucht, die Stadt zu beleben. Wenn es nach ihm ginge, könnte die Hochschule viel mehr für die Stadt tun: "Eigentlich liegen die Probleme vor der Haustür der Hochschule und dennoch wird ein bisschen zu viel meiner Meinung nach zu fiktiv gearbeitet. Man könnte tatsächlich mit der Hochschule viel mehr bewirken", so Lech. Er nutzt zum Beispiel einen Grafik-Design-Workshop mit internationalen Studierenden um Poster mit persönlichen Fragen zu entwickeln, um mit den Dessauern über Fragen zur Stadt ins Gespräch zu kommen. Die Hochschule hat mit 30 Prozent den höchsten internationalen Anteil Studierender in Deutschland. Lech will zeigen, dass es möglich ist, als Designer in Dessau zu bleiben und zu arbeiten. 

Vor Ort geblieben – Der VorOrt Verein bringt Leben in ein leerstehendes Gebäude

Durch den Bevölkerungsschwund in Dessau werden viele Gebäude nicht mehr genutzt und verfallen. Zwischen Polizeipräsidium und Umweltbundesamt stand zwölf Jahre lang ein großes Backsteingebäude leer. Es wurde im 19. Jahrhundert als Lazarett errichtet und bis zum Jahr 2000 zuerst als Förderschule und danach als Volkshochschule genutzt. 

Der Stadt sei es nicht gelungen, für das heute denkmalgeschützte Gebäude einen neuen Besitzer zu finden, bedauert Christian Meister, der Leiter des Bau-Ordnungsamtes. "Denkmäler werden am besten immer dadurch erhalten, dass sich jemand darum kümmert und dass dem Denkmal eine Nutzung zugeführt wird. Sonst nagt der Zahn der Zeit", so Meister. 

Seit 2014 kümmert sich der VorOrt Verein um das Gebäude. Den Verein gründete Brigitte Hartwig, Professorin für Kommunikationsdesign an der Hochschule Anhalt, zusammen mit Studenten und Dessauern. Seitdem ist das Backsteingebäude als "VorOrt Haus" bekannt. Der Verein will ein Zeichen setzen gegen Leerstand und Abwanderung. Zwar ist es eine Mammut-Aufgabe, das verfallene Gebäude wieder in Stand zu setzen. Doch dieses "Unfertige" bietet auch viel Raum für Studenten und Dessauer, sich kreativ auszuleben und gemeinsam etwas zu erschaffen.

Alte Mauern, neues Leben – Ein Stadtplaner sucht Lösungen für den Leerstand

Immer zur Seite stand Brigitte Hartwig ein Dessauer, der sich mit Leerstand bestens auskennt und ihn kreativ nutzen will: Holger Schmidt.

Man muss die Stadt gestalten für diejenigen, die hier sind und diejenigen, die künftig hier sein sollen. Ich weiß aber nicht, wer künftig hier sein wird. Ich muss also Freiräume und Möglichkeitsräume eröffnen.

Holger Schmidt, Stadtplaner

Er ist Stadtplaner und sucht seit über zwanzig Jahren Lösungen für leerstehende Gebäude. Denn viele Architekturschätze würden sonst von der Stadt abgerissen werden. Zahlreiche Projekte hat der Stadtplaner seit den neunziger Jahren umgesetzt oder dabei beraten. Sei es das Kulturzentrum Schwabehaus in einem historischen Fachwerkhaus, die Reaktivierung einer alten Badeanstalt, die Skatehalle in einer ehemaligen Fabrik oder sein eigenes Büro in einer Eisenhandlung aus Zeiten der Industrialisierung. Sein Wissen versucht er weiterzugeben. Die Grundidee hinter allen Projekten ist die gleiche: Nicht auf Investoren oder die Verwaltung warten, sondern selbst für Dessau aktiv werden. 

Fernsehen

transparent

Leerstand und verfallene Häuser – in Dessau gibt es sie zuhauf. Zwölf Jahre lang stand ein denkmalgeschütztes Backsteingebäude leer und verfiel. Bis der VorOrt-Verein wieder Leben hinein brachte.

Sa 02.03.2019 18:00Uhr 14:45 min

https://www.mdr.de/meine-heimat/video-vor-ort-haus-dessau-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Fernsehen

Holger Schmidt mit Sigrid Heider und Helga Sinner vom Verein Rehsumpf e.V. 15 min
Bildrechte: Torsten Backofen / MDR

Der Mann für den Sport – Ralph Hirsch organisiert in Dessau-Roßlau Sportevents

Auch Ralph Hirsch möchte in der Stadt etwas bewegen: "Dessau hat, wie viele Städte im Osten, Probleme, aber es gilt der Blick nach vorne und der Sport trägt dazu bei, dass die Stadt lebenswerter wird." Hirsch organisiert seit mehr als 25 Jahren Sportveranstaltungen in Dessau und Umgebung. Er sagt:

Sport hält und bringt viele junge Menschen zu den Veranstaltungen in Dessau. Er zieht an wie ein Magnet.

Ralph Hirsch, Sportveranstalter

Von 1990 bis 2015 war er als Sportdirektor direkt bei der Stadt angestellt, heute organisiert er zum Beispiel Handball- oder Fußballspiele über seinen Verein Anhalt Sport. Dafür trifft er Sponsoren und besucht Vereine. Mit Erfolg: das Leichtathletik Meeting in Dessau ist nach dem ISTAF in Berlin deutschlandweit das größte. Als Präsident des Dessau-Roßlauer Handballvereins hat er den Klub in der 2. Bundesliga etabliert. Hirsch unterhält Kontakte zu Weltmeistern, Olympiasiegern und Promotern. Dabei vergisst er aber nicht die Kleinen: für ein U-11 Jugend-Fußballturnier holt er den Nachwuchs der besten Vereine nach Dessau: Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig.

Hirsch versucht für Jung und Alt etwas auf die Beine zu stellen: "Ich merke schon, dass viele alte Menschen zu den Sportevents kommen, aber auch die freuen sich, wenn was los ist." Ein Antrieb mehr, etwas in Dessau anzupacken und die Stadt mit Sport zu beleben.

Neben dem Gleis – Die Dessauer Bahnhofsmission

Wohl nirgends ist Dessau ungeschminkter zu erleben als in der Bahnhofsmission. Denn die herzlichen Helferinnen unterstützen neben den vielen Reisenden und Touristen auch jene Menschen, die Dessau nicht den Rücken kehren wollen oder können. Ein günstiges Frühstück, ein heißer Tee, ein offenes Ohr: In der Bahnhofsmission bekommen Dessauerinnen und Dessauer die Hilfe, die ihnen gesellschaftlich oftmals verwehrt wird. Für Beate Wolf eine Herzensaufgabe – von der auch Abstand wichtig ist:

Es gibt Fälle, die einen bewegen, die man über die Jahre mitgenommen hat. Aber man muss sich da schützen, darf das nicht mit ins Private nach Hause nehmen. Aber es passiert doch mal, gerade wenn es extreme Probleme sind und Menschen, die wir lange begleiten.

Beate Wolf, Bahnhofsmission Dessau

Sieben Damen und ein Herr bieten in der Bahnhofsmission einen Anker bei finanziellen Sorgen, Einsamkeit, Sucht. Wo Menschen aus dem Raster von Behörden und Formularen fallen, erfüllt die Bahnhofsmission in Dessau-Roßlau eine wichtige soziale Rolle. Und wird von den Gästen, die auf die Unterstützung der Bahnhofsmission angewiesen sind, geschätzt. "Bei uns ist es familiär, in Dessau haben wir keine Massenabfertigung. Uns wird immer gesagt, dass wir viel Herz und viel Liebe haben", sagt Beate Wolf. Doch der Job der Helferinnen ist nichts für schwache Nerven. Und planbar ist er auch nicht. Mit der Unterstützung von Reisenden im Bahnhof ist jeder Tag eine kleine überraschende Herausforderung. Doch eines ist für die Helferinnen der Bahnhofsmission klar: Aufgeben kommt nicht in Frage.

Ralph Hirsch klatscht / Schrift: Der Mann für den Sport 15 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Reportageserie entstand im Rahmen der Abschlussfilme des MDR-Volontariat-Jahrgangs 2017/2019.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 02. März 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Januar 2019, 09:08 Uhr